Hier posiert sie als Streetstyle-Model: Alina Walbrun, die den Eindruck erweckte, approbierte Ärztin zu seinQuelle: Moritz Scholz/Getty Images„DocAlina“ macht „Werbung“ für ein Syndrom, das es nicht gibt. Das ist mehr als ein Influencer-Skandälchen. Es zeigt, dass medizinische Autorität in den sozialen Medien zur Ware wurde – und wie hoch ihr Preis ist.„Postvirale nasale Hypersensibilität“, das hätte sie im Studium auch schon durchgenommen, berichtet Medizinerin Alina Walbrun ganz authentisch nahbar aus ihrem Auto, nach dem HNO-Besuch. Und jetzt hätte sie das irgendwie vielleicht selbst, so eine Empfindlichkeit in der Nase, nach einem Infekt. So und so weiter plappert sie da, als wär das alles spontan und sie gerade zufällig die perfekte Expertin für PNHS. Nur: Die Krankheit existiert so nicht. Den Pharmakonzern, der darüber vermeintlich informieren will, gibt es ebenfalls nicht. Selbst die Unterlagen, mit denen das vermeintliche Unternehmen aufklären will, enthalten Hinweise auf den Schwindel: Sie spielen auf Pinocchio an, jene Kinderbuchfigur, deren, na klar, Nase beim Lügen wächst. Trotzdem landet die erfundene Erkrankung im Juli 2026 in der Instagram-Story der Medfluencerin „DocAlina“, sie hat damals mehr 300.000 Follower. Und wer hat das jetzt alles erfunden – und warum? Der YouTuber Marvin Wildhage, der schon häufiger solche und ähnliche Experimente machte, um Influencer und ihr Business vorzuführen. Nun konstruierte er also eine fiktive Pharmafirma und ließ Medfluencer anfragen, die über ein Syndrom aufklären sollen, für das es natürlich Heilung gibt (direkte Werbung ist Pharmafirmen untersagt). Die Falle sollte zeigen, ob Menschen, die im Internet medizinisches Wissen vermitteln, bezahlte Kooperationen gut und verlässlich kontrollieren. Inzwischen haben sich mehrere Ärzte auf Instagram geäußert, die eben nicht darauf hereingefallen sind, Allgemeinärzte etwa, die auch schon praktizieren. Walbrun, die bisher nur ihr Medizinstudium abgeschlossen hat, aber nicht als Ärztin approbiert ist, glaubte aber an das Syndrom, lieferte sogar mehr „Content“, als das Fake-Briefing überhaupt verlangte. Behauptete, es aus dem Studium zu kennen. Es jetzt selbst zu haben. Dabei finden sich keine Studien oder Quellen zur Krankheit noch ein entsprechender Registereintrag. Mit dieser persönlichen Story, die aber gleichzeitig Kompetenz und Engagement vermitteln sollte, erhielt die Werbung etwas, das der (Fake-)Konzern allein nicht herstellen kann: medizinische Autorität.Es geht nicht nur darum, dass eine Influencerin einen Begriff nicht nachgeschlagen hat. Was für sich schon ziemlich problematisch ist. Es geht auch darum, wie schnell eine Instagram-Bio mit „Ärztin“, ein paar Fotos in OP-Kleidung (die Walbrun auch schon mal von Pinterest geklaut haben soll) und eine professionell inszenierte Social-Media-Präsenz Glaubwürdigkeit erzeugen können. Das Publikum kann in der Regel nicht beurteilen, wie sorgfältig eine Aussage geprüft wurde. Es sieht eine Ärztin – und verlässt sich auf das, was sie sagt. Gerade in Zeiten, in denen Ärztemangel herrscht, Termine Luxus sind und ein längeres Gespräch mit einem Arzt sowieso. Da kommt so eine nette, kompetente junge Frau doch gerade recht! Und was hilft nun gegen meine empfindliche Nase? Lesen Sie auchNachdem YouTuber Wildhage die Ärztin exposed hatte, sie also öffentlich blamiert, hat sie ihren Instagram-Auftritt geändert: Statt Harvard-Studium ist da nur noch die Rede von der Harvard Summer School (wo sich jeder in Kursen einbuchen kann). Sie postete eine Entschuldigung, und hat die 3800 Euro, die sie für die Kooperation erhielt, an „Ärzte ohne Grenzen“ gespendet. Marvin Wildhage solle das nun auch tun, forderte sie. Und erklärt im Schweizer Rundfunk, dass die im Briefing genannten Symptome ja durchaus einem realen Krankheitsbild ähnlich gewesen seien. Auch der erfundene Begriff sei einem tatsächlich existierenden medizinischen Ausdruck ähnlich gewesen. Das erkläre ihren Irrtum, entschuldige ihn aber nicht. Für künftige Kooperationen kündigte sie eine strengere Prüfung anhand belastbarer Primärquellen und zusätzliche