Leichte Beute für Iran: Kuwait leidet am meisten unter den Angriffen auf den GolfKuwait steht schon lange im Schatten von Katar oder Dubai. Die iranischen Angriffe auf das Golfemirat vertiefen die kuwaitische Krise – und bringen ein altes Trauma zurück an die Oberfläche.06.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenKuwait ist das bescheidenste der Golfemirate – und wird jetzt zur iranischen Zielscheibe.Dominique Berbain / Gamma-Rapho / Getty«Sollten Sie eine Sirene hören, begeben Sie sich bitte umgehend in den Keller», sagt der Rezeptionist in dem Hotel einer amerikanischen Kette in Kuwait-Stadt. «Herzlich willkommen!» Kuwait war anders als Dubai oder Doha auch schon vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs keine Feriendestination. Doch jetzt kommt erst recht kaum ein Ausländer mehr in das kleine Golfemirat an der irakischen Südgrenze. Der riesige Hotelklotz im Zentrum des Stadtstaates zählt derzeit ungefähr gleich viele Gäste wie Angestellte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seitdem Iran und die USA den gegenseitigen Beschuss wieder aufgenommen haben, wurde Kuwait am heftigsten getroffen. Iranische Raketen schlugen unter anderem in ein kuwaitisches Kraftwerk und eine Entsalzungsanlage ein. Gerade Letzteres ist besonders besorgniserregend für das Emirat, das neunzig Prozent seines Trinkwassers dem Meer abringt. Insgesamt schoss Iran seit Kriegsbeginn Ende Februar knapp 1500 Raketen und Drohnen auf das Land ab, das nicht einmal halb so gross wie die Schweiz ist.Kuwait trifft der Iran-Krieg wie die anderen Länder am Golf ins Mark. Doch in dem Stadtstaat rufen das Sirenengeheul und der Beschuss besonders viel Furcht hervor. «Wegen der Invasion haben wir immer diese tiefsitzende Angst, dass jemand von aussen kommt und unser Land übernimmt», sagt der Architekt Hamad Alfawaz in seinem Büro in einem der vielen bescheidenen Glastürme von Kuwait.Die Invasion des Iraks ist schon über fünfunddreissig Jahre her, doch belastet sie die kollektive Psyche der Kuwaiter immer noch. Im Jahr 1990 liess der irakische Diktator Saddam Hussein Panzer in das kleine Nachbarland rollen und besetzte es für ein Jahr, bis die USA Saddams Truppen in der Operation «Desert Storm» wieder vertrieben. Von dem Schock hat sich Kuwait bis heute nicht erholt. Wie damals hängt auch heute die Zukunft des Landes in der Schwebe.Kuwaits langer AbstiegSeit Kriegsbeginn läuft das Geschäft des Architekten Hamad Alfawaz schlecht.PDKuwait, die einstige Perle des Golfs, hat einen spektakulären Abstieg hinter sich. «Bis in die 1980er Jahre waren wir das, was Dubai heute ist», sagt Hamad Alfawaz. Jetzt musste das Emirat vorübergehend sogar Dieselgeneratoren in Betrieb nehmen, um nach dem Raketeneinschlag in das Elektrizitätswerk den hohen Stromverbrauch im glühend heissen Sommer zu decken.In den 1960er und 1970er Jahren war Kuwait das Tor zum Golf. Als erstes Land besass es einen Staatsfonds, der Emir finanzierte mit dem unermesslichen Ölreichtum Projekte auf der ganzen Welt – unter anderem in einem damals noch unbekannten Fischerstädtchen namens Dubai. In Kuwait florierten die Nachtklubs, Weltstars wie Andy Warhol machten in dem Stadtstaat halt.Schon in den 1980er Jahren geriet das Emirat im iranisch-irakischen Krieg zwischen die Fronten. Dann wurde es 1990 selbst zur Beute von Saddam Hussein. Seitdem versucht Kuwait bloss nicht aufzufallen, bloss keine Begehrlichkeiten bei seinen grossen Nachbarn zu wecken. Seit dem irakischen Einmarsch investiert das Emirat vor allem im Ausland, kaum mehr zu Hause.Amerikanische Soldaten 1991 in Kuwait: Nach rund einem Jahr Besetzung befreiten die USA Kuwait von Saddam Husseins Truppen.John Gaps / APDas zeigt sich im Stadtbild: Während sich Dubai, Abu Dhabi oder Doha mit riesigen Wolkenkratzern zu futuristischen Metropolen der Weltwirtschaft gemausert haben, liegen in Kuwait grosse Flächen in bester Lage brach. An den Fassaden im Stadtzentrum blättert langsam der Putz ab. Statt wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) beinahe lautlos über die breiten Strassen zu rollen, rumpeln die Autos in Kuwait gelegentlich über Schlaglöcher.Das Trauma der Invasion ist allgegenwärtig. In einer kuwaitischen Galerie für moderne Kunst hat vor kurzem die Ausstellung «Helden der Nation» eröffnet – in der sich Schulkinder mit dem jüngsten «externen politischen Stress» auseinandersetzen, wie es im Begleittext der Galerie heisst. Ein grosses Gemälde mit kuwaitischen Flaggen ist dem Werk «Guernica» von Pablo Picasso nachempfunden. Picasso hatte damals ein Massaker der deutschen Luftwaffe im Spanischen Bürgerkrieg thematisiert – in Kuwait geht seit 1990 selbst die junge Generation immer vom Schlimmsten aus.Die Wirtschaft ist eingebrochen«Die Folgen der irakischen Invasion schlagen sich sogar in der Architektur nieder», sagt Hamad Alfawaz. «In Kuwait wollen alle Klienten einen Keller unter ihrem Haus haben – wegen möglicher Luftangriffe.» In anderen Golfstaaten baue der 42-Jährige fast nie ein Untergeschoss.Im Moment plant Alfawaz jedoch gar nichts. Seitdem die USA und Israel Iran angegriffen haben, liegen alle seine Projekte brach. In seinem Büro mit den unverputzten Betonwänden schauen die wenigen Angestellten auf grosse Bildschirme mit Häusern, die vorerst niemand realisiert.«Das Geschäft läuft schrecklich», sagt der Unternehmer. «Seit Kriegsausbruch will keiner mehr investieren, und einige unserer Baustoffe können wir nicht mehr importieren.» Seitdem die Iraner die Strasse von Hormuz gesperrt haben, kann Kuwait nur noch über den Landweg versorgt werden. «Ein Container aus Europa oder China hat vor dem Krieg vielleicht 2000 Dollar gekostet», klagt Alfawaz. «Jetzt sind es 10 000 Dollar.»Ende Juli wurde der Grenzübergang zwischen Kuwait und dem Irak von einer iranischen Drohne getroffen und war für einige Tage geschlossen.Essam al-Sudani / ReutersFür Teheran ist Kuwait wegen der geografischen Nähe ein leichtes Ziel. Als Begründung für die Attacken führt das iranische Regime zudem die amerikanische Militärpräsenz an. In dem kleinen Land sind bis heute über 13 000 US-Soldaten stationiert, das grösste amerikanische Kontingent in der Region.Auch hat Iran kaum mit Konsequenzen zu rechnen, wenn es das kleine Emirat beschiesst. Zwar berichtete das «Wall Street Journal» kürzlich, Kuwait habe als Reaktion auf die Attacken selbst Angriffe gegen Iran geflogen. Doch wies das Emirat den Bericht der Zeitung umgehend zurück. Auch diplomatische Kreise in Kuwait halten es für unwahrscheinlich, dass der Stadtstaat tatsächlich selbst in den Krieg eingegriffen hat.Iran dürfte zudem eine Strategie der Spaltung verfolgen: Indem Teheran seine Attacken auf Saudiarabien, die VAE und Katar eingestellt hat, aber Kuwait und Bahrain weiterhin beschiesst, schwächt es die Einigkeit der Golfaraber. Die grossen Nachbarn werden kaum für das kleine Kuwait in den Krieg ziehen. Das Emirat bleibt auf sich allein gestellt, und Iran statuiert an Kuwait ein abschreckendes Exempel für die restlichen Golfstaaten.Trotz den Angriffen und dem erzwungenen Exportstopp fällt Kuwait weich: Das mit Erdöl gesegnete Land bleibt eines der reichsten der Welt, der kuwaitische Staatsfonds verwaltet über eine Billion Dollar. Mehr als 15 Milliarden der kuwaitischen Petrodollars sind allein in der Schweiz angelegt. Doch frisches Geld ist jetzt knapp.Die Ölförderung ist quasi zum Erliegen gekommen. Es wird nur noch das aus der Erde geholt, was für den eigenen Konsum im Land benötigt wird. Der Export ist komplett zum Erliegen gekommen, denn Kuwait hat nie mit einer Blockade der Strasse von Hormuz gerechnet – über Pipelines nach Saudiarabien oder in den Irak verfügt das Land nicht.Droht dem ganzen Golf ein Kuwait-Szenario?