Es ist ein Paradoxon, das kaum zu übersehen ist: Die Schweden wollten der Welt zeigen, wie man Bargeld überflüssig macht. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der Bargeldumlauf geringer, nirgendwo sonst wird mehr ohne Scheine und Münzen gezahlt. Doch ausgerechnet die bargeldlosen Schweden schicken nun Broschüren an Haushalte mit der Bitte, doch etwas Bargeld unter der Matratze aufzubewahren: 1000 Kronen, rund 90 Euro, damit man für den Fall der Fälle gerüstet ist.Gleichzeitig arbeitet die Europäische Union, die gerade dabei ist, den digitalen Euro zu entwickeln, daran, das Münzgeld zu retten. Und die Bundesbank übt für Notfälle in der Bargeldversorgung. Ist das ein Widerspruch? Nur bedingt. Es ist eher eine späte Erkenntnis: Resilienz braucht Redundanz. Wer nur auf ein System setzt, ist immer verwundbar – egal wie gut es auch funktioniert.Schwedisches Gesetz ist „unnötig und wirkungsschwach“Bargeld gut, alles gut? Nicht ganz. Denn zur Ehrlichkeit gehört dazu: Das Bargeld-Gesetz, das die Schweden nun erlassen haben, ist in seiner jetzigen Form sinnlos. 97 Prozent aller Supermärkte und Lebensmittelketten haben sowieso Scheine und Münzen akzeptiert. Dazu kommt, dass es keine klare Aufsichtsbehörde und keine Strafandrohung für Verstöße gibt. Kurz: Die meisten betroffenen Läden akzeptieren ohnehin Bargeld, und wer es nicht tut, dem droht erst einmal nichts Konkretes. Nicht umsonst hat der schwedische Gesetzesrat das Gesetz als „unnötig und wirkungsschwach“ kritisiert.Ein europäisches Gesetz müsste hier also anschließen und dann auch noch weiter gehen. Denn zur Bargeld-Annahme-Pflicht sollte dann auch eine Pflicht dazugehören, eine bargeldlose Alternative anzubieten. Zum einen gilt das Argument, dass Resilienz auch Redundanz braucht, auch andersherum. Wie schnell Bargeld an seine Grenzen kommen kann, sieht man zum Beispiel dann, wenn die Geld-Transportdienste streiken wie zuletzt 2024 oder ein technischer Defekt die Geldautomaten lahmlegt wie 2015 – oder ganz praktisch, wenn man in einer Region ist, in der es kaum Geldautomaten gibt oder diese sehr teuer sind.Aber noch viel wichtiger wäre die dann hergestellte echte Wahlfreiheit für die Konsumenten an der Kasse. Denn wer mit Bargeld bezahlen möchte, könnte das dann tun. Und wer keines dabeihat, könnte auch bezahlen. Niemand müsste den anderen mehr darüber belehren: „Bargeld ist Freiheit“ oder „Kartenzahlung ist so praktisch“. Dazu kommt: Kein Händler würde diskriminiert. Denn Bargeldhandling verursacht Kosten – doch Kartenzahlung verursacht auch Kosten. Wer heute nur Bargeld anbietet, müsste eben ein Kartengerät anschaffen. Und wer heute kein Bargeld mehr akzeptiert, müsste eben auch den Preis des Bargeldhandlings tragen. Möchte man Redundanz und Resilienz wirklich ernst nehmen, kann man sie nicht nur für eine Zahlungsart fordern, sondern muss sie auch für beide durchsetzen.