Powerplay in Kongo: Der Rohstoffriese Glencore ringt um seine wichtigsten MinenGlencores Gewinn explodiert. Das hat der Schweizer Konzern auch den Bodenschätzen in Kongo zu verdanken. Doch Kinshasa will die Macht ausländischer Bergbauriesen zurückdrängen.06.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenRotes Metall, schwarze Zahlen: eine Kupfer- und Kobaltmine im Süden von Kongo-Kinshasa.Reuters Staff / ReutersEs ist eine gute Zeit für Rohstoffkonzerne. Rohöl und Erdölprodukte wie Benzin und Diesel sind aufgrund des Iran-Kriegs knapper und teurer geworden. Viele Metalle sind kostspielig, weil sie für die Elektrifizierung, den Bau von Elektroautos und Datenzentren benötigt werden. Oder wie es Gary Nagle, der Chef des Schweizer Rohstoffriesen Glencore, am Mittwoch formulierte: Es sei ein sehr erfreuliches erstes Halbjahr gewesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Glencore hat von Januar bis Ende Juni einen bereinigten Betriebsgewinn (Ebitda) von 10,1 Milliarden Dollar erzielt – 86 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das gelang durch den sehr lukrativ gewordenen Handel mit Öl, aber auch durch den Verkauf der Bodenschätze, die der Konzern selbst abbaut. Dabei spielt Kupfer eine herausragende Rolle: Das rote Metall steuerte 3 Milliarden Dollar zum Betriebsgewinn bei.Der Preis für Kupfer ist seit Anfang 2025 um 60 Prozent gestiegen. Es ist das rentabelste Metall in Glencores Portfolio. Der Konzern mit Sitz in Baar baut es in Südamerika und in Afrika ab, genauer gesagt in Kongo-Kinshasa. Ein Drittel von Glencores Kupferproduktion stammt daher.Kein Land ist für den weltgrössten börsenkotierten Rohstoffhändler so wichtig wie Kongo. Doch mit den gestiegenen Preisen wächst in Kinshasa der Wunsch, den Einfluss ausländischer Bergbaukonzerne zurückzudrängen. Die Regierung von Präsident Félix Tshisekedi will immer öfter mitreden. Ihr stehen drei Hebel zur Verfügung.Kongos erster Hebel: ein Exportregime für KobaltGlencore hält die Mehrheit an zwei grossen Kupferminen im Süden des zentralafrikanischen Landes. Doch so wichtig Kupfer für die Weltwirtschaft auch ist, ein Beiprodukt beim Abbau ist es ebenfalls: Kobalt, das unter anderem für Akkus in Elektroautos, Ladeinfrastruktur und Stromnetze benötigt wird.Bei Kobalt hat Kongo noch mehr Einfluss als bei Kupfer, denn es steuert 70 Prozent des weltweiten Angebots bei. Doch nachdem der Preis für Kobalt stark gefallen war, hat Kongo im Februar 2025 einen Ausfuhrstopp verhängt. Seit Oktober teilt die Regierung den Produzenten Kontingente zu, die sie exportieren dürfen.Die Verknappung hat gewirkt, Kobalt ist heute 160 Prozent teurer als Anfang 2025. Aber für Glencore hat das eine Schattenseite: Im ersten Halbjahr hat der Konzern fast die Hälfte weniger Kobalt gefördert als im Vorjahreszeitraum, weil er es nicht exportieren kann.Kongo ist Glencores einzige Kobaltquelle. Das Unternehmen erklärt auf Anfrage, es könne seine weltweiten Lieferverpflichtungen trotzdem erfüllen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, Glencore habe auf Lager zurückgreifen müssen, um chinesische Hersteller von Elektroautos zu versorgen.Kongo habe das Recht, bei einem so strategischen Rohstoff wie Kobalt mehr Kontrolle über dessen Produktion, Export und den Weltmarktpreis zu gewinnen, kommentiert die Nichtregierungsorganisation Public Eye. Entscheidend sei jedoch, ob und wie diese Intervention zu mehr lokaler Wertschöpfung, höheren Staatseinnahmen und Vorteilen für die Bevölkerung beitrage.Kongos zweiter Hebel: erzwungene BeteiligungenTrotz den enormen Bodenschätzen ist das rund 115 Millionen Einwohner zählende Kongo-Kinshasa eines der ärmsten Länder der Welt. Die Regierung verspricht, zum Wohl der