In die Stille des Morgengrauens fällt der Schuss. Trotz des Schalldämpfers auf der Mündung des Jagdgewehrs hallt der Knall über die Wasserfläche des Teichs. Einige Gänse fliegen auf und flüchten, während die Nilgans, die auf einem Baumstamm saß, ins flache Wasser des Steinbrücker Teichs am Stadtrand von Darmstadt fällt. Der Schütze ist im Auftrag der Stadt im Einsatz, weil Nilgänse sich dort ausbreiten und ihren Kot auf dem Spielplatz und der Grünfläche am Teich verteilen.Der Schuss gilt nicht nur dem einen Vogel, der von dem Projektil aus Kupfer getroffen worden ist, wie der Schütze, der neue Wildtierbeauftragte der Stadtverwaltung, erläutert. Vielmehr ist es nach seinen Worten Ziel der Jagd, die Nilgänse von der Grünfläche zu vertreiben, zu „vergrämen“, wie es in der Fachsprache heißt. Die Gänse nehmen wahr, dass ein Tier stirbt, und verbinden den Knall mit Gefahr, wie der Fachmann erläutert. So erziele die Jagd von Mal zu Mal einen besseren Effekt.Aufgeflogen: Kanadagänse am Steinbrücker TeichMichael HinzDer 29 Jahre alte Wildtierbeauftragte ist seit zwei Monaten in dieser Funktion tätig. Sein Name soll allerdings nicht in der Zeitung oder im Internet stehen, darum bittet Umweltdezernent Michael Kolmer (Die Grünen). Denn es gebe bei einzelnen Menschen Ressentiments gegen die Jagd, davor solle der Mitarbeiter geschützt werden. Sein Vorgänger hatte im Jahr 2013 als erster städtischer Wildtierbeauftragter seine Tätigkeit aufgenommen.Geschossen wird frühmorgens, bevor die Spaziergänger kommenWenn der Mitarbeiter schießen muss, erledigt er das sehr früh am Morgen, wenn noch keine Jogger und Spaziergänger unterwegs sind. Auch sonst achtet er auf die Sicherheit, wie er sagt. Beim Schuss auf die Gans auf dem Baumstamm habe sich hinter dem Tier die Uferböschung befunden – diese diene als „Kugelfang“, sodass das Projektil, wenn es das Tier durchdringe, nicht unkontrolliert durch die Luft fliege und Menschen treffen könne.Das Jagdgewehr benutzt der Wildtierbeauftragte aber nur dann, wenn es zu Konflikten zwischen Mensch und Tier kommt, wie der Umweltdezernent erläutert. Ziel ist nach seinen Worten keineswegs eine wildtierfreie Stadt, sondern ein „verantwortungsvolles Miteinander“. Gegen Tiere wie die Nilgänse werde nur in Fällen wie am Steinbrücker Teich vorgegangen, wo die Nutzung des Freizeitgeländes durch den Kot der Wasservögel beeinträchtigt werde. Manchmal sieht der Wildtierbeauftragte dort 40 Gänse auf dem Spielplatz sitzen, wie er sagt. Die Stadt will dabei auch nicht alle Gänse vertreiben, sondern ihre Zahl verringern und den Bestand lenken, wie Kolmer sagt. Die Vögel selbst seien für Menschen nicht gefährlich.Apportiert: Jim, der Hund des Wildtierbeauftragten, holt die getroffene Nilgans aus dem Wasser.Michael HinzDass es an dieser Stelle zum Konflikt kommt, liegt am Appetit der Nilgänse, die gerne Gras fressen und am liebsten auf einem gemähten Rasen zubeißen, wie der Wildtierbeauftragte erläutert. Ansonsten lebten die Gänse auch von Wasserpflanzen. An anderen Gewässern in Darmstadt, wie dem Badesee Großer Woog, dem Arheilger Mühlchen und der Grube Prinz von Hessen, werden ebenfalls Gänse geschossen, um sie zurückzudrängen. Nur am Teich im Herrngarten in der Innenstadt wird nicht gejagt, weil dort zu viele Menschen unterwegs sind.Kanadagänse kamen einst als Ziervögel nach DeutschlandNeben Nilgänsen kommen auch Kanadagänse an den Darmstädter Seen vor, wie der Mitarbeiter berichtet. Diese Art ist nach seinen Worten ebenfalls ein Neozoon, sie wurde vom Menschen nach Deutschland geholt, um die Tiere im 19. Jahrhundert als Ziervögel in Gärten zu halten.Dank seines Studiums der Wildtierökologie kann der städtische Mitarbeiter das Verhalten der Tiere lesen und einschätzen, wie es von der Stadt heißt. Nach ihren Angaben wird der Beauftragte auch aktiv, wenn ein Wildtier in der Stadt von einem Auto angefahren wird, dann sucht er das verletzte Tier.Weil sich immer öfter Wildtiere im Stadtgebiet zeigen, wächst in der Bewohnerschaft das Verständnis dafür, dass die Stadt eingreift und den Bestand reguliert, auch mithilfe der Jagd, wie Kolmer ausführt. Immer wieder wenden sich Bürger nach seinen Angaben sogar von sich aus an die Verwaltung und bitten um Hilfe, zum Beispiel wenn Waschbären im Garten auftauchen. Auch gegen Nutrias gehe die Verwaltung vor, weil diese im Wasser lebenden Pelztiere einen Hochwasserschutzdamm untergraben könnten.Als die Nilgans am Steinbrücker Teich erlegt ist, schickt der Wildtierbeauftragte mit einem kurzen Zuruf seinen Hund „Jim“ vor, um das Tier zu apportieren. Der Jagdhund muss erst ein Stück schwimmen, bis er die flache Stelle mit dem liegenden Baumstamm erreicht hat. Dort nimmt er ohne Zögern den rund drei Kilogramm schweren Vogel mit dem Maul hoch und bringt ihn zu dem Schützen.
Jagd auf Nilgänse in Darmstadt wegen Kot auf Spielplatz
Wenn der Kot in einer Grünanlage überhandnimmt, geht die Stadt Darmstadt gegen Nilgänse vor. Dafür gibt es einen Wildtierbeauftragten, der das Verhalten der Tiere lesen kann.






