Dornröschenschlaf-Idyll wird 100: der Flughafen, der Venedig schöner macht – aber nicht mobilerDer Aeroporto Nicelli ist ein seltenes Stück lebendige Luftfahrtgeschichte – und zugleich Bühne für eine neue, exklusive Mobilitätsklasse, die Venedig nur aus der Luft und von der Jacht kennt.Jürgen Schelling06.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenZum «schönsten Flughafen der Welt» erkoren: Der Flughafen Nicelli-Venedig wird 100 Jahre alt. Im Vordergrund eine Focke-Wulf Fw 44 Stieglitz von 1932.PDIm August 1926 wurde der Aeroporto Nicelli eröffnet. Konzipiert als Verkehrsflughafen für Venedig und damit als erster überhaupt in Italien, steht er im Land sinnbildlich für die Ära des zivilen Luftverkehrs. Der Airport mit seiner bis heute bestehenden Graspiste befindet sich in der Lagune auf dem Lido di Venezia, nur vier Kilometer vom Markusplatz entfernt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurz nach der Eröffnung wurde die erste internationale Linienflugverbindung für Italien mit Pomp eingeweiht. Venedig war nun – mit Zwischenstopp in Klagenfurt – direkt mit der österreichischen Hauptstadt Wien verbunden. Die Fluggesellschaft Transadriatica, eine Vorläuferin der späteren Alitalia, setzte einmotorige Propellermaschinen mit sechs Plätzen ein. Der Pilot war damals noch im offenen Cockpit dem Fahrtwind ausgesetzt. Die zu dieser Zeit durchweg wohlhabenden Passagiere sassen deutlich komfortabler hinter ihm in einer beheizten Kabine.Öffentliche Gebäude wurden in dieser Ära in Italien in einem rationalistischen, sehr sachlichen Architekturstil gebaut. Der italienische Architekt Mario Emmer konstruierte in diesem Stil 1934 nicht nur das Abfluggebäude, sondern entwarf zusätzlich selbst passende Details der Bauten, etwa die Theke der Bar oder das Interieur des Restaurants.Zahlreiche Gemälde von Guglielmo Sansoni, damals unter dem Namen Tato ein bekannter Künstler, verzierten das Innere des Terminals. Der 1974 verstorbene italienische Maler galt als einer der Pioniere der sogenannten Aeromalerei, deren Darstellungen sowohl die Faszination für die Luftfahrt als auch jene für die Moderne umfassten.Neben dem Nicelli-Hauptgebäude liegt die ebenso detailgetreu restaurierte Flugtankstelle.Uwe StohrerBenannt wurde der Flugplatz 1934 nach einem jungen Piloten: Giovanni Nicelli war ein italienisches Jagdflieger-Ass im Ersten Weltkrieg. Er war erst 24 Jahre alt, als sich sein Doppeldecker vom Typ Nieuport 1918 in der Luft zerlegte und abstürzte.In den 1930er Jahren war Nicelli nach dem Airport der Hauptstadt Rom der Flughafen mit den meisten Flugbewegungen und internationalen Verbindungen Italiens. Zu dieser Zeit verknüpften 22 Fluglinien die Lagunenstadt mit den wichtigsten Metropolen Europas.Den Zweiten Weltkrieg überstanden das Abfertigungsgebäude und die daneben liegende Tankstelle im Art-déco-Stil als einziges Flugplatz-Ensemble ganz Italiens völlig unbeschädigt. Allerdings nahmen deutsche Streitkräfte nach dem Sturz Mussolinis einen Grossteil der Ausrüstung des Flughafens mit. Zudem brachten sie Sprengladungen am Terminal und an der Landebahn an. Diese konnten jedoch von mutigen Venezianern nach dem Rückzug der Deutschen entschärft werden.Die Graspiste des Aeroporto Nicelli liegt malerisch auf dem Lido bei Venedig.Uwe StohrerNach der Befreiung durch die Alliierten landeten hier amerikanische Flugzeuge mit Hilfsgütern für die Bevölkerung. Sogar Flüge direkt aus den USA kamen zu dieser Zeit in Nicelli an – aber wie damals üblich mit mehreren Zwischenlandungen.Auch der Papst landete hierNach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diente der Flugplatz den alliierten Truppen bis 1946 als militärische Kommandostelle. In den nächsten 15 Jahren blieb Nicelli das exklusive Eingangstor von Venedig für illustre Gäste, etwa zu den bereits seit 1932 stattfindenden internationalen Filmfestspielen. Auch Papst Johannes XXIII. landete hier.Erst als der neue Grossflughafen Marco Polo 1960 auf dem venezianischen Festland eröffnet wurde, verlor Nicelli seine Bedeutung. Der aussergewöhnliche Flugplatz fiel trotz dem fortgesetzten Betrieb für privaten Flugverkehr in eine Art aviatischen Dornröschenschlaf.Die Gemälde von Tato hängen in alter