Peking, Washington. Ende Mai spielte sich im Weißen Haus eine bemerkenswerte Szene ab. US-Präsident Donald Trump wollte eine seiner zahlreichen Regierungsdirektiven unterzeichnen, mit denen er seit seinem Amtsantritt weitgehend am Kongress vorbei regiert. Der Termin war bereits angekündigt – es sollte um die Regulierung Künstlicher Intelligenz (KI) gehen.Doch in letzter Minute machte Trump einen Rückzieher: Der Termin wurde abgesagt, die Unterschrift blieb aus.Zur Begründung sagte Trump: „Wir liegen vor China, wir liegen vor allen anderen, und ich möchte nichts tun, was diesen Vorsprung gefährden könnte.“ Die geplante Regulierung würde die Branche nur in ihrer Entwicklung behindern, warnte er.Mehrere chinesische KI-Unternehmen wie Alibaba und das Start-up Moonshot haben in den vergangenen Wochen große Sprachmodelle vorgestellt, die zumindest in Teilen mit den führenden US-Anbietern Anthropic und OpenAI mithalten können.Kimi K3 KI-Modell aus China sorgt für Furore – das müssen Sie jetzt wissen Offen, billig und stark beim Programmieren: Das Modell Kimi K3 des Start-ups Moonshot AI verschiebt die Machtfrage in der KI. Die zentralen Fragen und Antworten im Überblick. Chinas KI-Erfolge stellen US-Eindämmungsstrategie infrageDer Wettbewerb um die Vorherrschaft bei KI ist ins Zentrum des geopolitischen Machtkampfs zwischen China und den USA gerückt – und er betrifft auch Europa. Denn 90 Prozent der KI-Modelle stammen aus diesen beiden Ländern. Die KI-Entwicklung sollte kein Alleingang eines einzelnen Landes sein. Xi JinpingChinas Staats- und ParteichefEuropa ist ins Hintertreffen geraten: Weil europäische Unternehmen selbst zu wenige Hochleistungsmodelle entwickelt haben, ist der Kontinent auf Systeme aus den USA oder der Volksrepublik angewiesen.In den vergangenen Jahren haben die USA parteiübergreifend Restriktionen erlassen, die Chinas Fortschritt bremsen sollten – offenbar mit wenig Erfolg. Das gilt umso mehr, als chinesische KI-Modelle oft frei zugänglich sind und günstiger ausfallen als die US-Konkurrenz. Entwickler weltweit greifen deshalb zunehmend auf KI „made in China“ zurück. Das liegt ganz im Interesse der chinesischen Staatsführung, die die technologische Dominanz der USA herausfordern will.Künstliche Intelligenz Der große KI-Frust – Warum immer mehr Kunden gegen OpenAI und Anthropic rebellieren Welche strategische Bedeutung Peking dem Thema beimisst, zeigte auch die Grundsatzrede von Staats- und Parteichef Xi zur Eröffnung der Welt-KI-Konferenz Mitte Juli in Shanghai. „Die KI-Entwicklung sollte kein Alleingang eines einzelnen Landes sein“, betonte er. Die Botschaft richtete sich wohl vor allem an die anwesenden Regierungsvertreter aus dem globalen Süden.Xi Jinping mit internationalen Regierungsvertretern: Initiative, um Künstliche Intelligenz zu regulieren. Foto: Ng Han Guan/AP Pool via APAuf Initiative Pekings hatten kurz zuvor 29 Länder – darunter Brasilien, Indonesien, Kasachstan, Pakistan und Russland – eine Absichtserklärung zur Gründung der Weltorganisation zur KI-Koordinierung (WAICO) unterzeichnet. China will damit eine Plattform schaffen, um die globale Regel- und Standardsetzung für KI zu beeinflussen. KI müsse „sicher und kontrollierbar“ sein, sagte Xi.Die weltweite Popularität chinesischer Open-Source-Modelle biete „eine einmalige Chance, die internationale Gemeinschaft an Chinas KI-Ökosystem zu binden“, schreibt Kendra Schaefer von der US-Beratung Trivium, eine der führenden Expertinnen für chinesische Technologie.Während Xi Chinas KI-Modelle auch anderen Ländern zugänglich machen will, setzt er im eigenen Land auf Autonomie und reduziert systematisch die Abhängigkeit von ausländischer Technologie. Auch als Lehre aus den US-Exportbeschränkungen für Hightech-Chips investiert die Staatsführung einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag in den Aufbau einer heimischen Chipindustrie.KI im Zentrum des geopolitischen MachtkampfsFür Peking und Washington geht es dabei um die technologische Vorherrschaft, aber auch um nationale Sicherheit. Denn fortschrittliche KI-Modelle können IT-Sicherheitslücken in hoher Geschwindigkeit aufspüren. Das zeigte etwa ein Pilotprojekt beim Browser-Entwickler Mozilla: Mit dem von Anthropic entwickelten Modell Mythos habe das Team nach eigenen Angaben innerhalb eines Monats mehr Sicherheitslücken aufgespürt als zuvor in einem ganzen Jahr.Solche Erkenntnisse können genutzt werden, um Schwachstellen zu schließen. Sie können aber ebenso von feindlichen Staaten oder Kriminellen missbraucht werden, um Sicherheitslücken auszunutzen. Das schürt die Sorge vor Angriffen auf militärische und andere kritische Infrastrukturen, etwa in der Energieversorgung oder im Finanzsystem.Im Juni hatte die US-Regierung vorübergehend den Zugang zum führenden US-KI-Modell Fable 5 von Anthropic für Nutzer außerhalb der USA sperren lassen. Inzwischen ist es wieder nutzbar, jedoch mit Einschränkungen. Einer Recherche der Nachrichtenagentur Reuters von