Bei der ersten Besichtigung hat sich den neuen Schlossbesitzern ein Bild des Jammers geboten. Zeitgenossen mit Spaß an Randale hatten die historischen Fensterscheiben zerstört. Am Ende des Rundgangs durch das mehr als 300 Jahre alte Ensemble mit vier Gebäuden zählte Axel Friedersdorf alles in allem 87 eingeworfene Fensterscheiben. An vielen Stellen verunstalteten Graffitis die Wände. Irgendjemand hatte einen Feuerlöscher entleert. „Das Pulver war wirklich überall“, sagt Nicole Friedersdorf im Rückblick auf jenen Tag vor gut siebeneinhalb Jahren. Zum Glück bestand der Boden aus Linoleum – „das konnten wir einfach absaugen“, ergänzt ihr Mann.Die Schlossbesitzer sitzen entspannt in ihrem hell getünchten Wohnzimmer. Ihre Hündin Peggy möchte mit den Gästen spielen, muss sich aber noch gedulden. Denn zuvor steht eine Erinnerungsreise durch die Zeit seit dem Erwerb des Schlosses in Nidda an. Möbel aus dunklem Holz und längst vergangenen Tagen schmücken den Raum ebenso wie Ölgemälde an den Wänden. Von der Decke hängt ein schmiedeeiserner runder Kerzenleuchter. Unweit davon schaut ein präparierter Antilopenkopf mit glasigen Augen in die Runde. Das Ehepaar Friedersdorf will keinen Stilbruch mit modernen Tischen, Stühlen und Sofas – sie suchen das Interieur passend zum Alter ihres Anwesens und seiner Geschichte aus.Schloss Nidda beherbergte früher das AmtsgerichtDas war vor ihrem Einzug ganz und gar nicht der Fall. Bevor sie das Ensemble kauften, stand es jahrelang leer. Zuvor diente es als Sitz des Amtsgerichts. Doch dieser Teil endete mit dem Jahr 2011. Seinerzeit gab das Land Hessen eine Reihe kleiner Amtsgerichtssitze auf und bot die Immobilien zum Kauf an. Dazu gehörte auch das zu Anfang des 17. Jahrhunderts auf einer baufälligen Burg errichtete Anwesen in der Kleinstadt in der östlichen Wetterau.Was das Land als Eigentümer mit dem Schloss angestellt hatte, merkten die Friedersdorfs erst nach und nach. Sie haben es Stück für Stück saniert. Nun stehen die Arbeiten vor dem Abschluss. Angesichts des Wandels der Liegenschaft hinter einem schmiedeeisernen Tor preist Bürgermeister Thorsten Eberhard das Ehepaar als Glücksfall für Nidda.Saniert: das Schloss Nidda mit InnenhofBen KilbErst vor ein paar Wochen präsentierte Eberhard mit dem Ehepaar gut gelaunt das im Turm des Schlosses untergebrachte Trauzimmer. Es ist mutmaßlich das kleinste seiner Art in Hessen. Von der Schwelle am Eingang führen 57 Stufen nach oben. Wer die letzte Stufe genommen hat, betritt ein rundes Räumchen mit massiven Holzdielen, das von mehr als einem halben Dutzend Fenstern erhellt wird. Der Blick fällt auf einen Tisch mit einer Spitzendecke. Darauf stehen eine mit Blaubeerzweigen geschmückte Schale und zwei Kerzenständer, in denen künstliche Kerzen stecken. „Offenes Feuer im Schloss wäre eine ganz schlechte Idee“, sagt Nicole Friedersdorf. Deshalb dienen LED-Leuchten als Mittel der Wahl.Vor dem Tisch stehen vier Stühle mit geflochtenen Sitzflächen. An das Rückenteil hat Friedersdorf jeweils einen Kranz aus Olivenzweigen gebunden. Neben dem Tisch hat sie ein Spinnrad mit Rosen, Olivenzweigen und Blaubeerzweigen platziert. Zwei Paare haben sich dort seit der Eröffnung im Frühjahr trauen lassen. Das Angebot muss sich noch herumsprechen. Häufiger nutzen Frischvermählte den Rosengarten nach dem Ja-Wort in dem im Erdgeschoss untergebrachten Trauzimmer.Milchig: Blick in den Gang neben dem Trauzimmer im Schloss NiddaBen KilbWer in diesen Tagen von den Schlossbesitzern durch die Räume geleitet wird, kann sich die frühere Vernachlässigung kaum vorstellen. Einzelheiten, die Axel Friedersdorf schildert, reichen jedoch aus, um sprichwörtlich die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Im Trausaal etwa hatten Arbeiter zu Zeiten des Amtsgerichts die Fenster falsch eingebaut. „Der kälteste Punkt lag jeweils unten an den Fenstern“, berichtet er.Die Folge: Luftfeuchtigkeit kondensierte an Ort und Stelle, das dadurch gebildete Wasser lief die Wände herunter, die Holzdielen im Boden saugten es mit der Zeit auf und verfaulten. Hinter der Holzvertäfelung war die Wand schwarz vor Schimmel – „das sieht man von außen nicht“. Die Friedersdorfs klopften alle modernen Putze herunter, ebenso die in der jüngeren Vergangenheit aufgetragenen Farben. „Wir haben 30 Jahre Renovierung aus den Zeiten des Amtsgerichts entfernt“, resümiert der Schlossherr. Denn die Arbeiten hätten sich bauphysikalisch als falsch entpuppt.27.000 Arbeitsstunden stecken im Schloss NiddaWenn die beiden „wir“ sagen, ist das wörtlich zu nehmen. Denn