Die Ganztagsbetreuung von Kindern und die Wohnkosten von Bürgergeldempfängern sind nur zwei Beispiele von bundesgesetzlichen Regelungen, die Städte, Kommunen und Landkreise finanziell massiv belasten. Trotz vielfacher Hilferufe aus den Kommunen ist deren Finanzlage heikel — oder hat sich etwas gebessert?Wir haben einen erheblichen Aufwuchs an Aufgaben und Kosten, der in krassem Missverhältnis zu den Mitteln steht, die uns als Kommunen zur Verfügung gestellt werden, um die aus bundesgesetzlichen Regelungen erwachsenden Aufgaben zu bewältigen.Dazu zählt auch die Ganztagsbetreuung in Schulen?Richtig, das ist ein gutes Beispiel. Der Bund hat das seinerzeit noch zu Regierungszeiten der vorletzten großen Koalition auf den Weg gebracht. Weil der Bund aber keine Zuständigkeit für die Schulen besitzt, hat er das dem Träger der Jugendhilfe zugewiesen, der im Gros der Bundesländer auch Schulträger ist. In Hessen ist das jedenfalls der Fall.Der Schulträger in Rheingau und Taunus ist der Kreis. Also müssen Sie zahlen?Ja. Die Kommunen hatten schon damals im Gesetzgebungsverfahren gesehen, dass gewaltige Investitionen fällig würden. Deshalb haben sie natürlich gefragt, wer das bezahlen solle. Darauf hieß es, Bund und Land würden den Großteil der Kosten übernehmen.Wie sieht das heute konkret aus?Die Ganztagsbetreuung greift vom neuen Schuljahr an. Wir arbeiten gerade an der konkreten Umsetzung. Klar ist schon jetzt, dass der Kreis bis 2030 mehr als 30 Millionen Euro für den Ausbau des Ganztags in die Hand nehmen muss, um sicherzustellen, dass die Schulen dem Betreuungsanspruch genügen.Wofür brauchen Sie das Geld?Unsere Schulen sind in den Sechziger- und Siebzigerjahren gebaut worden. Zu einer Zeit, in der die Kinder um zwölf oder 13 Uhr nach Hause gegangen sind. Schulhöfe waren in der Regel quadratisch, wo man vielleicht noch etwas Fußball spielen konnte. Wenn ein Kind in Zukunft von 7:30 bis vielleicht 16:30 Uhr in der Schule ist, dann sind an die Freiflächen ganz andere Anforderungen zu stellen. Die Kinder brauchen Bewegungsräume, das Ganze muss kindgerecht und zudem klimaresilient sein.Wie viel haben Sie von Bund und Land zu erwarten?6,8 Millionen Euro. Am Ende ist genau das eingetreten, was wir schon im Gesetzgebungsverfahren befürchtet haben: Wir bleiben auf dem Großteil der Kosten sitzen. Die Schulen und die Ganztagsbetreuung sind eines der Beispiele, an denen sich unsere Forderung festmacht: Wer bestellt, der muss auch bezahlen. Diese sogenannte Veranlassungskonnexität wird derzeit nicht erfüllt.Was sind die Folgen in den Kommunen?Das läuft dann auf die Triage hinaus. Wir müssen dann entscheiden, was wir in Zukunft noch finanzieren können und was nicht.Etwa die freiwilligen Leistungen für Vereine?Ja. Wir haben Sorge, dass die Unterstützungsleistungen für das Ehrenamt unter Druck geraten. Diese Leistungen sind zwar freiwillig, aber die unterstützten Tätigkeiten unter dem Dach von Vereinen sind das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Da darf auf keinen Fall gespart werden. Etwa die Gefahrenabwehr, die nicht in die Zuständigkeit der Polizei fällt, basiert im ländlichen Raum auf dem Ehrenamt und Vereinen.Beispielsweise die Feuerwehr?Richtig. Selbst in Großstädten, wo es eine leistungsfähige Berufsfeuerwehr gibt, sind bei größeren Einsätzen oft auch die freiwilligen Feuerwehren beteiligt. Bei uns im ländlichen Raum gibt es keine Berufsfeuerwehr. Im Kreis engagieren sich mehr als 2500 Kameradinnen und Kameraden ehrenamtlich in der Feuerwehr, um rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche für Brandschutz zu sorgen. Um im Ernstfall bei einer Gefahrenlage schnell genug Feuerwehrleute vor