Bei einem Geschäft dieser Größe war Vorsicht geboten. Vorsicht vor der Öffentlichkeit. Ein Spaziergang durch die Flensburger Fußgängerzone wäre demnach keine gute Idee gewesen. Aber auch so blieben Holger Glandorf und Ljubomir Vranjes genug „Spots“ auf dem Wasser und anderswo, um den Brüdern Martim und Francisco Costa bei ihrem Besuch vor ein paar Monaten einen bleibenden Eindruck der Fördestadt zu gewähren – was natürlich nicht ganz einfach ist, wenn jemand aus Lissabon kommt und die Straßenbahn in Flensburg seit 1973 nicht mehr fährt.Das touristische Rahmenprogramm gehört zum Standard für Neulinge, um einen Eindruck von der Lebensqualität oben im Norden zu liefern. Doch bei den portugiesischen Handballstars legten sich die Verantwortlichen der SG Flensburg-Handewitt noch etwas mehr ins Zeug.Zwei der europaweit begehrtesten Jungprofis an die dänische Grenze zu holen, sind ein echtes Statement und Ausweis von Verhandlungsklasse der Doppelspitze in Flensburgs Geschäftsführung; dementsprechend stolz sind Glandorf und Vranjes, diesen Deal abgewickelt zu haben: „Sie sind hervorragende Handballspieler und brennen zu 100 Prozent für den Handball“, sagt Glandorf.Costa könnte Gidsel als weltbester Handballer nachfolgenZuletzt hatte es der SG im Blick von außen an Profis gemangelt, die mit vollem Fokus in jedem Spiel ihrer Arbeit nachgehen. Sowohl handballerisch als auch von der Mentalität her erhofft sich das Führungsduo einen erheblichen Schub durch den 21 Jahre alten Linkshänder Francisco „Kiko“ und seinen zwei Jahre älteren Bruder Martim, der meist als Spielmacher eingesetzt wird.Kiko Costa ist ein wurfstarker, beweglicher Schütze – 13 oder 15 Treffer pro Partie sind für ihn nichts Ungewöhnliches, auch nicht im Trikot der Nationalmannschaft Portugals. Er gilt in der Szene als jemand, der Mathias Gidsel den Rang als weltbestem Handballspieler streitig machen kann. „Beide haben für ihr Alter einen sehr hohen Standard“, sagt Glandorf. Um sich zu entwickeln, soll nun bei einem ausländischen Topklub der nächste Schritt gemacht werden. Dazu gehört bei Kiko Costa, sich in der Abwehr zu verbessern.Über Monate sollen sich die Verhandlungen mit Sporting gezogen haben, dem stolzen Großverein, der ganz anders arbeitet, als man es hierzulande im Handball gewohnt ist. So soll der Gesamtvorstand der Portugiesen mit einbezogen gewesen sein, nicht nur die Handballabteilung.Ljubomir Vranjes flog dem Vernehmen nach ein paar Mal nach Lissabon und unterbreitete die Flensburger Vorstellungen. Schließlich galt es, einen dicken Knoten zu durchschlagen – die Costas hatten dort Verträge bis zum 30. Juni 2030. So soll eine Ablöse von geschätzten 1,5 Millionen Euro für die Brüder zustande gekommen sein. Zahlen bleiben seitens der SG unkommentiert. Die Flensburger konnten diesen Fünf-Jahres-Deal nur dank eines gesunden Umfelds aus Sponsoren, Gesellschaftern und Beirat stemmen: aus dem normalen Etat wurde sie nicht beglichen.Den großen FC Barcelona ausgestochenDie Gehälter der beiden sollen sich im marktüblichen Rahmen bewegen (um und bei 30.000 Euro brutto im Monat) – aus Vereinssicht darstellbar, sind durch die Abgänge von Johannes Golla und Simon Pytlick, der 2027 nach Berlin geht, doch Gelder im Budget frei. Gerade den Beiratsvorsitzenden Boy Meesenburg nervt es, wenn „seine“ SG nur mehr Plätze fernab der Champions League erreicht. Dass sie nun den großen FC Barcelona im Werben um die Costa-Brüder ausgestochen haben soll, lässt die Verantwortlichen wachsen.Sogar mit dem Costa-Trio soll sich die SG beschäftigt haben: Vater Ricardo trainiert seine Söhne. Ursprünglich hieß es, sie seien nur zu dritt zu bekommen. Zwar wird sich Vranjes auch mit Papa Costa ausgetauscht haben. Doch da ging es bestimmt um Handballthemen, nicht um den Umzug nordwärts.Auch sei die Erzählung zweifelhaft, man bekäme Kiko und Martim nur im Gespann, sagt Holger Glandorf: „Ich weiß gar nicht, ob das tatsächlich so ist. Wir haben uns von vornherein aber immer mit beiden beschäftigt.“Die Integration im ungewohnten Umfeld wird es sicher erleichtern, dass die Brüder den Flensburger Weg nun gemeinsam gehen – zudem muss sich in einer weitgehend neuen Mannschaft die Rangordnung erst finden: in Emil Bergholt, Aymeric Minne und Torwart Simon Möller sind seit Juni drei wichtige Neue dabei.Dass in der Aufregung um die Costas der Name Ales Pajovic kaum eine Rolle spielte, hat Gründe: Der Trainer der SG kämpft um einen neuen Vertrag; seiner läuft am 30. Juni 2027 aus. Doch das ist in der Freude um diesen beachtlichen Transfer nur eine Randnotiz am Handball-Standort Flensburg.