Seit einigen Jahren fahre ich nicht mehr in den Urlaub. Ich habe einen sehr alten Hund, der Reisen nicht mehr verkraftet und leider auch nicht mehr in einer Pet Ranch abgestellt werden kann. Abgesehen davon bin ich inzwischen zu geizig für Urlaube. Kaum etwas ist seit der Pandemie so teuer geworden wie Reisen. Für eine Ferienwohnung in Bayern beispielsweise zahlt man inzwischen 32 Prozent mehr als vor Corona.Vielleicht liegt es auch an meiner mangelnden Urlaubsroutine. Ich kenne sie nicht – die klassischen Sommerferien in Italien oder an der Ostsee. Meine Familie fuhr jedes Jahr zur Verwandtschaft nach Spanien, was ungefähr das Gegenteil von einer entspannten Italienreise war, zumindest für meine Mutter, die, kaum in ihrer alten Heimat angekommen, auch schon krank wurde. Nicht umsonst hatte sie Spanien und die Francodiktatur mit Anfang 20 verlassen. Die jährlichen Sommerurlaube waren für sie anstrengende Verpflichtung, keine Erholung. Mit meiner Großmutter verstand sie sich nicht besonders gut, aber heute stelle ich mir vor, dass es auch für meine Großmutter anstrengend gewesen sein muss, plötzlich fünf Leute mehr im Haus zu haben.Was an Weihnachten deprimiert, ist im Sommer ein LuxusSeit dem Tod meiner Großmutter fahre ich nur noch selten nach Spanien, schon gar nicht im Sommer. An die Ostsee würde man mich noch bekommen, aber sich dort neben Touristen in Naketano-Hoodies und Dreiviertelhosen im Strandkorb zu setzen, klingt für mich nicht entspannend. Ich bin verwundert, mit welcher Selbstverständlichkeit mein ganzer Freundes- und Bekanntenkreis nach wie vor im Sommer zwei Wochen Toskana, Toledo oder Toulouse bucht. Mich würde es enorm stressen, wenn draußen permanent um die 40 Grad herrschten und ich ständig Gefahr liefe, vor einem Waldbrand fliehen zu müssen.Auch in Berlin ist es heiß. Trotzdem genieße ich den Sommer in der Großstadt von Jahr zu Jahr mehr. Seit dem ersten Ferientag ist die Stadt wie leer gefegt. Was an Weihnachten etwas deprimierend daherkommt, ist im Sommer ein Luxus. Weniger Autos, weniger Menschen – mehr brauche ich nicht, um mich zu erholen.Morgens gehe ich mit dem Hund durch den angenehm kühlen Viktoriapark. Die Vögel zwitschern während der warmen Jahreszeit kaum noch. Umso deutlicher kann ich jetzt ihre Stimmen unterscheiden: Mönchsgrasmücke, Stieglitz, Rotkehlchen. Im letzten Sommer erst entdeckte ich mit der Merlin-App den heimischen Vogelkosmos und damit eine völlig neue Welt, die sich für mich so entlegen und unbekannt anfühlte wie Madagaskar oder Feuerland.Ich lasse mich auf den Steinplatten trocknenDie Enten auf dem Teich sehen zerrupft aus. Auch sie sind im Urlaubsmodus, die Brut ist endlich ausgezogen, und sie können sich der anstehenden Mauser widmen. Entenmännchen legen ihr Prachtkleid ab – den grün schimmernden Kopf – und wechseln ins Schlichtkleid, das sie kaum noch von weiblichen Enten unterscheidet.In meinem Schrebergarten hängen die Kirschen, die Zweige beugen sich so tief zu mir herunter, dass sie darum zu betteln scheinen, gepflückt zu werden. Der Nachbar reicht mir ein paar gelbe Pflaumen. Ich lege mich mit einer Schüssel von den süßen Früchten auf die Hollywoodschaukel und lese Ben Lerners neuen Roman Transkription an einem Nachmittag durch.Danach beginne ich mit der entzückendsten Sommerlektüre des Jahres: Olivia Laings Buch der Träume erzählt aus der Perspektive eines jungen Malers die Geschichte von Danilo Donati, Kostümbildner und Ausstatter von Fellini und Pasolini. Ich tauche tief ein in die 70er-Jahre Italiens, bin mitten in der Cinecittà am Set von Casanova, in der Hauptrolle gespielt von Donald Sutherland, und fühle mich nach 20 Seiten schon so, als würde ich hinten auf einer Vespa sitzen und mir den römischen Wind um die Nase wehen lassen. Es wird gegessen und gevögelt, es wird geschneidert und gestritten, es wird geritten und gelitten.Zurück in der Stadt, leihe ich mir in der Amerika-Gedenk-Bibliothek Fellinis Casanova aus und bereite mir mediterrane Gerichte meiner Kindheit zu: Tortilla de Patata, Pimientos del Padron, Ensaladilla Rusa. Ich richte alles in kleinen Cazuelas aus Ton an und platziere sie auf dem Balkon. Dort schwirren Wildbienen um die Duftnessel, aus einem Fenster dringt leise Musik, Shakiras WM-Hit Dai Dai, und als mir zu warm wird, fahre ich ins Schwimmbad. Im Prinzenbad scharen sich am Beckenrand die unterschiedlichsten Körper. Schwule Israelis neben gepiercten Frauen oben ohne, Rentnerinnen schwimmen mit stoischer Gelassenheit zwischen den Paradiesvögeln hindurch. Ich plansche ein wenig herum und lasse mich danach auf den Steinplatten trocknen.Mir wird klar, dass daheim bleiben ein Privileg istIch muss an diesen Begriff der Philosophin Eva von Redecker denken: Bleibefreiheit. Sie meint damit nicht mein kurzes Glücksgefühl beim Anblick nasser Menschen im Wasser. Freiheit ist für Redecker nicht nur Reise- oder Konsumfreiheit, sondern eine mit der Natur geteilte Freiheit, ein kollektives Handlungsprinzip, welches die Wahrung unserer bewohnbaren Welt beinhaltet, in der jedes Lebewesen bleiben kann.Aus dieser Perspektive ist der Sommerurlaub auch eine Art Kompensation für die Zeitknappheit und Fremdbestimmung, welche viele Menschen auf der Arbeit und in der Familie erleben. Mir wird klar, dass daheim bleiben auch ein Privileg ist. Ich habe keine Kinder, meine Arbeit macht mir Spaß und vor allem habe ich eins: viel Zeit. Ich brauche keinen Urlaub, und das ist fast ein Luxusgut.Auf dem Rückweg knallt die Sonne ordentlich, ein Krankenwagen schaltet genau in dem Moment, als er an mir vorbeifährt, seine Martinshörner an. Anstrengend. Noch ein Jahr macht der Hund nicht. Dann verreise ich auch mal wieder. Ich freue mich schon drauf.