In Europa mussten Flughäfen wegen Drohnen den Betrieb einstellen. Warum schiessen die Sicherheitskräfte die Fluggeräte nicht einfach ab? Weil das nicht so einfach ist.11.10.2025, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Behörden reagierten mit grosser Hilflosigkeit. Als über dem Flughafen Kopenhagen kürzlich mehrere Drohnen kreisten, blieb den Verantwortlichen nur ein Ausweg: den Betrieb einstellen, komplett, für mehrere Stunden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und Kopenhagen ist kein Einzelfall geblieben. Über mehrere Tage tauchten Drohnen auf, die über Flughäfen und Militärstützpunkte in Dänemark flogen. Später folgte der Flughafen München. Tun konnten die Sicherheitskräfte dagegen praktisch nichts.Warum schiessen die Sicherheitskräfte die Drohnen über Flughäfen oder anderen kritischen Infrastrukturen nicht einfach ab? Und wie können Behörden die Drohnenflüge unterbinden, wenn nicht mit Waffengewalt?Diese Fragen sind berechtigt. Denn tatsächlich gibt es Abwehrsysteme, welche Drohnen effektiv in der Luft abschiessen können. Der deutsche Flugabwehrpanzer Gepard zum Beispiel: Er wurde bei der Bundeswehr ausgemustert. Jetzt zählt er zu den beliebtesten Abwehrsystemen in der Ukraine.Moderner als der Gepard sind Systeme wie der Skyranger der deutschen Rüstungsfirma Rheinmetall, entwickelt in der Schweiz bei der Flugabwehr-Abteilung in Oerlikon. Seine Maschinenkanone verschiesst pro Sekunde bis zu 20 Patronen, jede von ihnen etwa so gross wie eine Bierflasche.Es ist aber nicht allein die Feuerrate, die das System so effektiv machen soll. Das Besondere ist die sogenannte Airburst-Munition: Geschosse, die in der Luft zerplatzen und der Drohne winzige Projektile entgegenschleudern und sie so durchlöchern. Die zerstörerische Wolke aus Wolfram-Partikeln soll auch kleine Drohnen vom Himmel holen können.Neben der Maschinenkanone sollen die Skyranger für die dänische Armee auch mit Boden-Luft-Raketen ausgestattet werden. So könnten sie auch weiter entfernte Ziele treffen. Dänemark hat ein gutes Dutzend Skyranger bestellt, geliefert werden sie jedoch erst 2027 und 2028. Die deutsche Bundeswehr will in den nächsten fünf Jahren 600 Skyranger kaufen.Mittelfristig mangelt es im Prinzip nicht an militärischen Lösungen zur Drohnenabwehr. Aber Flughäfen sind zivile und vor allem sensitive Objekte, trotz ihrer Grösse. Tausende von Menschen sitzen in Flugzeugen und verglasten Terminals. Tankfahrzeuge und Busse fahren über das Vorfeld. Überall finden sich schützenswerte Objekte. Ein einziges fehlgeleitetes Geschoss kann da mehr Schaden anrichten als so manche Kleindrohne.Die Miniprojektile der Airburst-Munition sind zwar winzig, können aber auch dünnes Metall durchschlagen. Für einen Menschen wäre ein solcher Wolfram-Nebel wohl tödlich. Mit Maschinenkanonen und Raketen lässt sich daher ein militärisches Feldlager schützen – aber nicht ein ziviler Flughafen. Jedenfalls nicht in Friedenszeiten.Umso wichtiger sind Systeme, die Drohnen frühzeitig erkennen und helfen, die Bedrohung einzuschätzen. An vielen Orten stellen die Überflüge von kleinen Quadrocopter-Drohnen keine eigentliche militärische Gefahr dar. An Flughäfen ist das anders: Auch kleinere Drohnen können Flugzeugen gefährlich werden, weshalb der Flugverkehr aus Sicherheitsgründen eingestellt werden muss.Zudem ist es grundsätzlich das Ziel der Sicherheitskräfte, die Drohne einzufangen und den Piloten zu finden. Auch dann, wenn es sich um einen Vergnügungsflug mit dem Geburtstagsgeschenk handelt. Wie schwierig das ist, zeigen die Überflüge in Dänemark oder Deutschland.Schon für wenig Geld können sich Hobbyflieger die kleinen und leichten