Die eigentlich wichtige Nachricht verbreitete der Mainzer Biotechnologiekonzern Biontech schon am Montag. Dass mit Guido Oelkers ein Nachfolger für den Chefposten von Mitgründer Uğur Şahin gefunden ist, dürfte für Ruhe bei den Investoren gesorgt haben. Die braucht es auch nach den turbulenten Wochen, die hinter dem Unternehmen liegen. So hatten die Gründer Şahin und seine Ehefrau Özlem Türeci nicht nur im März ihren Rücktritt zum Jahresende angekündigt, um ein neues Start-up im Bereich der mRNA-Forschung aufzubauen. Auch beschädigt ein umfassender Stellenabbau an den Standorten in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen, wo Biontech den Rivalen Curevac übernommen hatte, den bisher makellosen Ruf des Impfstoffherstellers. Insgesamt werden 1860 Beschäftigte ihren Job verlieren.Oelkers, der das schwedische Biopharma-Unternehmen Swedish Orphan Biovitrum AB (Sobi) seit 2017 als Geschäftsführer leitet, kommt nach den derzeitigen Plänen spätestens zum Februar 2027 zu Biontech. Mit ihm soll das Unternehmen einen erfahrenen Manager an der Spitze erhalten. Nach Ansicht von Markus Manns, Fondsmanager bei der Union Investment, sei Oelkers „eine sehr gute Wahl“. Als ehemaliger Chef von Sobi habe er das Unternehmen „erheblich vorangebracht“ und sei bei den Aktionären „sehr geschätzt“. Oelkers soll nun dafür sorgen, dass die in der späten Entwicklungsphase befindlichen Krebswirkstoffe möglichst bald Marktreife erlangen, um abseits der Umsätze durch den Covid-Impfstoff Geld in die Kasse zu spülen. Zumal Biontech die Herstellung von Comirnaty künftig vollständig an den US-Pharmakonzern Pfizer abgeben wird, um sich auf Krebsmedikamente zu konzentrieren.Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci verlassen das Unternehmen zum Jahresende.dpaAuch bleibt spannend, wie Oelkers das Unternehmen strategisch ausrichten wird – mit Blick auf die Neugründung von Şahin und Türeci. So ist unklar, inwiefern Forschungsbereiche und Know-how in das neue Unternehmen abwandern könnten. Zuletzt betonte Aufsichtsratschef Helmut Jeggle auf der Hauptversammlung im Mai, dass sich Biontech mehr auf fortgeschrittene Krebswirkstoffe konzentrieren werde, während die Neugründung ihren Fokus auf innovative Technologien lege, die es noch zu entwickeln gilt. Davor muss allerdings noch der Posten der scheidenden Forschungschefin Türeci neu besetzt werden. Vom Unternehmen hieß es am Montag, dass die Suche nach Plan laufe.Der designierte Chef Oelkers kündigte an, das Unternehmen bis 2030 zu einem globalen biopharmazeutischen Unternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten weiterentwickeln zu wollen. Hoffnungsträger ist dabei der „Super“-Wirkstoff Pumitamig, ein gemeinsames Projekt mit dem US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb, mit dem derzeit sieben groß angelegte klinische Studien laufen. Das Medikament zeigt in einer Phase-II-Studie eine höhere Verträglichkeit bei Lungenkrebspatienten als das Präparat Keytruda des US-Konzerns Merck, das das global umsatzstärkste Medikament ist.Durch Pumitamig sollen Tumorzellen vom Körper besser erkannt und zerstört werden. Eingesetzt werden soll der Wirkstoff gegen verschiedene Krebsarten, neben Lungentumoren auch gegen Brust- und Darmkrebs. Zuversichtlich ist Biontech auch bei seinem Lungenkrebsmedikament Gotistobart, das in einem ersten Teil der Phase-3-Studie das Sterberisiko bei Patienten im Vergleich zur Standard-Chemotherapie um 54 Prozent senken konnte.Derweil machen die heute vorgestellten Halbjahreszahlen deutlich, dass Biontech von Profitabilität noch weit entfernt ist. So stieg der Nettoverlust in den ersten beiden Quartalen des Jahres 2026 auf insgesamt rund 1,4 Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung um fast 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dabei machte Biontech im zweiten Quartal 2026 mit einem Nettoverlust von rund 821 Millionen Euro höhere Schulden als im Halbjahr 2025 insgesamt. Grund dafür sind die gestiegenen Forschungsausgaben, allen voran für die spätphasigen Krebswirkstoffe Pumitamig und Gotistobart, die im ersten Halbjahr rund 1,1 Milliarden Euro betrugen, etwa sieben Prozent mehr als der Vorjahreswert. Für Forschung will Biontech dabei bis Jahresende weniger ausgeben, indem es weit fortgeschrittene Wirkstoffe priorisiert. Angepeilt werden nun Entwicklungskosten zwischen zwei und 2,3 Milliarden Euro.Dass die Umsätze aus dem Covid-Geschäft weiter zurückgehen, hat zur Folge, dass Biontech seine Prognose für das Jahr 2026 anpassen muss. Demnach erwartet das Mainzer Unternehmen nun nur noch einen Umsatz zwischen 1,6 und 1,9 Milliarden Euro statt bis zu 2,3 Milliarden Euro – wie vorher veranschlagt. Da die globale Nachfrage nach Impfstoffen gegen das Coronavirus geringer ausfiel als zunächst erwartet und zudem in Deutschland bestehende Impfstoffbestände in der laufenden Impfsaison genutzt würden, sei die Anpassung nötig gewesen.Ausgeblieben sind Meilensteinzahlungen aus einem auslizenzierten Forschungsprogramm, das nicht mehr Biontechs Fokus entspreche. Dennoch geht das Unternehmen davon aus, den Großteil seiner Erlöse für 2026 in der zweiten Jahreshälfte zu realisieren. Der Aktienkurs stürzte am Mittag auf unter 80 Euro ab. Derweil hatte die Ernennung Oelkers’ am Vortag noch für leichten Aufwind gesorgt: Die Aktie schloss bei rund 92 Euro ab.
Biontech: Guido Oelkers soll Krebsmedikamente zum Erfolg führen
Mit Guido Oelkers hat Biontech einen Nachfolger für den scheidenden Chef Uğur Şahin gefunden. Er soll schnell für neue Umsatzbringer sorgen – denn die Erlöse aus dem Impfstoffgeschäft sinken. Die Prognose korrigiert das Unternehmen nach unten.










