Obwohl die drastische Grundsteuererhöhung in Riedstadt eine Mehrheitsentscheidung der Stadtverordnetenversammlung gewesen ist, hat der Bürgermeister die Wut von Bürgern über den höchsten Grundsteuerhebesatz Hessens abbekommen. In einer Zeichnung wurde Marcus Kretschmann (CDU) als „Quetschmann“ bezeichnet, der die Riedstädter finanziell auspresse.Aber auch andere Bürgermeister im Landkreis Groß-Gerau müssen täglich mit Beleidigungen und Drohungen in den sozialen Netzwerken umgehen. Den stärksten Anfeindungen sieht sich Raunheims Bürgermeister David Rendel (SPD) ausgesetzt. Es treffe aber nicht nur ihn. Selbst städtische Mitarbeiter würden in Chats immer wieder angegriffen, und auch das private Umfeld werde einbezogen.„In Raunheim hat sich über einen langen Zeitraum eine systematische Kampagne entwickelt“, sagt der Bürgermeister. Er steht vor allem wegen Provisionszahlungen in Millionenhöhe an einen städtischen Amtsleiter in der Kritik, die sein verstorbener Vorgänger Thomas Jühe (SPD) zu verantworten hatte. Rendel nennt vor allem den Instagram-Account „raunheim-memes-satire“, dessen Betreiber anonym bleibe. Ein brennendes Rathaus, ein Messermann oder ein Torso, der Rendel darstellen soll und mit Projektilen beschossen wird, sind dort zu sehen. Mit Satire habe das nichts mehr zu tun.Auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung werden bedrohtBeschäftigte der Stadtverwaltung würden namentlich genannt, ihre Urlaubsorte, Freizeitbeschäftigung und Wohnorte bekannt gegeben. Betroffene fühlten sich eingeschüchtert und bedroht, mehrere Mitarbeiter aus der Verwaltung seien wegen persönlicher Angriffe im Krankenstand. Der Betreiber der Plattform sei inzwischen jedoch ermittelt. Die Stadt unterstütze die Ermittlungsbehörden bei ihrer Arbeit.Rendel vermisst spürbare Konsequenzen gegen Betreiber solcher Hassplattformen. Er selbst reagiere nicht mehr auf jede Beleidigung. Rechtliche Schritte gegen Hasskommentare seien für ihn das letzte Mittel.Rendel lobt den von Landrat Thomas Will (SPD) initiierten Erfahrungsaustausch unter den Bürgermeistern des Landkreises zu Hasskommentaren im Netz. Noch wichtiger sei jedoch die Unterstützung Betroffener und eine konsequente Verfolgung strafrechtlichen Handelns. Wenn engagierte Menschen sich aus Angst vor persönlichen Angriffen aus Politik und Verwaltung zurückzögen, schade das der Demokratie.„Beleidigungen gefährden die Demokratie“Petitionen, Aktionstage, Proteste und sachliche Kritik seien in Ordnung, unsachliche Beschimpfungen, die vermeintlich Verantwortliche an den Pranger stellten, hingegen nicht, sagt Will. „Wenn Marcus Kretschmann auf Facebook als Quetschmann dargestellt wird, ist eine Grenze überschritten.“ Ein rauer Umgangston und persönliche, beleidigende Kritik gefährdeten den demokratischen Zusammenhalt und seien Wasser auf die Mühlen antidemokratischer Kräfte, warnt der Landrat.Doch wie gehen die Bürgermeister mit Beleidigungen und Hass in den sozialen Netzwerken um? Von Kretschmann kam zu den Angriffen auf seine Person keine Antwort. Der Bürgermeister sei derzeit im Urlaub, hieß es aus dem Rathaus.Kelsterbachs Bürgermeister Manfred Ockel (SPD) kennt persönliche Angriffe. „Ich selbst habe beim Ausbau der Landebahn Nordwest und dem damit verbundenen Waldverkauf einige Drohungen und Hetznachrichten abbekommen, die auch damals die Polizei beschäftigt haben“, teilt er auf Anfrage mit. Hass und Hetze im Netz hätten in den vergangenen Jahren noch zugenommen.Auch Rüsselsheims Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) wird im Netz immer wieder persönlich angegriffen. „Leider gehört das inzwischen zum Alltag eines Oberbürgermeisters“, teilt er mit. Rechtliche Schritte gegen Hasskommentare habe er bisher nicht unternommen.Ganz andere Kommentare erlebt Burghardts Stellvertreter Murat Karakaya (SPD). Gelegentlich komme es wegen seines Migrationshintergrundes „zu unschönen und beleidigenden Äußerungen“ in den sozialen Medien. Er ordne diese Kommentare vor allem dem Umfeld der AfD zu. Stadtrat Simon Valerius (parteilos) wurde dagegen nach eigenen Angaben im Internet bisher kaum angegriffen.Groß-Geraus Bürgermeister Jörg Rüddenklau (SPD) blieb nach eigenen Angaben ebenfalls von persönlichen Beleidigungen oder Bedrohungen verschont. Er beobachte aber mit Sorge, welchen Anfeindungen Kollegen in anderen Rathäusern ausgesetzt seien. Er wünscht sich, dass in Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken Beleidigungen zurückgewiesen würden.