Konservative PR-Maschine vor dem Aus: Viktor Orbans internationale Strahlkraft erlischtDas von Orban einst reich dotierte Bildungsinstitut MCC diente jahrelang als Brücke zwischen seiner Partei Fidesz und Trumps Maga-Bewegung. Nun entzieht die neue Regierung der Institution die Mittel und stellt so deren Zukunft infrage.04.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas MCC will junge Patrioten ausbilden, die sich danach für das Wohl der ungarischen Nation einsetzen sollen. Aufnahme vom Hauptsitz im Süden von Budapest.Akos Stiller / Bloomberg via GettyEs ist eine angenehme Lernumgebung, die das Mathias Corvinus Collegium (MCC) in Budapest bietet. In der kleinen Bibliothek im Eingangsbereich arbeiten Studierende in schallgeschützten Sitznischen, es gibt Lounge-Ecken in bunten Farben, und an der Wand weisen Bildschirme auf Veranstaltungen hin. In der Cafeteria mit Blick in einen Park liegen zahlreiche internationale Zeitungen auf. «Der grösste Schatz der Ungarn ist ihre nationale Identität», steht an der Wand und auf den Papier-Tischsets.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das MCC ist die grösste private Bildungseinrichtung Ungarns und führt seit der Gründung vor dreissig Jahren Talentförderungsprogramme durch. Über 8000 Studierende werden an zahlreichen Standorten in ganz Ungarn kostenlos unterrichtet. Ausser über moderne Unterrichts- und Veranstaltungsräume verfügt der im Süden von Budapest gelegene Hauptsitz in den oberen Stockwerken über Gratiszimmer für rund 300 Studierende. Der 23-jährige Zsombor etwa lebte fünf Jahre hier und belegte neben seinem Jusstudium an einer staatlichen Universität Ökonomiekurse am MCC. Er hat gerade abgeschlossen, als Erster seiner Familie, wie er bei einem Gespräch im Juni erzählt. Im Herbst wechselt er an die renommierte London School of Economics.Der Leiter des MCC war auch Viktor Orbans StrategeDer junge Mann, der seinen Nachnamen nicht nennen will, war vielleicht einer der letzten Absolventen des MCC. Der neue Regierungschef Peter Magyar hatte schon im Wahlkampf angekündigt, die öffentlichen Gelder, die die Bildungseinrichtung in den vergangenen Jahren erhalten hatte, zurückzufordern. Denn das MCC gilt seit vielen Jahren als Kaderschmiede der langjährigen Regierungspartei Fidesz und als eine von Viktor Orbans PR-Maschinen.Tatsächlich hatte dieser das Kolleg grosszügig mit Mitteln ausgestattet: 2020 übertrug das Parlament dem MCC jeweils 10 Prozent der Aktien des Mineralölkonzerns MOL und des Pharmaunternehmens Gedeon Richter im Gesamtwert von knapp einer Milliarde Franken. Allein die Dividenden brachten jährlich Dutzende von Millionen ein. Zusätzlich wurden der Einrichtung wertvolle Immobilien überschrieben.Im Juni beschloss das Parlament mit der Zweidrittelmehrheit von Magyars Partei Tisza ein Gesetz, wonach alle diese Vermögenswerte zurückzugeben sind – auch die Dividenden und die damit erworbenen Güter. Zudem wurde die Grundlage geschaffen, um die öffentlichrechtlichen Stiftungen, in die Orbans Regierung das MCC und mehrere andere Bildungseinrichtungen 2021 übergeführt hatte, aufzulösen.Für das MCC kündigte der zuständige Kanzleramtsminister Balint Ruff diesen Schritt für Ende Juli an. «Sinnlose Zerstörung, Verwüstung und Rache» nannte das der kurz zuvor zurückgetretene Kuratoriumsvorsitzende der Einrichtung, Balazs Orban. Diejenigen, die darunter zu leiden hätten, seien nicht Politiker, sondern junge Menschen.Das MCC bezeichnet sich stets als ideologisch unabhängig, aber wertkonservativ. Man will junge Patrioten ausbilden, die sich danach für das Wohl der ungarischen Nation einsetzen. Der mit dem früheren