fachliche Kontrollen an.Lesen Sie auchWelche Sorgfalt darf man von Menschen erwarten, die zugleich medizinische Fachpersonen, Werbeträger und persönliche Marken sind? Es ist ein Problem der Neuzeit, für das es bisher wenig juristische oder medienrechtliche Regeln gibt. Medfluencer bewegen sich in einem Bereich, in dem verschiedene Rollen ineinanderlaufen. Sie erklären Krankheiten, empfehlen Routinen, präsentieren Produkte und geben Einblicke in ihr eigenes Leben. Gerade diese Mischung macht sie erfolgreich. Medizinische Informationen erscheinen dadurch weniger abstrakt, werden zugänglicher, wenn man das Gefühl hat, den Arzt zu kennen – und genau das vergrößert ja auch das Vertrauen in alles, was dieser Arzt sagt. Es ist das alte Influencer-Phänomen (sie ist meine Freundin, auf ihre Empfehlung gebe ich was!) – nur mit ungleich mehr Verantwortung. Lesen Sie auchMenschen folgen nicht einer Fachperson, einem wissenschaftlichen Thema, sondern einer Person, der sie Kompetenz und Glaubwürdigkeit zuschreiben. Dieses Vertrauen lässt sich in Reichweite übersetzen – und Reichweite wiederum in Geld. Wer eine Kooperation mit einer Ärztin bucht, kauft deshalb nicht allein einen Platz in ihrer Instagram-Story. Er kauft und bekommt Zugang zu ihrem professionellen Ansehen.Was medizinisch seriös ist, ist für ein schnelles Reel oft unbefriedigendSoziale Netzwerke wiederum belohnen Geschwindigkeit, Persönlichkeit und zugespitzte Botschaften. Wissenschaft funktioniert aber in der Regel anders, ist langweiliger. Sie braucht mehrere Quellen, Differenzierung und häufig auch das Zugeständnis, dass eine Frage eben nicht eindeutig beantwortet werden kann. Was medizinisch seriös ist, ist für ein schnelles Reel dann aber oft unbefriedigend, lässt sich nicht immer in eine kurze Story oder eine klare Empfehlung übersetzen.Daraus folgt nicht, dass Gesundheitsinhalte von Medfluencern generell unseriös sind. Viele Ärztinnen und Ärzte nutzen soziale Medien, um verständlich aufzuklären, Zusatzinfos zu geben, für die im Praxisalltag der Menschen oft keine Zeit ist, und Falschinformationen zu korrigieren. Es gibt viele seriöse Accounts, von Kinderarzt bis Gynäkologe, die Eltern und Frauen bei diversen Gesundheitsproblemen mit ersten Informationen helfen. Doch je stärker medizinische Kompetenz Teil einer vermarktbaren Persönlichkeit ist, desto wichtiger werden klare Regeln für eben diese Vermarktung. Denn ärztliche Werbung ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten. Sie darf jedoch nicht „irreführend, unsachlich oder mit dem professionellen Selbstverständnis des Arztberufs unvereinbar sein“, so die Musterberufsordnung für Ärzte. Auch das Heilmittelwerberecht setzt Grenzen, wenn medizinischen Produkten oder Verfahren Wirkungen zugeschrieben werden, die sie nicht besitzen, oder wenn Angaben „täuschungsgeeignet“ sind.Juristisch lässt sich also durchaus beschreiben, was medizinische Werbung bisher nicht darf. Das hat die Story von DocAlina aber auch nicht verhindert. Die Regeln, die für ärztliche Werbung gelten, stammen aus einer Welt, in der Fachinformation, Reklame und Privatleben noch voneinander zu trennen waren. Schwieriger ist die Frage, wie diese Regeln auf eine Medienfigur anzuwenden sind, die zugleich so viel ist: Fachperson, Werbefläche, Projektionsfläche für ihre Follower, Vertraute und irgendwie auch Produkt. Genau in dieser Unschärfe konnte eine erfundene Krankheit plötzlich glaubwürdig erscheinen. Die „postvirale nasale Hypersensibilität“ gibt es nicht, die medialen und psychologischen Strukturen, in denen sie plötzlich zum Syndrom wurde, gegen das man dringend ein Medikament braucht, schon. Ein selbst ernannter Fitnesscoach übrigens ging noch weiter – und machte Werbung für ein Produkt, das das Syndrom angeblich heilen kann: eine Kindernasentröte.
Medfluencer: Was dieser Fall über Medizin-Influencer auf Instagram verrät - WELT
„DocAlina“ macht „Werbung“ für ein Syndrom, das es nicht gibt. Das ist mehr als ein Influencer-Skandälchen. Es zeigt, dass medizinische Autorität in den sozialen Medien zur Ware wurde – und wie hoch ihr Preis ist.