Frische im Art-déco-Hauptgebäude.Uwe StohrerDoch der Aeroclub Venezia, eine Schar flugbegeisterter Menschen aus der Region, sorgte dafür, dass die Gebäude weiter erhalten und genutzt wurden, auch wenn ab den 1980er Jahren ein eher morbider Charme den Flugplatz umgab.Erst 1998 begann eine umfassende Restaurierung von Gebäuden wie Terminal, Tankstelle und Restaurant. Sie fand ihren Abschluss neun Jahre später. Bei dem Umbau blieb der Architekturstil der 1930er Jahre vollständig erhalten, und auch die Gemälde des Künstlers Tato wurden teilweise rekonstruiert, um eine möglichst detailgetreue Wiedergabe des ursprünglichen Ambiente zu erreichen. Eine Galeristin sorgte zudem 2022 dafür, dass die Möblierung des Terminals nun ebenfalls zeitgenössisch typisch ist.99 Jahre nach seiner Gründung, im Sommer 2025, wurde Nicelli erneut Treffpunkt der Reichen und Schönen aus der ganzen Welt. Dieses Mal flogen sie allerdings per Helikopter ein. Denn der amerikanische Multimilliardär Jeff Bezos heiratete in der Lagunenstadt seine Freundin Lauren Sánchez, selbst aktive Pilotin.Und da es in Venedig vieles gibt, nur keinen Helikopterlandeplatz inmitten der Stadt, wurden 200 zumeist prominente Hochzeitsgäste teilweise mit Helikoptern von ihren Luxusjachten abgeholt und zum Nicelli Airport gebracht. Von dort ging es per Schiff in wenigen Minuten zur dreitägigen Hochzeitsparty.Besucher können auf der Terrasse hautnah An- und Abflüge der Maschinen verfolgen.Uwe StohrerNach den Feierlichkeiten liess es sich die frisch vermählte Lauren Bezos nicht nehmen, den Helikopter beim Abflug von Nicelli selbst zu steuern und von dort bis zu der vor Kroatien ankernden Bezos-Jacht zu fliegen.Dank Privatisierung kann der Flughafen neu erstrahlenDer Verkauf des Flugplatzes vor wenigen Jahren durch die Stadt Venedig an eine Vereinigung venezianischer Geschäftsleute hat dem Image des Kleinods nicht geschadet. Im Gegenteil: Neben dem reinen Flugbetrieb finden nun zunehmend Kunst-Events und Ausstellungen im historischen Abfertigungsgebäude statt.Fliegerisch geht es in Nicelli heute ohnehin gelassen zu. Das liegt auch daran, dass das maximale Abfluggewicht auf 5,7 Tonnen beschränkt ist. Allerdings dürfen per Ausnahmegenehmigung auch grosse Flugzeuge wie die bis zu 13 Tonnen schwere Douglas DC-3 starten und landen. Deren Anblick war dort in den 1940er Jahren fast alltäglich.Businessjets können Nicelli nicht anfliegen. Denn diese dürfen nicht auf Graspisten landen. Mit einer Ausnahme: Der in Stans von Pilatus Aircraft gebaute Businessjet PC-24 hat die Fähigkeit, auch auf der nur 994 Meter kurzen Grasbahn von Nicelli abheben und aufsetzen zu können. Deshalb ist manchmal ungewöhnlicherweise ein PC-24 auf dem Vorfeld zu sehen. Das wird sonst von Cessna, Piper sowie robusten Turboprops und Helikoptern bevölkert.Jetzt im August wird das aussergewöhnliche Jubiläum des hundertjährigen Bestehens von Nicelli gefeiert. Das allerdings nicht etwa mit einer Flugschau, sondern mit einer Reihe von Kunst-Events.Auch die Piloten lieben die Abflüge über den Lido und die historische Altstadt Venedigs.Uwe StohrerFür Piloten ist aber der Anflug, der immer im Sichtflug erfolgt, das faszinierendste Nicelli-Erlebnis. Je nach Windrichtung fliegen sie direkt vom Meer auf die wenige Meter nach dem Ufer beginnende Runway zu und landen. Oder in die entgegengesetzte Landerichtung, die fliegerisch fast noch spannender ist. Dann fliegen die Maschinen knapp am Empfangsgebäude vorbei und setzen in unmittelbarer Nähe der Gäste auf, die auf der Terrasse des stilvollen Flugplatzrestaurants sitzen. «Bella figura» zu machen, ist hier für Piloten Pflicht.Auch die ehemalige Flugplatztankstelle im Art-déco-Stil ist detailgetreu restauriert. Das Flugbenzin Avgas für Kolbenmotorflugzeuge gibt es hier genauso wie Kerosin für Turboprops oder Turbinenhelikopter. Hier hat sich 2025 der Traditionshersteller Junkers einen aussergewöhnlichen Showroom für seine Ultraleichtflugzeuge eingerichtet, die für den italienischen und auch den Schweizer Markt bestimmt sind.Für die BBC ist der nun hundertjährige Aeroporto Nicelli einer der zehn schönsten Flugplätze der Welt. Wer einmal dort war, wird vermutlich beipflichten.Passend zum Artikel