Anfang August zufolge nutzen chinesische Militärforscher die führenden US-KI-Modelle, um heimische KI-Systeme zu trainieren und Chinas Verteidigungsfähigkeiten auszubauen.Doch auch die wachsende Verbreitung hochleistungsfähiger, frei zugänglicher chinesischer KI-Modelle hat in den USA eine kontroverse Debatte ausgelöst – sowohl in der Tech-Branche als auch im Weißen Haus. Während Anthropic und OpenAI Beschränkungen für frei zugängliche KI aus China fordern, warnen zahlreiche internationale und US-Tech-Konzerne vor zu großen Einschränkungen.US-Konzerne im VorteilTrotz der jüngsten chinesischen KI-Erfolge sehen Experten US-Unternehmen gegenüber ihren chinesischen Konkurrenten vorerst in mindestens drei Bereichen im Vorteil: beim Zugang zu Kapital, zu Rechenleistung und zu Hochleistungschips.In der Analyse des American Enterprise Institute heißt es, das von den USA angeführte Chip-Ökosystem sei weiterhin der dominante Anbieter von Rechenleistung. Auch bei Rechenzentren liegen die USA vorn: Laut einer Analyse der Universität Stanford verfügten sie 2025 über 5427 Datenzentren, China dagegen über 449.In China dagegen werden die Rechenzentren in ländlich geprägten Regionen errichtet, gespeist mit überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien. Das macht den Betrieb deutlich günstiger und könnte langfristig ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.Chinas Premier Li Qiang (3. v. l.): Besuch in einem Datencenter in Xining. Foto: CCTVNoch führen die USA jedoch bei der Rechenkapazität. Zudem investieren die großen amerikanischen Tech-Konzerne auch in diesem Jahr wieder Hunderte Milliarden Dollar in neue Kapazitäten.USA werfen China Technologie-Klau vorDas wirft die Frage auf, wie Chinas KI-Firmen so schnell aufholen konnten. Das Weiße Haus und US-Tech-Konzerne werfen chinesischen KI-Unternehmen vor, ihre Modelle illegal mithilfe führender US-Angebote zu trainieren – im Fachjargon „Destillation“.US-Finanzminister Scott Bessent drohte vergangene Woche mit Konsequenzen: „Wenn chinesische Unternehmen im industriellen Maßstab verdeckte ‚Destillationsangriffe‘ verüben, die die Grenze zum Diebstahl geistigen Eigentums überschreiten, steht die Aufnahme in Sanktionslisten zur Debatte.“Das Handelsministerium in Peking kritisierte die US-Drohung als „KI-Hegemonialismus“ und drohte mit Gegenmaßnahmen. Der Vorwurf des Diebstahls geistigen Eigentums entbehre jeder Grundlage. Experten wie Paul Triolo verweisen darauf, dass zwischen der Veröffentlichung von Anthropics Modell Fable 5 und Moonshots Kimi K3 nur zwei Wochen gelegen hätten. „Unmöglich, dass sie in dieser Zeit Fable hätten destillieren und dann dieses Modell bauen können“, sagte Triolo, der Partner bei der US-Strategieberatung DGA im „Sinica“-Podcast ist.Dennoch glaubt auch er, dass der schnelle Fortschritt in China eine Folge des Open-Source-Ansatzes der Staatsführung ist. Die Modelle bauten aufeinander auf, sagt Triolo. Eine Einschätzung, die auch Yasir Atalan, Datenexperte des US-Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS), teilt. Fortschritte in bestimmten Bereichen könnten dadurch von anderen Unternehmen schnell übernommen werden. Chinas KI-Labore würden auf Wissensdestillation setzen, „statt den Trainingsdatensatz von Grund auf neu aufzubauen“, schreibt er. Das sei jedoch kein chinesisches Spezifikum, sondern auch in den USA verbreitet.Nvidia-Produkt: Zugang zu Chips des US-Unternehmens verschafft? Foto: BloombergMichael Kratsios, Technologieberater des Weißen Hauses, wirft dem Unternehmen zudem vor, über Dienste von US-Cloudanbietern in Drittländern indirekt Zugang zu Nvidia-Chips zu erhalten, die eigentlich unter US-Exportrestriktionen fallen.US-Reaktion wahrscheinlichTrotz vier Jahren US-Exportbeschränkungen sei es Chinas führenden KI-Laboren gelungen, aufzuholen. „Das wird wahrscheinlich eine Reaktion der US-Regierung auslösen“, sagt Paul Triolo. Vergangene Woche haben die USA zudem den Import intelligenter mobiler Roboter aus China verboten.Weiterreichende Maßnahmen könnten den Konflikt zwischen den beiden Supermächten jedoch neu anheizen. Bislang halten sich beide Seiten zurück – wohl auch um den geplanten Besuch von Chinas Staatschef Xi in den USA Ende September nicht zu gefährden. Dabei soll auch KI auf die Tagesordnung kommen. Verwandte Themen ChinaUSAAnthropicDonald TrumpXi JinpingEuropa„Präsident Xi kommt am 24. September, und wir haben bereits über Künstliche Intelligenz gesprochen, als ich in Peking war, und wir werden das Thema erneut aufgreifen“, sagte Trump.Es gilt auszuloten, wie die Risiken immer leistungsfähigerer KI-Modelle eingedämmt werden können. Experten fordern bereits seit Längerem eine Abstimmung Chinas und der USA bei der KI-Regulierung.
Technologie: Wie China und die USA um die KI-Vorherrschaft kämpfen
Mehrere chinesische KI-Firmen konkurrieren inzwischen mit den führenden Anbietern aus den USA – trotz der US-Tech-Beschränkungen, die Chinas Aufholjagd bremsen sollten.