Quadrocopter leisten. Grössere Versionen wiegen mehrere Kilogramm und können auch Sprengkörper tragen, wie man es aus dem Ukraine-Krieg kennt. Die passende Abwehr muss deshalb abgestuft sein.Manche Erkennungssysteme bauen dafür auf Kameras, die die Drohne auch in einer Entfernung von mehr als einem Kilometer aufspüren. In bewaldeten oder bergigen Gebieten kommt die optische Detektion allerdings an ihre Grenzen.Drohnen lassen sich darüber hinaus auch klanglich orten. Die Ukraine nutzt dafür laut dem Online-Magazin «The War Zone» mehrere tausend Mikrofone, im ganzen Land verteilt. Mithilfe von künstlicher Intelligenz lassen sich so einzelne Klangsignaturen unterscheiden und einem Drohnentyp zuordnen: das Sirren eines kleinen Quadrocopters, das Rasenmäherhafte einer Shahed-Kampfdrohne, der harmlose Mäher im weit entfernten Garten.Bedeutender noch als Kameras und Mikrofone ist die Ortung mit Radar und Funk. Um ein Gebiet von der Grösse eines Flughafens abzudecken, braucht es mehrere Funkpeilantennen. Wenn drei von ihnen die Drohne erfasst haben, lässt sich ihr Standort recht genau bestimmen. Auch die Fernbedienung in der Hand des Piloten lässt sich binnen weniger Sekunden orten – weil diese mit der Drohne funkt.Ist die Drohne einmal geortet, muss es schnell gehen: Eine Person mit Entscheidungsbefugnis muss die weiteren Schritte anordnen. Bei Bedarf rücken Einsatzkräfte aus und versuchen, zu dem Drohnenpiloten zu gelangen. All das kann aber viele – und letztlich entscheidende – Minuten kosten.Schneller ginge es, wenn man Drohnen gegen Drohnen einsetzen könnte. In der Ukraine, gewissermassen dem Testlabor der neuen Drohnen-Ära, ist das schon lange der Fall.Martialisch kommt etwa die Shotgun-Drohne daher, die feindliche Drohnen abschiesst. Eher zivil einsetzbar wären hingegen Abfangdrohnen mit einem Netz, wie sie die deutsche Bundeswehr verwendet. Aus Kartuschen können sie jeweils ein Netz auf die fremde Drohne schleudern. Bei Bedarf fangen sie die Drohne wie in einem Netzbeutel und tragen sie aus dem zu sichernden Bereich.Jammen, Spoofen, KapernUm Drohnen auch ohne Waffen zu bekämpfen, greifen Behörden in der Nähe ziviler Infrastruktur oft auf das sogenannte Jamming zurück. Dabei werden starke elektronische Störsignale in Richtung der Drohne gesendet, zum Beispiel mit Geräten, die aussehen wie klobige Gewehre. Die Jammer verwenden dafür denselben Frequenzbereich, den die Drohne für die Fernsteuerung nutzt. Vereinfacht gesagt, versteht die Drohne dadurch die Funksignale nicht mehr richtig. Sie wird gewissermassen führungslos. Auch das GPS-Signal, auf das zumindest kommerzielle Kleindrohnen angewiesen sind, lässt sich stören.Handelsübliche Drohnen reagieren darauf auf drei verschiedene Weisen: Sie bleiben an einer festen Stelle in der Luft schweben, sie fliegen zurück zum Ausgangspunkt – oder sie leiten eine Sicherheitslandung ein. In jedem Fall können sie ihr eigentliches Ziel nicht mehr weiter ansteuern. Auch das Jamming ist allerdings nicht frei von möglichen Nebenwirkungen: Im schlimmsten Fall kann es den Flugverkehr erheblich stören.Neben dem Jamming gehört auch das sogenannte Spoofing zum Arsenal der Drohnenjäger. Hier wird der Drohne mit einem Sender ein falsches GPS-Signal vorgegaukelt. So findet sich die Drohne plötzlich an einem falschen Ort wieder und verliert die Orientierung.Die Königsdisziplin: Durch einen technischen Trick lässt sich die Steuerung von einigen der gängigsten Drohnen übernehmen. Die Fluggeräte werden gewissermassen gekapert und an einem sicheren Ort zur Landung gebracht. Ein solches Störsender-System, wie es die israelische Firma D-Fend Solutions produziert, ist kaum grösser