Ort zu haben, arbeiten wir über kommunale Grenzen zusammen.Noch einmal zu den Finanzen: Nur vier der 17 Kreiskommunen hatten 2025 einen ausgeglichenen Haushalt. Sie haben Kreis- und Schulumlage stabil gehalten, um die Kommunen zu schonen, obwohl auch der Kreis-Etat für 2026 bei einem Volumen von 485,4 Millionen ein Defizit von 25 Millionen aufweist. Wie soll das weitergehen?Wenn die Kosten – wie zu erwarten – weiter steigen, werden wir auch die Schulumlage anpassen müssen. Die ist ein Gebührentatbestand, der immer kostendeckend zu führen ist. Bei der Kreisumlage ist man etwas freier. Allerdings gibt es auch da klare rechtliche Grenzen.Was tun Kommunen und Kreis, um die finanzielle Lage zu verbessern?Um von Bund und Land eine gerechtere Finanzierung verlangen zu können, müssen wir natürlich auch selbst unsere Aufgaben machen. Wir prüfen deshalb ständig neue Formen der Zusammenarbeit. So sind wir heute schon Vergabestelle und Rechnungsprüfungsamt für alle 17 Kommunen. Aber es ist auch klar: Wir können Synergien nutzen und effizienter werden. Die strukturelle Unterfinanzierung können wir damit nicht ausgleichen. Das können nur Bund und Land.Gerade sorgt für Aufregung, dass die Kassenärztliche Vereinigung Hessen Mitte Dezember die ärztliche Bereitschaftsdienstzentrale in Bad Schwalbach schließt. Die medizinische Versorgung im Untertaunus wird so nicht besser. Ein heikles Signal für den ländlichen Raum?Das bereitet mir große Sorge. Man muss den Eindruck gewinnen, dass die peripheren Räume zugunsten der Ballungszentren geschwächt werden. An Orten, wo sie noch eine Klinik haben, kann das im Sinne der Synergien gut begründbar sein. Aber dort, wo keine Klinik mehr ist, eben nicht. Eine gleichmäßige Flächenversorgung ist damit nicht mehr gegeben. Wir müssen aufpassen, dass wir da das vom Grundgesetz vorgegebene Ziel der gleichwertigen Lebensverhältnisse nicht aus dem Blick verlieren. Es muss politisch klar sein, dass der ländliche Raum die gleichen Chancen für die Menschen bieten muss wie die Zentren.In vielen Kommunen ist die Grundsteuer weiter gestiegen. Auch das ist der strukturellen Unterfinanzierung geschuldet?Ja. Und ich glaube, das wird sich nicht ändern, solange sich nichts an der Finanzierung der Kommunen grundlegend ändert. Denn die Grundsteuer ist derzeit die einzige Steuer, die die Kommune selbstbestimmt erheben kann. Außerdem weist die kommunale Finanzaufsicht Kommunen im Ernstfall darauf hin, dass sie sich dieses Instruments bedienen sollen, wenn sie wollen, dass ihr Haushalt genehmigt wird.Sie fordern nicht nur Geld von Bund und Land, sondern versuchen auch, mit einer aktiven Wirtschaftsförderung Unternehmen im Kreis zu halten oder hierherzulocken. Funktioniert das?Wir haben letztes Jahr die Wirtschaftsförderstrategie im Kreistag auf den Weg gebracht und arbeiten jetzt an der Umsetzung. Ein Strang: Im Kreis leben viele Pendler. Wir machen sichtbar, dass wir auch im Kreis viele zukunftsträchtige Unternehmen haben. Hier im Kreis ist vom Handwerk bis zur KI-Robotik alles vertreten. Wir sind auch bestrebt, mit den Kommunen daran zu arbeiten, wieder mehr Gewerbegebiete auszuweisen. Das ist im Moment nicht so, wie es sein könnte.Warum nicht?Das liegt auch daran, dass sich viele Kommunen keine eigene Stadtplanungsabteilung oder gar eine Wirtschaftsförderung mehr leisten können. Wir als Landkreis unterstützen, wenn mehrere Kommunen beispielsweise ein gemeinsames neues Gewerbegebiet erschließen. Wir helfen dann auch bei der aktiven Vermarktung über eine Onlineplattform. Und — wenn gewünscht — choreographieren wir die beteiligten Behörden so, dass die Neuansiedlung reibungslos und schnell funktioniert.