Ariana Grande, die coolste Prinzessin des Gegenwarts-Pop, verabschiedet sich aus der ÖffentlichkeitAuf ihrem neuen Album «Petal» spielt Ariana Grande souverän mit den Projektionen auf ihren Körper, ihr Liebesleben und ihren Ruhm. Nun zieht sie sich aus dem Medienbetrieb zurück – ihre bislang radikalste Verwandlung.Daniel Haas04.08.2026, 12.58 Uhr4 LeseminutenLaut Ariana Grande gibt es «viele verschiedene Arten, gesund und schön» zu sein.Mario Anzuoni / ReutersDer Körper des Superstars gehört ihm nicht. Und wenn der Superstar weiblich ist, schon gar nicht. Britney Spears rasiert sich die Haare ab, und die Weltpresse berichtet. Madonna hat ein bisschen mehr Botox im Gesicht, das Internet glüht. Der Babybauch von Rihanna ergibt eine gefühlte Million an Artikeln, Posts und Kommentaren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn der Star zu den am meisten gestreamten Musikern aller Zeiten gehört (fast 100 Milliarden Streams), 375 Millionen Follower auf Instagram hat, dazu zwei Grammys, dreizehn MTV Music Video Awards und eine Oscar-Nominierung, dann wird jede kleine Veränderung des Körperbilds debattiert, als ginge es um den Weltfrieden oder die Heilung von Krebs.Ariana Grandes zarte Gestalt lieferte in den letzten Monaten Anlass für endlose Spekulationen: Ist sie krank? Hat sie Krebs? Magersucht? Die Sängerin, die am vergangenen Freitag ihr achtes Album herausbrachte, kennt das Auslegungstheater ihre Physiognomie betreffend schon länger. Vor drei Jahren erklärte sie in einem Tiktok-Video ihren besorgten Fans, es gebe «viele verschiedene Arten, gesund und schön» auszusehen.Viel KunstblutDas Video zu «Petal», dem Titelsong des neuen Albums, greift den Zuschreibungs- und Imageterror erneut auf – in drastischer Weise. In dem von Christian Breslauer inszenierten Minifilm spielt Grande eine Sängerin, die sich für ein Film- und TV-Casting bewirbt. Eine Riege alter, karikaturhaft fieser Produzenten kanzelt sie nach ihrem Vorsprechen ab. Die Gedemütigte rächt sich bei den Männern mit einer Kettensäge. So viel Kunstblut hat man selten in einem Pop-Video gesehen.Auch im realen Leben macht Grande jetzt kurzen Prozess: Überraschend für die Fans und die Weltpresse verkündete sie vergangene Woche, sie ziehe sich vom Medienbetrieb zurück. Nach «endloser Überprüfung durch die Öffentlichkeit» werde sie einen Schritt zurück machen von der Sichtbarkeit, liess sie durch ihr Management verlauten. Die gegenwärtige Tournee will Grande abschliessen, danach ist Schluss. Eine geplante Broadway-Rolle wurde abgesagt.Ein Sabbatical – oder die Frühverrentung? – ergibt Sinn, zumal neben Grandes Körper auch ihr Privatleben von der Presse und den Fans zum Fetisch erklärt und bewirtschaftet wurde. Weil die romantische Biografie Grandes quer steht zur eher süsslichen Ästhetik ihrer Musik, gab es viel Futter für den Erregungszirkus namens Internet.Grandes Lebensgefährte, der Rapper Mac Miller, starb an einer Überdosis Drogen. 2018 verlobte sie sich mit Pete Davidson, dem Enfant terrible der amerikanischen Comedy, und trennte sich im selben Jahr wieder. 2023 kam sie mit Ethan Slater zusammen, ihrem Co-Star aus dem Kino-Musical «Wicked». Slater verliess für sie Ehefrau und Kind, seine Frau veröffentlichte einen Essay auf der feministischen Website «Cut» und beschrieb die Zerrüttung ihres Privatlebens durch Grande und deren Medienruhm.Nah und fern zugleichAriana Grandes Erfolg hat dieses Zusammenspiel aus Pop-Prinzessinnentum und Femme-fatale-Dramatik vermutlich noch vergrössert. Kalkuliert wirkte diese Tragödie aus Schicksalsschlägen und Skandalen jedoch nie. Mit grossem Gespür für das dramaturgische Potenzial von persönlichen Krisen übersetzte Grande ihr wildes Leben in nicht ganz so wilde, aber reflektierte Pop-Songs. Im Stück «Thank U, Next» von 2019 sang sie über ihre Ex-Freunde, unter ihnen der Rapper Big Sean, der Back-up-Tänzer Ricky Alvarez sowie Miller und Davidson. 2024 wurde der Ton rauer: Im Song «Yes, and?» fragte Grande ihr Publikum: «Why do you care so much whose dick I ride?» Was geht euch an, welchen Schwanz ich reite?Natürlich geht das alle etwas an. Der Körper, der Sex, die Psyche: Superstars sind so weit weg wie Sterne am Firmament und zugleich nah wie der Partner, die Partnerin. Grande weiss das, und deshalb geht es ganz ohne Selbsterklärungen auf diesem Album nicht.Im Song «Hate That I Made You Love Me» klingt das schön schnoddrig: «I hate that I made you love me / cause I barely tried.» Tut mir leid, dass mir immer wieder Männer verfallen, wo ich mir doch nicht einmal gross Mühe gebe. «Ich habe deine Projektionen bedient, als du dich unsicher gefühlt hast», heisst es weiter. «Warum hasst du es dann, wenn Frauen standhalten?» Das ist alles andere als naive Liebeslyrik. Wenn man’s ein bisschen höher hängt, kann man solche Texte als ein Communiqué für Emanzipation lesen: Tja, Männer: Geliebt werden und sich hinterher auch noch beschweren? Geht gar nicht!Spiel mit dem ImageUnd wie kommt der Superstar aus dieser Klemme heraus? Der Titelsong «Petal» formuliert eine quasi-artistische Agenda. Man brauche Tränen, um schreiben zu können, heisst es da. «Und alle meine Lieblingsgeschichten enden in irgendeiner Katastrophe.» Aber: «Mich muss keiner retten. Denn die Musik und ich, wir werden ewig leben.» Das klingt selbstbewusst und ganz anders als die Herzschmerzopern, in denen Frauen der enttäuschten Liebe hinterhertrauern. Grande, das wird mit diesem klanglich zwischen Dance und Balladen-Pop souverän schillernden Album klar, ist die coolste Prinzessin, die der Pop zurzeit zu bieten hat.Ihr Prinzessinnentum ist dabei so künstlich wie authentisch, ein Mix aus Überblendungen von medial vermittelten Vorurteilen, Unterstellungen und Sehnsüchten. So souverän mit dem eigenen Image spielen, das können nur wenige. Madonna hat es vorgemacht, Lady Gaga setzte das Konzept der permanenten Selbstverpuppung und -verkleidung fort. Grande macht jetzt den karrierebedingt grössten Schritt. Sie tritt zurück. Und weil nach dem Ruhestand vor dem Comeback ist, können wir uns auf ihre nächste Verwandlung freuen.Passend zum Artikel