Die Renaissance des Analogen: Schweizer Schulen sind digitalen Geräten gegenüber skeptisch geworden. Reagiert wird mit knallharten VerbotenDas Handy muss zu Hause bleiben, und das Tablet gehört nicht mehr in den Primarschulunterricht: In immer mehr Kantonen sollen Klassenzimmer und Pausenplätze technikfrei werden.03.08.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenAn Schulen heisst es zunehmend: Handy abgeben vor dem Unterricht.Max Slovencik / APADie Wende kam unerwartet und wurde der Öffentlichkeit auch nicht kommuniziert. Bereits vor den Sommerferien hat der Kanton Basel-Stadt eine Weisung erlassen, die besagt, dass private elektronische Geräte auf dem Schulareal künftig verboten sind. Den Entscheid fällte der zuständige Erziehungsdirektor Mustafa Atici (SP). Handys dürfen in der Schule weder sichtbar noch hörbar sein, sondern müssen ausgeschaltet und weggelegt werden. Im Unterricht sind sie nur dann erlaubt, wenn der Lehrer dies ausdrücklich gestattet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Regel gilt flächendeckend an allen Volksschulen. Vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe (inklusive sonderpädagogischer Spezialangebote, Tagesstrukturen und Ferienangebote). Die Schulen dürfen selbst regeln, wie sie das Verbot umsetzen, solange sie die Weisung nicht hintertreiben – vorstellbar sind beispielsweise Lockerungen in Mittagspausen oder beim Bezahlen via Handy in der Mensa. Doch der Kanton macht klar: Die Schulleitungen sind darauf angewiesen, griffige Konzepte zu entwickeln, um Fehlverhalten angemessen zu bestrafen. Die beschlossenen Massnahmen seien «konsequent umzusetzen».Klare KehrtwendeDieser drastische Erlass ist bemerkenswert, da Basel-Stadt bis zum vergangenen Jahr nichts von einem kantonalen Verbot wissen, sondern die einzelnen Standorte selbst entscheiden lassen wollte. Der Leiter des Amts für Volksschulen hielt damals noch nichts von Repression, sondern wünschte sich einen «konstruktiv-kritischen Umgang mit Social Media und generell mit Inhalten im Netz», wie er dem Basler Onlinemedium «Onlinereports» sagte.Basel ist somit der erste städtische Kanton, der an seinen Schulen ein generelles Handyverbot einführt. Er liegt mit diesem Schritt im Trend. Bereits vor einem Jahr haben die Kantone Aargau, Nidwalden und Wallis die Benutzung digitaler Geräte an der Volksschule flächendeckend verboten. Seit diesem Frühling gilt auch im Tessin und im Kanton Jura ein Handyverbot an den Pflichtschulen. In der Westschweiz gilt im Kanton Waadt bereits seit 2019 ein moderates Verbot.In der Deutschschweiz spielte der Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid eine Vorreiterrolle. Nach Absprache mit den Lehrkräften führte der SVP-Politiker diese Massnahme ein, um den Schülern einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln. Gleichzeitig sollten die negativen Auswirkungen der exzessiven Handynutzung auf den Unterricht und das Sozialverhalten reduziert werden.Basel-Stadt kann also auf den Erfahrungen aufbauen, die man in den bisherigen Verbotskantonen gemacht hat. «Die Lehrpersonen müssen die Massnahmen nun weniger begründen als früher, und auch Schüler erkennen durchaus Vorteile, weil sie in den Pausen wieder häufiger mit ihren Kameraden physisch interagieren», sagte Daniel Hotz, der Geschäftsführer von Bildung Aargau, gegenüber Swissinfo.Sarah Keller, Schulleiterin der Sekundarstufe I in Baden, äusserte sich im «Migros-Magazin» zufrieden über die Umstellung. «Seit die Handys unsichtbar sind, wird in den Pausen viel mehr miteinander geredet und gespielt.» Vor den Sommerferien hätten die Kinder oft wie angewurzelt dagestanden und nur noch auf ihr Smartphone gestarrt. Das habe sich nach der Einführung des Handyverbots geändert.Viele Schülerinnen und Schüler gehen locker mit dem Verbot um und begrüssen es, wenn sie für eine gewisse Zeit nicht online sein und ständig auf neue Beiträge reagieren müssen. Das hat auch die zuständige Aargauer Bildungsdirektorin Martina Bircher bestätigt. Sie sagte der NZZ kürzlich, dass sie nach dem Handyverbot nur positive Rückmeldungen erhalten habe.Es zeigt sich, dass vor allem Eltern froh über die schulischen Verbote sind. Oft sind sie mit Risiken wie Cybermobbing, Cybergrooming und übermässiger Bildschirmzeit überfordert. Aus diesem Grund haben auch zahlreiche Gemeinden und Schulen lokale Verbote ausgesprochen.Die Skepsis wächstDass Schüler vor den Gefahren des Internets – sei es Mobbing, sei es exzessive Nutzung – geschützt werden sollen, ist aber nicht der einzige Grund für das Umdenken. Die neue Technikskepsis hängt auch mit dem Unterricht zusammen. Wissenschaftliche Studien aus Skandinavien zeigen seit Jahren, dass die Leistungen unter dem Einsatz von elektronischen Medien leiden.Das renommierte Karolinska-Institut in Stockholm bilanziert die eigene Forschung ernüchtert: «Je mehr eine Schule ihren Unterricht auf das Internet und Computer stützt, desto schlechter ist die Leistung der Kinder.» Länder wie Schweden, die Vorreiter im Einsatz digitaler Geräte im Klassenzimmer waren, reduzieren den Einsatz seither stetig.Diese Erkenntnis kommt – wenn auch langsam – in der Schweiz an. Der Verein «Starke Schule beider Basel» wird in dieser Woche im Kanton Baselland eine Initiative einreichen, in der gefordert wird, dass in den ersten vier Jahren der Primarschule keine digitalen Geräte verwendet werden. Ab der fünften Klasse soll dagegen ein «punktueller Einsatz» möglich sein. Man wünsche sich medienmündige Kinder, nicht medienabhängige.Diese Trendumkehr dürfte auch mit dem KI-Boom zusammenhängen, durch den die Schulen bereits stark gefordert sind. Der Unterricht muss umgekrempelt, die Sinnhaftigkeit – etwa von Vorträgen und schriftlichen Arbeiten – neu gedacht werden. Und wie das alles benoten? Die Renaissance des Analogen soll nun mithelfen, wenigstens etwas Struktur in die digitale Unordnung zu bringen.Passend zum Artikel
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Das Handy muss zu Hause bleiben, und das Tablet gehört nicht mehr in den Primarschulunterricht: In immer mehr Kantonen sollen Klassenzimmer und Pausenplätze technikfrei werden.














