Die wahrscheinlich vor einer Übernahme durch die italienische Bank Unicredit stehende Commerzbank hat im zweiten Quartal 2026 dank eines starken Wertpapiergeschäfts mit Privatkunden und einem weit überdurchschnittlichen Ertragszuwachs ihrer polnischen Tochtergesellschaft M-Bank gut verdient. Mit einem Quartalsgewinn von 898 Millionen Euro erhöhte das Frankfurter Kreditinstitut seinen Halbjahresnettogewinn auf 1,8 Milliarden Euro, nach eigenen Angaben vom Donnerstagmorgen ein Rekordergebnis in der mehr als 150 Jahre alten Unternehmensgeschichte.Das entspricht einer Eigenkapitalrendite von 12,5 Prozent. Damit übertraf die Commerzbank nicht nur das von außerordentlichen Kosten belastete Ergebnis des Vorjahres um 40 Prozent, sondern auch die Erwartungen der Analysten, die im Durchschnitt lediglich einen Quartalsgewinn von 845 Millionen Euro geschätzt hatten. Der Vorstand sah allerdings davon ab, die zuletzt mehrfach erhöhte Jahresprognose von 3,4 Milliarden Euro Nettogewinn weiter zu erhöhen.Gleichwohl gab sich Bettina Orlopp, die Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, selbstbewusst und will nun mit dem Aufkäufer Unicredit gemeinsam die Zukunft gestalten, etwa wenn es um das Geschäftsmodell und den Abbau von weiteren Arbeitsplätzen geht: „Auch wenn die Unicredit über eine Mehrheit auf der nächsten Hauptversammlung verfügt, kann sie über wesentliche Strukturmaßnahmen nicht allein entscheiden“, sagte Orlopp am Donnerstagmorgen in einer Mitteilung. „Das ist ein klarer Gestaltungsauftrag für beide Seiten. Dafür braucht es ein gemeinsames Verständnis des Geschäftsmodells und die Einbindung aller Stakeholder“, fügte sie hinzu.Commerzbank will weitere Aktien zurückkaufenDarüber hinaus konzentrierte sich die Commerzbank darauf, ihre eigenen Stärken in den Vordergrund zu rücken. Während der Zinsüberschuss stagnierte, legten die Gebühreneinnahmen (Provisionsüberschuss) im ersten Halbjahr um gut sieben Prozent zu, die polnische M-Bank ragte mit 15 Prozent Ertragsplus heraus. Die Kosten blieben mit einem Zuwachs von 3,5 Prozent unter Kontrolle, auch dank Einsparmöglichkeiten durch Künstliche Intelligenz. Mit 202 Millionen Euro musste die Commerzbank für vom Ausfall gefährdete Kredite vorsorgen, im zweiten Quartal 2025 war die Risikovorsorge allerdings mit 176 Millionen Euro noch niedriger gewesen.Orlopp kommentierte die Halbjahresergebnisse am Donnerstagmorgen so: „Wir haben im ersten Halbjahr wieder ein Rekordergebnis erzielt. Das zeigt, welche Kraft in unserem Geschäftsmodell steckt.“ Mit ihrer auf Eigenständigkeit beruhenden Strategie schaffe die Commerzbank „verlässlich Wert für alle Stakeholder“, also für Aktionäre, Belegschaft und etwa auch die deutsche Volkswirtschaft. Orlopp fügte hinzu: „Wir wachsen profitabel, investieren und beweisen Tag für Tag die Stärke unseres Kundengeschäfts. Auf dieser Grundlage planen wir den nächsten Aktienrückkauf.“Mit dem Rückkauf eigener Aktien für weitere 1,2 Milliarden Euro, den die EZB schon genehmigt hat, will die Commerzbank offenbar versuchen, ihren eigenen Aktienkurs weiter nach oben zu treiben und die Übernahme für Unicredit möglichst teuer zu machen. Das ist ihr zwar bisher gut gelungen, am Tag vor der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen hat der Commerzbank-Aktienkurs mit 39,75 Euro den höchsten Stand seit mehr als fünfzehn Jahren erreicht. Aber auch das Jahreskursplus von derzeit rund zehn Prozent wird der Commerzbank kaum helfen, eine Übernahme der italienischen Bank noch abzuwehren, schließlich besitzt Unicredit bereits 47,65 Prozent und kann sich die restlichen Commerzbank-Aktien im Wert von derzeit rund 24 Milliarden Euro locker leisten.Weidmann und Merz haben Blockade aufgegebenNach mehr als eineinhalb Jahren aggressiven Vordringens der Unicredit und verbalem, aber wenig handfestem Widerstand seitens der Commerzbank hat eine neue Phase begonnen. Ein konstruktives Vorgehen könnte so aussehen, dass man gemeinsam mit Unicredit eine Strategie auf Basis beider Geschäftsmodelle entwickele. Zuvor hatte der Commerzbank-Aufsichtsratsvorsitzende Jens Weidmann schon anerkannt, dass Unicredit mit einem freiwilligen, wenig attraktiven Übernahmeangebot dennoch seit Anfang Juli nun fast 50 Prozent der Commerzbank-Aktien hält. Damit seien die Mehrheitsverhältnisse klar. Tatsächlich kann Unicredit angesichts von Anwesenheitsquoten auf Hauptversammlungen von selten mehr als 70 Prozent nun Aufsichtsräte mit eigener Drei-Viertel-Mehrheit abberufen, eigene Kandidaten wählen lassen und einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag abschließen. Weidmann formulierte daher aus Commerzbank-Sicht: „Jetzt geht es darum, in konstruktiven Gesprächen wichtige Eckpunkte für Mitarbeiter, Aktionäre und die Kunden der Bank festzulegen.