als ein Koffer mit einem Antennenaufsatz.Ein abgestuftes System mit verschiedenen elektronischen Abwehrmechanismen ist etwa am Flughafen Zürich im Einsatz, geliefert von der Swisscom. Bei einem militärischen Angriff mit Drohnen müsste aber die Schweizer Armee eingreifen – und die hat derzeit noch kein umfassendes Abwehrsystem.Schrotflinten und SturmgewehreQuadrocopter sind kleine, schnelle und bewegliche Ziele. Sie abzuschiessen, erfordert Präzision. Polizei und Militär nutzen deshalb Hilfsmittel, um besser zu treffen.Zum einen lässt sich die Munition verbessern. In der Ukraine ist Gewehrmunition im Einsatz, die nach dem Abfeuern kleinere Geschosse freisetzt. So lässt sich die Reichweite eines Sturmgewehrs mit der Streuwirkung einer Schrotflinte kombinieren. Auch Shotgun-Munition mit einem Netz statt Schrotkugeln soll gegen die russischen Drohnen helfen.Die beste Munition bringt jedoch nichts, wenn der Schütze nicht in der Lage ist, die Drohne zu treffen. Die deutsche Bundeswehr nutzt daher das Smash-Zielassistenzsystem. Das Feuerleitvisier hilft dank vierfacher optischer Vergrösserung und einem Ballistikrechner dem Schützen dabei, bewegliche Ziele zu treffen. Das System lässt den Schützen erst dann den Abzug drücken, wenn das Ziel im Visier ist und laut Berechnung in diesem Moment getroffen werden kann. Drohnen sollen sich damit in einer Entfernung von bis zu 250 Metern bekämpfen lassen.Was bei all diesen Munitionstypen bleibt, ist die Gefahr, Unbeteiligte zu treffen. Mit Kunststoffmunition vom Typ «Urban Drone Defence» soll auch dieses Risiko minimiert werden. Die Projektile wiegen nur etwa 1 Gramm und damit rund ein Zehntel der normalen Geschosse aus Metall. Durch das geringere Gewicht haben sie einen kleineren Gefahrenbereich; nur bis 400 Meter Entfernung soll laut dem Hersteller eine solche Kugel gefährlich sein. Das macht die Munition, wenn man dem Hersteller glauben kann, für den innerstädtischen Raum geeignet.Von juristischen Hürden abgesehen: Gewehrmunition fällt nicht einfach vom Himmel, sondern fliegt entlang einer ballistischen Kurve. Sie kann auch noch Menschen in anderthalb Kilometern Entfernung schwer verletzen.Leidensdruck zu wenig gross für militärische AbwehrOb zurückhaltend wie am Zürcher Flughafen oder offensiver wie im Ukraine-Krieg: Es mangelt nicht an Optionen, Drohnen schnell zu bekämpfen. Der Drohnenexperte Hans Peter Stuch zeigt sich optimistisch, was die Abwehrbereitschaft an wichtigen zivilen Einrichtungen in Europa angeht. Stuch forscht seit vielen Jahren am deutschen Fraunhofer-Institut FKIE zur Abwehr von Drohnen – vor allem derjenigen ohne Waffen.«Im zivilen Kontext sehe ich militärische Waffensysteme derzeit nicht», sagt Stuch. «Auch wenn das zumindest in Deutschland im Moment von einigen Politikern gepusht wird.» Neben der Gefahr von Kollateralschäden sieht er bei Flughäfen auch noch ein anderes Problem: «Wenn ich mir vorstelle, dass da nachts um zwei künftig die militärischen Geschütze in die Luft knattern – da wird die gesellschaftliche Akzeptanz nicht sehr gross sein.»Als Forscher ist Stuch auch selbst an Drohnenabwehr-Projekten beteiligt. Er sieht die Lösung in einer Kombination aus verschiedenen Detektions- und Bekämpfungsmitteln. Wie genau diese Mischung ausgestaltet ist, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab: rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen, aber auch der allgemeinen Bedrohungslage. «Es ist», resümiert Stuch, «immer eine Frage des Leidensdrucks.» Welches Ziel will man gegen welche Gefahr mit welchen Mitteln schützen: Diese Frage stellt sich derzeit so dringend wie lange nicht.Mitarbeit: Anja LemckePassend zum Artikel