Es herrscht Betrieb an diesem Vormittag in der Lauterbacher Altstadt: Rund um den Marktplatz wollen viele ihre Einkäufe erledigen, bevor die Hitze unerträglich wird. Ein Lastwagen manövriert durch die engen Gassen, Millimeterarbeit, um einen Kiosk mit Ware zu versorgen. Auch der Briefträger ist mit einem dicken Packen Post in der Hand unterwegs und kann einen guten Teil der Briefe direkt zustellen und Passanten in die Hand drücken: Man kennt sich in der Kreisstadt im Vogelsberg mit ihren etwa 13.000 Einwohnern. Seit einer Woche gibt es dort eine Attraktion, auf die die Lauterbacher liebend gerne verzichtet hätten. Vor dem Haus Marktplatz 39 sammeln sich immer wieder kleine Grüppchen. Denn dort ist vor einer Woche das verheerende Feuer ausgebrochen, bei dem fünf Häuser ausgebrannt sind.Das Gebäude war einmal ein Fachwerkhaus, von denen es rund um den Marktplatz in Lauterbach viele gibt; manche sind gut in Schuss, andere weniger. Das Haus mit dem Restaurant Agbaba im Parterre gehört zu den gepflegten Anwesen, auch die türkische Gaststätte präsentiert sich deutlich wertiger als viele andere Döner-Schnellimbisse. „Vorübergehend geschlossen“ heißt es auf einem Stadtplan im Internet, und dieses „vorübergehend“ dürfte sich in die Länge ziehen. Das Dach ist niedergebrannt, die Scheiben sind auch in den Nebengebäuden geplatzt. Vor dem Brandherd ist gerade ein Trupp des städtischen Betriebshofs an der Arbeit, die Männer kehren hinter der Absperrung aus Bauzäunen die letzten Reste von Schutt und Asche zusammen.Jugendherberge als NotunterkunftAuf der Rückseite der Häuserzeile parkt der Kleinbus eines Unternehmens, das auf die Beseitigung von Brand- und Wasserschäden spezialisiert ist. Aller Voraussicht nach wird es in Lauterbach noch viel zu erledigen haben. Immerhin: Das Team des Friseurs „Knittel & Knittel“ ist optimistisch. Am Donnerstag werde man wieder öffnen, steht auf einem Aushang im Fenster des Salons, zwei Häuser neben dem türkischen Restaurant.Zerstörte Dächer: Erst aus der Vogelperspektive wird das Ausmaß des verheerenden Brandes sichtbar.Emil Eichinger„Wo wohnen die jetzt?“, fragt ein etwa drei Jahre alter Junge seine Mutter. Bei Freunden oder Verwandten vielleicht, antwortet die junge Frau, zuerst seien die Betroffenen in der Jugendherberge einquartiert worden. Eine Handvoll wird dort vorerst noch bleiben, die meisten sind inzwischen andernorts untergekommen. Noch während des Brands hatten Lauterbacher den Betroffenen Quartiere angeboten, nur ein Beispiel für den großen Zusammenhalt in der Stadt. Dieser reicht bis zu Stefan Winter, prominenter Fachmann für Holzbau und bis vor Kurzem Ordinarius am Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion der Technischen Universität München. Der Lauterbacher hatte schon unmittelbar nach dem Brand seine Hilfe angeboten und seinen Urlaub verschoben.Schwieriger Einsatz für die FeuerwehrDas Mitgefühl bei den Passanten ist groß. Immerhin können am Dienstag die ersten Anwohner wieder kurz in ihre Wohnungen, um das Nötigste einzusammeln. In Begleitung von Fachleuten und nur für eine halbe Stunde, erklärt der Verwalter eines der Nachbarhäuser, mehr Zeit bleibe nicht. Daneben diskutieren Anwohner mit zwei Polizisten. Sie könnten aufnehmen, falls etwas gestohlen worden sei, aber nicht die Schäden durch den Brand.In einer Querstraße, nur ein paar Meter von den kaputten Häusern entfernt, steht Anja Werner hinter der Theke ihres Milchcafés, einem hübschen Lokal und einem einladenden Hof. 2006 hat sie eröffnet, in ein paar Tagen wird das Jubiläum gefeiert. Eigentlich wollte sie ihr Café mit Flatterband dekorieren, auf das die Zahl zwanzig aufgedruckt ist, aber so eine Dekoration sei jetzt natürlich undenkbar, sagt die Wirtin. Ihr sitzt der Schrecken noch in den Knochen, wenn sie an das Feuer vom vergangenen Mittwoch denkt.Polizei beendet Spekulationen über die BrandursacheZumal die Nachbarschaft Angst haben musste, dass die Flammen weiter überspringen – die Häuser stehen eng an eng, „alles schwer zu erreichen für die Feuerwehr“. Mehr als 450 Helfer waren im Einsatz, trotz enger Zufahrten und verwinkelter Zugänge verhinderten sie Schlimmeres. Keine Toten, nur fünf Verletzte, die Rauchvergiftungen erlitten hatten. Tatsächlich sollte es zwei Tage dauern, bis auch die letzten Glutnester gelöscht waren.Werners Mitgefühl gilt den Anwohnern und auch den Betreibern des Lokals am Marktplatz, in dem auch sie sich oft eine Mahlzeit geholt habe. „Gut frequentiert“ sei das Restaurant gewesen, gerade erst hätten die Besitzer es aufgehübscht. Dass das Gerücht verbreitet worden sei, dass es dort beim Brand nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, das ärgert Werner hörbar.Müssen entkernt werden: die beschädigten Fachwerkhäuser in der Altstadt von Lauterbach.Emil EichingerSolchen Spekulationen hat die Polizei inzwischen ein Ende bereitet: Es lägen keine Hinweise auf eine vorsätzliche Brandstiftung vor, heißt es aus dem Polizeipräsidium Osthessen in Fulda. Ob das Feuer in einer Wohnung über dem Restaurant wegen eines technischen Defekts oder wegen fahrlässiger Brandstiftung ausgebrochen sei, das sei Gegenstand der weiteren Untersuchungen, zu denen man aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen werde.