Das unterfränkische Aschaffenburg als Kunststadt kann sich nicht nur des ersten Renaissanceschlosses Deutschlands und des hier geborenen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner sowie der Wahl-Aschaffenburger Matthias Grünewald und Christian Schad rühmen. Es gewährt auch noch bis zum 10. Februar nächsten Jahres (F.A.Z. vom 13. Juli) den Hauptwerken des kriegsbedingt ausgelagerten ukrainischen Khanenko-Nationalmuseums Obdach, mit atemnehmenden Bildern vom Trecento über Rubens, Rembrandt und Zurbarán bis hin zur berühmten Marmorpersonifikation des Friedens von Antonio Canova. Diese bedeutendste Kunstsammlung der Ukraine wird in Aschaffenburg in einem Umfang gezeigt, wie es in den beengteren Verhältnissen in Kiew nicht möglich ist.Damit nicht genug präsentiert das Schad-Museum der Stadt nun seit dem Wochenende in seiner Kunsthalle Jesuitenkirche die frisch in eine Stiftung überführte und der Mainstadtmuseum nun zur Verfügung stehende Sammlung Jaegers. Auch der Reeder und jahrzehntelange Sammler Gunther Jaegers ist gebürtiger Aschaffenburger und entschloss sich, die Modernebestände seiner Geburtsstadt mit Gemälden von Christian Schad über Hermann Nitsch bis zu Xenia Hausner zu ergänzen. Der mehrdeutige Titel „Vertraute Gesten“ trifft in vielfacher Hinsicht zu, da es dem Sammler neben einem Fokus auf figürlicher Malerei stets um Haltung, nicht zuletzt seiner Künstler ging, von denen zwanzig von dreißig ausgestellten bei der Vernissage anwesend waren.Fränkisches Naturell paart sich in der Bildauswahl mit Wiener SchmähWas Ausstellungen viel zu selten besitzen, hat diese in überreichem Maß – Ironie. Zwischen einer neomanieristischen „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ des zeitgenössischen Malers Manfred Hürlimann und dem zu Unrecht kaum bekannten Porträt des Schauspielers Alain Delon als David mit dem Haupt Goliaths von Christian Schad aus dem Jahr 1969 hängt Hürlimanns Ganzkörperbildnis des steif dastehenden, aus der Mittelachse geschubsten und rauchenden Sammlers mit Stirnglatze, dickem Siegelring und auf den Kleiderständer gehängten Hut rechts oben in Pseudorenaissance-Formen: die alttestamentliche Heldin und Verführerin des gegnerischen Feldherrn neben einem der größten Verführer der Filmgeschichte, die beide triumphierend über den abgeschlagenen Häuptern ihrer „Opfer“ stehen, während der nicht im Mindesten idealisierte Normalsterbliche Jaegers in der Mitte mit dem abgegebenen Hut als Opfer seiner Sammelsucht gezeigt wird. Wahrscheinlich muss man jahrzehntelang wie der Sammler in Wien gelebt haben, um diese Art von bildlichem Schmäh und schwarzem Humor zu goutieren.Enge der Herzen und der Blicke: Xenia Hausners „Cage People“ von 2024Studio Xenia Hausner/VG Bild-Kunst Bonn, 2026Sowohl Judith als auch Alain-David sind anspielungsreiche Neuauflagen des Lieblingsthemas der Renaissance insbesondere in Florenz, jener Stadt, die sich beinahe paranoid im permanenten Zustand der Belagerung durch übermächtige Feinde wähnte und häufig in Form der beiden alttestamentlichen Allegorien „Klein gegen Groß“ feiern ließ. Hürlimanns Judith ist zudem in ihrem kalten Gesicht eine Melange aller tödlichen Verführerinnen der Kunst von Kleopatra bis Salome. Polysensorisch wirken der Schrei des Holofernes und die voll erblühten Rosen, die Judith an Hüfte und Knöchel wie auch als Girlande umwinden und ihren verführerischen Duft in die Kälte des Bildes zu verströmen scheinen.Alain Delon als David erledigt sich selbstSchads „Alain“ wiederum feiert den jugendschönen Verführer von Romy Schneider und Millionen deutscher Kinobesucherinnen nächtens wie ein Vampir bei einer partiellen Mondfinsternis. Wie rechts eine Fledermaus surreal ihren Schatten auf den nachtblauen Himmel wirft, so wirft Delon ironischerweise eine Art Doppelbild auf das monumentale Filmplakat hinter sich, das einem siegreichen Feldherrn gleich triumphal groß mit seinem Namen überschrieben ist. Dass er auf beide Geschlechter eine Anziehungskraft auszuüben vermag, scheint Schad bewusst einzukalkulieren, wenn er seinen David-Alain breitbeinig sexualisiert über dem abgeschlagenen Goliathhaupt stehen lässt, dessen Gesicht verstörenderweise Delons Züge trägt und nicht wie in der Bildtradition üblich hässlich oder grobschlächtig ist. Der Blick aus Aquamarinaugen ist der durchdringendste auf irgendeinem deutschen Bild. Die Brustwarzen des unbehaarten nackten Oberkörpers zieht Schad zusätzlich weit nach außen, sie sind dadurch stark betont; ob die zartgliedrigen und manikürten Hände wirklich die Schleuder in seiner Rechten schwangen? Diesen Delon androgyn