«Wir müssen diese Pipelines so schnell wie möglich errichten», sagt der Wirtschaftsprofessor Nayef Alshammari. «Eine Situation wie vor dem Krieg, dass zwanzig Prozent der weltweiten Ölexporte durch die Strasse von Hormuz gehen, darf es nie mehr geben.» Der Ökonom und ehemalige kuwaitische Diplomat in Washington sitzt in einem langen weissen Gewand, das für Golfaraber typisch ist, in seinem Büro der Universität Kuwait im Süden der Stadt. Eine Alternative müsse auch her, falls der Krieg sofort zu Ende gehen sollte, meint Alshammari. «Unser Vertrauen in Iran liegt bei weniger als einem Prozent.»Der kuwaitische Ökonom Nayef Alshammari fordert Reformen nach dem Krieg.NZZUnd ebenso wie alle anderen Golfstaaten muss Kuwait laut dem Wirtschaftswissenschafter dringend unabhängiger vom Ölgeschäft werden. Während Katar riesige Sport-Events veranstaltet, die VAE über zwei profitable Airlines verfügen und Saudiarabien mit seiner Vision 2030 allerlei Megaprojekte anschiebt, hinkt Kuwait hinterher.In der Vergangenheit seien Versuche, die Wirtschaft zu diversifizieren, von dem andauernd blockierten Parlament durchkreuzt worden, heisst es in dem Emirat. Der seit 2023 regierende Emir Mishal al-Sabah hat die Volksvertretung vor zwei Jahren aufgelöst und kann jetzt nach Gutdünken alles allein entscheiden. Doch die grossen Fragen wie die massiven Subventionen für die eigene Bevölkerung lässt auch er bis jetzt unberührt. Immer noch erhalten Kuwaiter Strom, Wasser und Benzin nahezu umsonst. Kuwait bleibt das behäbigste Emirat unter den dynamischen Kleinstaaten am Golf.In Kuwait sprudelt das Öl in rauen Mengen – eine wirtschaftliche Diversifizierung ist in weiter Ferne.Greg Gibson / APDie Geschichte des Stadtstaates ist ein abschreckendes Beispiel für die gesamte Region: Nach dem rasanten Aufstieg kam ein Schock und dann eine jahrelange Stagnation. Die Herrscher in Doha, Abu Dhabi und Riad dürfte die Angst umtreiben, dass der Iran-Krieg für ihre Länder langfristig ähnlich einschneidend sein könnte, wie es die irakische Invasion für Kuwait einst war.Wird sich Kuwait von den USA lösen?«Wir wollten immer die Schweiz des Nahen Ostens sein», sagt Saad bin Tiflah mit einem Seufzer auf dem hellen Sofa in seiner heruntergekühlten Villa. «Aber leider ist unser Schicksal ein anderes: Wir sind die guten Kerle in einer sehr schlechten Nachbarschaft.»Kuwaits ehemaliger Kommunikationsminister Saad bin Tiflah glaubt nicht, dass sich sein Land von den USA abwendet.NZZTiflah war Ende der 1990er Jahre kuwaitischer Kommunikationsminister – er musste damals das Image des angeschlagenen Staates wieder aufpolieren. Heute ist er ein gerngesehener Gast im arabischen Fernsehen und bleibt eng mit der kuwaitischen Führung und den starken Männern der Region vernetzt.Das kleine Kuwait drohe von zwei messianischen Ideologien im Nahen Osten zerrieben zu werden: «Der radikale Zionismus Israels und der archaische Islamismus Irans», sagt Tiflah. «Und leider denkt Iran derzeit, dass wir leichte Beute sind.»Teheran behauptet, dass es vor allem die amerikanischen Basen im Land attackiere und dass von Kuwait aus Angriffe gegen sein Land geflogen würden. Sollte sich Kuwait also von den einstigen amerikanischen Befreiern lösen, um künftig nicht mehr attackiert zu werden?Saad bin Tiflah wischt dieses Szenario barsch zur Seite: «Die USA sind der Grund für die Stabilität unseres Landes in den vergangenen sechzig Jahren», sagt der frühere Minister. «Wir werden sie auch weiterhin brauchen.» Andere Kuwaiter zweifeln die enge Anlehnung an die USA hinter vorgehaltener Hand jedoch an. Ein ehemaliger Militärangehöriger, der Kuwaits Regierung bis heute berät, schimpft im vertraulichen Gespräch über die Verbündeten in Washington. Heute sehe man ja, dass ihre Basen Kuwait nur Chaos statt Sicherheit gebracht hätten.Schon jetzt unterzieht der gesamte Golf seine Sicherheitspolitik einer Generalüberholung. Die Beziehungen zu den USA stehen dabei ganz oben auf der Traktandenliste. Kuwait dürfte das tun, was es seit nunmehr sechsunddreissig Jahren tut: abwarten, wie sich die anderen Golfstaaten positionieren, bedächtig eine Entscheidung treffen und bloss nicht auffallen.Passend zum Artikel
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