Ministerpräsidenten nicht verwandte Orban war indes ein klarer Hinweis auf die Verbandelung mit dem Fidesz. Er war gleichzeitig auch politischer Direktor von Viktor Orban und Wahlkampfmanager der Partei. Nach der verheerenden Niederlage im April wird er künftig im EU-Parlament sitzen.Bei Orbans Treffen mit der AfD-Chefin Alice Weidel waren auch der Schweizer Journalist Roger Köppel und der MCC-Direktor Zoltan Szalai zugegen.Vivien Cher Benko / Hungarian PM’s Press Office via KeystoneAnlaufstelle für die amerikanische RechteUnter Balazs Orban wurde das MCC nicht nur zu einem Think-Tank des Fidesz, sondern zur einflussreichsten von mehreren Lobbying-Organisationen für die Partei im Ausland. Sie knüpften enge Verbindungen insbesondere zu Donald Trumps Maga-Bewegung und schafften es in den vergangenen Jahren, dass das kleine Ungarn zu einem Vorbild für die amerikanische Rechte wurde. Als Kämpfer gegen alles Linke und Woke galt Viktor Orban ihr als Held. Das lockte diverse Maga-Stars regelmässig nach Budapest, etwa für die CPAC, die Conservative Political Action Conference. Das Vernetzungstreffen der amerikanischen Konservativen hat seit 2022 einen Ableger in Ungarn. Tucker Carlson sendete vor fünf Jahren sogar seine damals einflussreiche Fox-News-Show eine ganze Woche lang aus Budapest.Für diese Kontakte hatte das MCC eine Schlüsselfunktion. Nur Tage vor der Wahl im April reiste Vizepräsident J. D. Vance nach Ungarn, einzig um für Viktor Orban zu werben. Er nahm dabei auch an einer Diskussionsrunde des MCC teil. Am jeweils Anfang August abgehaltenen «MCC Feszt» traten schon der Tech-Milliardär Peter Thiel und bekannte Intellektuelle der amerikanischen Rechten wie Christopher Rufo auf.Der diesjährige Anlass wurde Mitte Juni kurzfristig abgesagt, wegen der «aktuellen Umstände», wie es auf der Website heisst. Wie es mit dem MCC nun weitergeht, ist derzeit offen. Die Einrichtung schreibt, man führe Gespräche mit der Regierung. Sie könnte ihre Tätigkeiten als private Stiftung fortsetzen, ohne das vom Staat zur Verfügung gestellte Vermögen und die Dividendeneinnahmen aber wohl nur in massiv reduziertem Umfang.Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance trat bei seinem Besuch in Budapest im April auch vor dem MCC auf.Robert Hegedus / EPAUngarn taugt nicht mehr als Vorbild für die RechteEine andere Frage ist, was von der internationalen Strahlkraft der ungarischen Konservativen übrigbleibt. Viktor Orban war kürzlich für die Fussball-WM in den USA, über politische Treffen ist aber nichts bekannt. Trump mag Siegertypen und hat sich nach der Wahl positiv über Magyar geäussert, über Orban dagegen nicht mehr.Ohnehin wird dieser den Fidesz nach eigenen Angaben nur noch für eine Übergangszeit führen. Ein Nachfolger mit seinem Charisma und strategischem Geschick ist nicht in Sicht. Als Vorbild für die internationale Rechte taugt Ungarn ohnehin nicht mehr – nicht nur wegen des Machtwechsels, sondern wegen der Deutlichkeit, mit der die Bevölkerung mit Orbans Politik abrechnete.Niemand wisse, was passieren werde, sagt auch der Absolvent Zsombor. Er bestreitet die ideologische Einseitigkeit des MCC. Die meisten Gastreferenten seien konservativ gewesen, aber nicht alle Dozenten. Bei einer Testwahl der Studierenden habe die Opposition zudem 65 Prozent erreicht – mehr als bei der tatsächlichen Wahl. Ohnehin seien die anderen derartigen Einrichtungen mehrheitlich links positioniert, findet Zsombor, auch das nahe Istvan-Bibo-Kolleg. Dort hatte einst ein gewisser Viktor Orban studiert und mit Kommilitonen den Fidesz gegründet.Passend zum Artikel
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