Einwohner zu handeln. Zum Beispiel will sie durchsetzen, dass die Bevölkerung stärker an den Bergbaukonzernen beteiligt wird.Seit 2018 existiert ein Gesetz, wonach kongolesische Staatsbürger 10 Prozent an den Minengesellschaften des Landes erhalten sollen, davon die Hälfte für die Angestellten. Doch das wurde nicht durchgesetzt – noch nicht. Anfang des Jahres setzte die Regierung den Bergbaukonzernen, darunter Glencore, eine Frist bis Ende Juli.Offenbar hat bis heute keine Minengesellschaft die Anforderungen erfüllt. Das Bergbauministerium teilte mit, jetzt müsse über die weiteren Schritte entschieden werden. Glencore sagt, die Branche sei im Austausch mit der Regierung.Der Eingriff ist nicht unumstritten: Public Eye verweist auf Befürchtungen in der Zivilgesellschaft, wonach die Aktienbeteiligungen bei den Eliten statt bei den Beschäftigten und damit der Bevölkerung landen würden. Deshalb werde ein öffentliches Register der wirtschaftlich Berechtigten hinter solchen Beteiligungen gefordert.Allerdings will Kinshasa den Bogen auch nicht überspannen: Es sich mit den ausländischen Konzernen zu verderben, liegt nicht im Interesse des seit 2019 amtierenden Präsidenten Félix Tshisekedi. Dieser wolle und müsse mehr Staatseinnahmen aus den Bodenschätzen erzielen, dürfe aber Grossinvestoren wie Glencore nicht vergraulen, sagt auch Public Eye. Die Folge: Das Verhältnis sei äusserst angespannt. Glencore nennt es konstruktiv.Kongos dritter Hebel: SteuernIn jedem Fall ist das Verhältnis ambivalent. Anfang Juli versiegelte die Steuerbehörde von Kinshasa Büros der Kamoto Copper Company, einer der beiden Bergbaugesellschaften von Glencore in Kongo. Sie warf Glencore vor, Steuern in Milliardenhöhe nicht gezahlt zu haben. Der Konzern bestreitet den Vorwurf. Bereits 2025 ergaben staatliche Buchprüfungen, dass die Bergbauunternehmen, zu denen auch Ivanhoe aus Kanada und CMOC aus China zählen, jahrelang zu geringe Umsätze gemeldet hätten. Auch hier weist Glencore ein Fehlverhalten zurück.Doch der Staat spricht nicht mit einer Stimme. Mitte Juli wies das Finanzministerium die Steuerbehörde an, die Kamoto-Liegenschaften freizugeben. Es würden neue Gespräche zwischen Glencore und der Regierung geführt, hiess es. Kurz zuvor hatte Kongos Präsident ein zu hartes Vorgehen gegen Bergbaufirmen kritisiert. Es könne das Vertrauen der Investoren gefährden, sagte Tshisekedi.Den längsten Hebel haben die USAPräsident Tshisekedi ist auch deshalb vorsichtig, weil es einen neuen Investor gibt: die USA unter Donald Trump. Die USA schlossen im Dezember ein Abkommen mit Kongo, das amerikanischen Projekten bevorzugten Zugang zu den Rohstoffen des Landes sowie Steuervorteile gewährt, im Austausch unter anderem für Investitionen in Industrie und Infrastruktur.Mit Präsident Trump möchte es sich Kinshasa nicht verscherzen – und Glencore hat sich schnell positioniert, um auf der Seite der USA zu stehen. Im Februar unterzeichnete der Schweizer Konzern eine vorläufige Vereinbarung, um 40 Prozent an Kamoto und Mutanda Mining, seiner zweiten Bergbaugesellschaft, an das amerikanische Finanzvehikel Orion CMC zu verkaufen. Die Umsetzung steht noch aus.Orion CMC ist ein Konsortium mit Rückendeckung der Trump-Regierung und soll für die USA kritische Rohstoffe rund um den Globus sichern. Mit Washington hätte Glencore einen mächtigen Verbündeten, wenn es um die Verteidigung der Konzerninteressen in Kongo geht.Der Firmenchef Nagle sagte im Februar, er freue sich, dass Glencores Rolle als einziger grosser westlicher Förderer von Kupfer und Kobalt in dem Land anerkannt werde. Der Poker um Kongos Bodenschätze ist in eine neue Runde gegangen.Passend zum Artikel
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