Judith Dietz ärgert sich. „Das finde ich blöd. Jetzt verliere ich gleich schon wieder“, sagt sie in Richtung ihres Partners Lennard Rusch. Er nimmt einige Spielsteine von seinem Brett und legt sie ab. „Weiter.“ Die beiden waren schon häufiger im Gastspielhaus, treffen sich hier regelmäßig mit Freunden. Heute sind sie zum ersten Mal zu zweit hier. „Ich glaube, wir kommen öfter“, sagt Dietz.Sie probiere mit ihren Freundinnen vor allem neue Spiele aus. Im Gastspielhaus gebe es eine riesige Auswahl – aktuell sind es rund 1150 Spiele – und dazu auch eine gute Beratung. Heute hat das Paar zunächst beim Spiel „Sky Team“ geknobelt und ist nun beim Klassiker „Rummikub“ gelandet. Sich an einem Abend in mehr als ein neues Spiel einzulesen, sei gar nicht so einfach. Deshalb greife man häufig zu den Klassikern.Lennard Rusch spielt mit seinen Freunden gerne Strategiespiele. Das geht natürlich auch über Plattformen im Internet, doch ihm ist die persönliche Interaktion lieber: „Gerade bei strategischen Spielen kann man seine Mitspieler viel besser einschätzen, wenn man direkt miteinander in Kontakt ist. Und zusätzlich verbringt man hier noch einen schönen Abend zusammen.“Ein Klassiker: Judith Dietz und ihr Partner Lennard Rusch spielen Rummikub.Ben Kilb„Spielen ist auch etwas für Ältere“Inhaber des Gastspielhauses ist Philip Hochdörffer. Er hat das Lokal am Riegerplatz im Darmstädter Martinsviertel vor 14 Jahren übernommen und zur Spielekneipe umgebaut. Ein solches Konzept gebe es in dieser Form nur rund ein Dutzend Mal in Deutschland, sagt er. Auf die Idee habe ihn der Besuch einer Spielekneipe im Urlaub vor vielen Jahren gebracht. „Ich wollte irgendwo ankommen, etwas Geregeltes machen.“ Vorher habe er im Eventmanagement gearbeitet, war mal hier, mal dort. Das wollte er mit Mitte 30 ändern.Philip Hochdörffer ist Inhaber der Spielekneipe Gastspielhaus.Ben KilbGesellschaftsspiele sind seit Langem eine Leidenschaft von ihm. „Das ging schon als Kind los. Meine Oma hat mir jedes Jahr zu Weihnachten das Spiel des Jahres geschenkt.“ Als Jugendlicher spielte er dann „Die Siedler von Catan“. „Das war eine Initialzündung. Da hat man begriffen, dass Spielen nicht nur für Kinder interessant sein kann, sondern auch für Ältere.“ Catan habe er mit allen Erweiterungen rauf und runter gespielt, jahrelang.Eine Initialzündung steht dann wohl auch bei Danail Iliev und Darius Kadivar an. „Die Siedler von Catan“ liegt vor ihnen auf dem Tisch. Für die beiden ist es ein Debüt. „Eine Bildungslücke. Ich bringe ihnen das jetzt bei“, sagt ihr Freund Sven Hollandt. Die Studenten waren vor zwei Jahren zum ersten Mal im Gastspielhaus und kommen seitdem regelmäßig. Auch wenn sie bei sich zu Hause häufig Gesellschaftsspiele spielen, führe sie die große Auswahl immer wieder zurück in die Spielekneipe. Besonders gerne spielen sie lange Strategiespiele wie „Die Legenden von Andor“. Auch die Atmosphäre im Gastspielhaus schätzen sie. „Wir sind alle hier, weil wir gerne Gesellschaftsspiele spielen und uns das verbindet“, sagt Hollandt. So komme man immer mit anderen Gruppen ins Gespräch.Von Kneipengängern und DauerspielernDer Schritt in die Selbständigkeit hat Kneipeninhaber Philip Hochdörffer von Mainz nach Darmstadt geführt. „Ich kannte in der Stadt niemanden außer meiner Frau“, sagt er. Ein Risiko? „Nein, das Gefühl hatte ich nie. Jede Menge Leute um mich herum aber schon. Sogar viele meiner heutigen Stammgäste sagen mir, dass sie damals dachten, in einem Jahr wäre hier wieder zu.“Vertraute Runde: Der Spielekreis um Christian Bönsch, Martin Ackermann, Alena Eichenauer und Philip Hochdörffer (von links) trifft sich einmal in der Woche.Ben KilbGestartet ist er mit seinem damaligen privaten Fundus – rund 150 Spielen. Mittlerweile sind es so viele, dass Hochdörffer ein Büro angemietet und 300 Spiele ausgelagert hat. Diese kann man bei ihm vorbestellen. Alle Spiele sind kartiert und stehen auf einer Liste. Speisen bietet das Gastspielhaus nicht an.Ab einem Getränkeverzehr von 15 Euro ist das Spielen umsonst, sonst kostet es einen kleinen Obolus. In der Kneipe gilt Rauchverbot. Das sei vielen Gästen wichtig, sagt der Wirt. Das Konzept bringe ein vielfältiges Publikum mit sich. Dieses reiche von Studenten über Stammgäste, die zum Teil täglich zum Spielen kommen, bis hin zu klassischen Kneipengängern, die lediglich etwas trinken möchten. „Ich mag diese Vielfalt. Der normale Gast ist hier genauso willkommen wie einer, der spielt“, sagt Hochdörffer.Die neuesten Spiele sind die gefragtestenZu den Stammspielern gehören Martin Ackermann, Christian Bönsch und seine Partnerin Alena Eichenauer. Seit rund zehn Jahren trifft sich, wenn auch in wechselnder Besetzung, wöchentlich ihr Spielekreis. „Wir kommen schon so lange hierher, dass ich gar nicht mehr weiß, wie lange genau“, sagt Ackermann. Häufig habe man in den eigenen Wohnungen oder Wohngemeinschaften gar nicht den Platz für große Spieleabende. So habe sich die Gruppe damals in der Kneipe gefunden. Der Reiz des Gastspielhauses sei es, immer wieder Neues kennenzulernen. Bönsch, selbst stolzer Besitzer zweier großer mit Spielen gefüllter Regale, umschreibt es so: „Es gibt Spiele, die wollen wir seit drei Jahren ausprobieren und haben es immer noch nicht geschafft.“Das sei nicht nur in der Spielerunde so. „Die meisten Gäste wollen die neuesten Spiele spielen“, erzählt Philip Hochdörffer. Die Suche nach diesen ist für ihn Hobby und Beruf zugleich. Um auf dem neuesten Stand zu sein, liest er Fachzeitschriften, hört Podcasts, besucht Verlage und geht jedes Jahr in Essen zur Messe für Brettspiele.Dass er jedes „Spiel des Jahres“ hat, ist für ihn selbstverständlich. So ist es auch kein Zufall, dass an diesem Abend in der Mitte der Spielerunde, der auch der Wirt angehört, das erst vor wenigen Wochen zum Spiel des Jahres 2026 gekürte „Dito!“ liegt. Alle vier haben es noch nicht gespielt. So ergibt sich die Gelegenheit für eine neue Erfahrung.