zu nennen, wäre mindestens eine Untertreibung.Erhitzter Philosoph, farblich wild empfunden: Martha Jungwirths „Nitzsche im Sommer“ von 1992Lukas Feichtner Galerie/VG Bild-Kunst Bonn, 2026Die perfekt gezupften Augenbrauen, der zarte Lidstrich und die fast weiblich wirkende Brust tun ein Übriges. Als Kind hatte Jaegers dem seit den Zwanzigern bis zu seinem Tod 1982 dauerberühmten Wahl-Aschaffenburger Schad einmal die Hand geschüttelt, sein Großvater hingegen hatte die Chance vergeben, eine von dessen millionenschweren Ikonen der Neuen Sachlichkeit zu erwerben. Diese Schmach wollte Jaegers, wie er in seiner launigen Eröffnungsrede zu Protokoll gab, durch den Kauf eines Schad endlich tilgen. Das so einzigartige wie eigenartig-enigmatische Bild wird jedenfalls die beträchtlichen Bestände von 3200 Schad-Werken trefflich ergänzen.Der Blick von der Zimmerdecke als Ausdruck sozialer EingepferchtheitDasselbe trifft für die drei starken Gemälde Xenia Hausners zu. Vor allem das großformatige „Cage People“ von 2014 blickt von oben, gewissermaßen von der Decke in das enge Geviert eines kistenartigen Raums mit vielen Schaltern und Kabeln, in dem zwei junge Frauen denkbar eng aufeinander hocken. Wie so oft bei der österreichischen Malerin können die Bewohner der beengten Wohncontainer und Kofferräume sich und ihren Blicken nicht ausweichen, die klaustrophobischen Kompositionen wirken häufig wie der Mäusekäfig einer Experimentalanordnung. Die schrillen, beinahe manieristischen Farben – eine orange Tüte, aus Platzgründen an die Wand gehängt, stößt auf einen blauen Eimer mit türkisem Gefäß darin neben grün-gelb karierter Bettdecke, und in ihren Gesichtern lässt sie grüne Schattierungen auf orange und rosafarben-gelbe Modellierungen prallen – sorgen weiters für Aufruhr im Auge. Obwohl sich die beiden wie Yin und Yang in ihre enge Höhle schmiegen, erkennt man durch angewinkelte Beine und Decken als Abstandshalter auch Distanznahme und lauerndes Misstrauen bis wachsendes Missverständnis in dieser wohl aus der Not geborenen Zweckgemeinschaft.Nicht homo bulla, sondern pictura bulla: Auf Jiří „Georg“ Dokoupils „Bubble Painting“ von 2016–2017 bilden sich die mit Farben gefüllten Seifenblasen per Zufallsprinzip ab.Lukas Feichtner Galerie/VG Bild-Kunst Bonn, 2026Jirí Dokoupils „Bubble Painting“ mit farbgefüllten, auf der Leinwand zerplatzten Seifenblasen hingegen experimentiert ebenso mit Zufallsprozessen wie Piet van den Boogs Van-Gogh-hafte Kirschblütenzweige aus Eisenchlorid und Nickelsulfat auf Blei mit Alchemie und Ursula Kreutz mit Sehgewohnheiten: Auf ihrem „atm zwei“ von 2005 dringt das scheinbar vom Torso getrennte Haupt einer Marmorstatue in Magenta durch eine zweite vorgelagerte Schicht aus Gaze wie durch einen Vorhang hindurch, nur um sich gleich wieder der präzisen Wahrnehmung zu entziehen.Schwarz ist nicht gleich schwarz, und das Braun der Haare vibriert schon bald: Alex Katz’ „Black Dress 2 (Cecily)“ von 2015 als Siebdruck in vierundzwanzig FarbenLukas Feichtner Galerie/VG Bild-Kunst Bonn, 2026Und auch auf Martha Jungwirths Querformat „Nitzsche [sic!] im Sommer“ aus dem Jahr 1992 konkretisieren sich allmählich – wie bei der Doyenne des österreichischen abstrakten Expressionismus üblich – wild rhythmisierte Pinselgesten und fließende Farben zu einem vagen Abbild des Philosophen – und Gegenständen. Damit wird bei ihr nicht nur der Entstehungsprozess lebendiger Teil des Bildes; auch Bewegung, Farbempfindung (hier des Sommerlichts und seiner Wärme) und die Flüchtigkeit von Erinnerungen und Gedanken halten das Gemälde dauerhaft in Bewegung.Auf Alex Katz’ leicht unterlebensgroßem Siebdruck „Black Dress 2 (Cecily)“ des bald Hundertjährigen vibrieren nach kurzem Einsehen die zwei Dutzend übereinandergelegten Farben. Längeres Verweilen empfiehlt sich auch im Kabinett mit drei bösen Bildern der F.A.Z.-Karikaturisten Greser & Lenz, die ebenfalls Wahl-Aschaffenburger und seit Jahren Sammelobjekt der Begierde für Jaegers sind. Zwei der wie immer sorgfältig ausgetuschten Frechheiten waren in der Zeitung abgebildet, eines nicht. Allein für diese emblematische wie malerisch starke Zuspitzung des CSD-Anschlags lohnte sich der Weg nach Aschaffenburg. Für den Rest der heterogenen Kollektion ohnehin.Vertraute Gesten. Werke aus der Sammlung Jaegers. Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg; bis 25. Oktober. Ein Katalog folgt.
Die Sammlung Jaegers in Aschaffenburgs Kunsthalle überrascht
Ein Reeder bringt radikale Kunst nach Aschaffenburg. Die neue Sammlung Jaegers provoziert mit Wiener Schmäh und völlig neuen Sehgewohnheiten.