“Unicredit-Chef Andrea Orcel musste bisher keine Zugeständnisse machen, um der Kontrolle der Commerzbank nahezukommen.Picture AllianceAuch der Bund hat seine bisherige ablehnende Blockadehaltung gegen Unicredit aufgegeben. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der mit zwölf Prozent Staatsanteil als zweitgrößter Aktionär der Commerzbank mit am Tisch sitzt, sagte am 15. Juli zu Journalisten in Berlin: „Wir verhindern nicht diese Fusion oder diese Übernahme. Wir haben auch den Versuch nie unternommen.“ Zugleich kritisierte Merz das Vorgehen Unicredits als „offensiv, zum Teil als aggressiv“.Die Führung der italienischen Bank gibt sich seither konzilianter. Unicredit-Chef Andrea Orcel sagte in einem Interview: „Wir haben möglicherweise die Kontrolle erlangt, ohne – wie bei einer solchen Transaktion normalerweise üblich – Zugeständnisse machen zu müssen. Deshalb sind wir jetzt sehr offen.“ Allerdings will Orcel den Vorstand der Commerzbank übergehen und direkt mit der Bundesregierung und dem Konzernbetriebsrat verhandeln – vor allem über zwei Streitpunkte.Firmenkundengeschäft im Ausland als StreitpunktAus Sicht der Bundesregierung ist in Verhandlungen mit dem Aufkäufer aus Mailand einer der wichtigsten Streitpunkte, ob das umfangreiche Auslandsnetz der Commerzbank erhalten bleibt. Das vor mehr als 150 Jahren in Hamburg von Kaufleuten gegründete Institut ist mit recht eigenständigen Niederlassungen auch in Asien, in den USA und in Afrika vertreten, um vor Ort die Investitionen von deutschen Unternehmen passgenau zu unterstützen. Unicredit dagegen ist zwar größer und in einem Dutzend Ländern sogar mit eigener Tochtergesellschaft aktiv, aber im Kern eine auf Europa fokussierte Bank mit straffer Konzern-Führung aus Mailand. Einige Unternehmenschefs wie Martin Herrenknecht vom Tunnelbohrmaschinenhersteller Herrenknecht, der Kunde beider Kreditinstitute ist, bezweifeln, dass Unicredit den deutschen Mittelstand gerade bei Auslandsinvestitionen so versiert finanziert wie die Commerzbank. Unicredit-Chef Andrea Orcel dagegen hält das Auslandsgeschäft der Commerzbank für zu teuer und überdimensioniert.Kampf um ArbeitsplätzeUnd natürlich geht es nicht nur um Kundenbedürfnisse und deren Preis, sondern auch um Arbeitsplätze. Unicredit-Chef Orcel will die Commerzbank erst noch zwei Jahre allein bestehen lassen und sie auf Effizienz trimmen. 7000 von derzeit 30.000 Arbeitsplätzen im Inland will Orcel nach eigener Darstellung streichen, bevor er die Commerzbank mit Unicredits Münchener Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank zusammenführt. Aber auch der Commerzbank-Vorstand hat im Februar 2026 angekündigt, weitere 3000 Stellen bis 2030 zu streichen. Dabei wendet der Vorstand um die Vorsitzende Bettina Orlopp großzügige Frühverrentungs- und Abfindungsregeln an, betriebsbedingte Kündigungen hat sie mit dem Betriebsrat bis 2030 ausgeschlossen. Auch deshalb steht die Arbeitnehmervertretung einer Übernahme durch Unicredit bisher ablehnend gegenüber. Anders als die Vorstandsmitglieder, von denen vermutlich die meisten mit großzügigen Abfindungen nach einer Übernahme schnell ausscheiden dürften, werden die „normalen“ Mitarbeiter mit der neuen Unicredit-Führung zusammenarbeiten müssen und umgekehrt.Von den Aufsichtsbehörden ist kein Widerstand zu erwarten. Nachdem die deutsche Bankenaufsicht Bafin Ende Juli den Antrag Unicredits zur Übernahme von mehr als 30 Prozent der Commerzbank-Anteile positiv beschieden und an die Europäische Bankenaufsicht der EZB weitergeleitet hat, wird diese nun innerhalb einer 60-Tage-Frist darüber endgültig entscheiden (eine Fristverlängerung um 20 Tage ist möglich). Falls die EZB, wie allgemein erwartet, Unicredit keine Steine in den Weg legt, könnte sie schon im Oktober die Kontrolle über die Commerzbank erlangen. Dann müsste Unicredit das Frankfurter Kreditinstitut in ihrer Konzernbilanz auch voll konsolidieren, was Unicredits Kernkapitalquote von zuletzt 14,3 Prozent um rund zwei Prozentpunkte drücken würde.Unicredit hat Rückkauf eigener Aktien gestopptUnicredit hat im ersten Halbjahr 2026 ein Rekordergebnis erzielt. Ihr Nettogewinn von 6,3 Milliarden Euro entspricht einer Eigenkapitalrendite von mehr als 23 Prozent. Unicredit setzte allerdings im Juli den geplanten Rückkauf eigener Aktien erst einmal aus, um die nun offenbar konkret anstehende Übernahme der Commerzbank besser stemmen zu können.Die Rating-Agentur S&P hat auch im Juli die Möglichkeit, dass sich die Bonität der Commerzbank bald verbessert, zu den Akten gelegt und das Commerzbank-Rating „A“ mit stabilem statt zuvor positivem Ausblick bewertet. Als Grund nannte S&P unter anderem die möglichen Integrationsrisiken im Fall einer Übernahme durch Unicredit.