die Räume haben sie nach eigenem Bekunden weitestgehend selbst renoviert und umgebaut. Axel Friedersdorf ist Zimmerer und Restaurator und verfügt über das notwendige Fachwissen sowie handwerkliches Können. Seine Frau arbeitet zwar in leitender Position in der Pharmabranche. Aber sie hat Lust auf Neues und keine Scheu vor schmutzigen Händen. „Ich musste von Anfang an sagen: Ich bin dabei“, hebt sie hervor. Das hat auch mit den Baukosten zu tun.Für 750.000 Euro hat das Ehepaar das Schloss samt Nebengebäuden erworben. Eine Million Euro hat es in den Jahren danach für Baumaterial aller Art ausgegeben – inklusive 300 neuen Fenstergriffen. Überschlägig 20.000 Arbeitsstunden von Axel Friedersdorf stecken mittlerweile in den Immobilien, hinzu kommen etwa 7000 von seiner Frau. Die Pharmabranche zahlt gut. „Aber wie wollen Sie 27.000 Arbeitsstunden bezahlen?“, fragt Nicole Friedersdorf rhetorisch. Wenn sie diese Arbeit von geschulten Handwerkern hätten erledigen lassen, hätte das zusätzlich mehr als zwei Millionen Euro gekostet. Wobei Axel Friedersdorf eine Arbeitsstunde mit 85 Euro ansetzt.So aber haben sie selbst vier Gebäude „angefasst“, wie sie es nennen. Sie haben 1500 Quadratmeter bewohnbare Räume renoviert und sich zudem mit 800 Quadratmetern auf den Dachböden und 400 Quadratmetern in den Kellern eingehender beschäftigt. Entstanden sind unter anderem ein Fitnessraum und nicht zuletzt ein Schneideratelier. Denn Nicole Friedersdorf schneidert gern selbst.Sie zählt sich zur Rokokoszene und hat mit ihrem Mann neulich im Schloss Versailles bei Paris an einem historischen Barockabend im Rahmen der Fêtes Galantes teilgenommen. Zur Feier des Abends hat die passionierte Hobbyschneiderin ihrem im Schwertkampf geübten Mann ein prächtiges Kostüm nach dem Vorbild eines hessischen Soldaten aus der damaligen Zeit genäht.Möbel lieber aus Uromas Zeiten statt von IkeaAus Paris ist das Paar mit zwei historischen Lampen zurück nach Nidda gekommen. Die Teile haben sie auf einem Flohmarkt gefunden. Wie teuer? Nicole Friedersdorf winkt ab und sagt: „Für zweimal Pizza essen gehen.“ Überhaupt decken sich die Friedersdorfs gern auf Flohmärkten ein, in der Wetterau entdecken sie auf Hofreiten das eine oder andere Schätzchen. Leitlinie: „Wir kaufen nicht teuer ein.“ Ihrer Erfahrung nach weiß so mancher Verkäufer seine Angebote nicht richtig zu schätzen oder kann mit Stühlen, Lampen oder Körben nichts anfangen. Oft gelte das Motto „Lieber Ikea als von der Uroma“.Die Friedersdorfs halten es genau andersherum. Für den Antilopenkopf hat Nicole Friedersdorf einen Fünfziger gezahlt, wie sie berichtet. So manches große Ölgemälde kostete auch nicht viel. Sie kommen zum Beispiel günstig an Stühle mit Korbflechtereien als Sitzfläche. Wer solch ein Stuhlgefecht heutzutage anfertigen lässt, ist schnell 180 Euro los. Je Stuhl, versteht sich. Sie zahlen je intaktem Stuhl aber nur einen Bruchteil. Wenn einer kaputtgeht, holen sie aus dem Bestand eben einen anderen.Historisch: Eine Backstube aus Kaisers Zeiten dient dem Ehepaar Friedersdorf als Küche im Schloss Nidda.Ben KilbNur 400 Euro haben sie für eine bei einem Entrümpler in Frankfurt entdeckte alte Bäckerei-Einrichtung gezahlt, mit Originalgriffen und Gläsern, wie die Schlossherrin sagt. In einer Schublade habe noch eine 10-Pfennig-Münze gelegen – „aus der Kaiserzeit“. Die Möbel nutzt das Paar mittlerweile als Küche. Sie sehen so aus, als hätten sie nie woanders gestanden. So verhält es sich auch mit dem Interieur in den anderen Räumen.Für das vom Eingangstor aus gesehen links stehende, ehemalige, in Rosé gestrichene Richterhaus mit seinen grünen Fensterläden hat sich das Ehepaar etwas Besonderes einfallen lassen. Das über eine ausladende Außentreppe erreichbare zweistöckige Gebäude dient seit etwas mehr als zwei Jahren als Herberge.Zauberhaft: ein von den Harry-Potter-Büchern inspiriertes Zimmer in der Herberge am Schloss NiddaBen KilbBeim Aufräumen fand das Ehepaar an einem versteckten Ort auf dem Dachboden mehr als 100 Jahre alte Morphium-Bestände, wie Nicole Friedersdorf berichtet. Ob der Amtsrichter seinerzeit ernsthaft krank war, sich einen grauen Alltag erleichtern wollte oder sein Arzt einfach etwas leichtfertig die Droge verschrieben hatte, steht dahin.Klar ist: Heutzutage finden Freunde der von Zauberlehrlingen, Hexen und dergleichen geprägten Phantasiewelt dort eine für sie gemachte Unterkunft. Das Hostel ist gut gebucht und glänzt ebenfalls mit Liebe zum Detail. Fliegende Bücher an den Wänden schließt dies ebenso ein wie Hexenbesen vor der Tür.