Söder fürchtet Aigner, Merz fürchtet Rhein: Bei der Frage des Bundespräsidenten geht es um mehr als das Schloss BellevueIm Januar 2027 wählt die Bundesversammlung ein neues deutsches Staatsoberhaupt. Der Politikbetrieb favorisierte lange eine Frau. Kanzler Merz hat nun offenbar einen anderen Plan.Eric Matt, Berlin03.08.2026, 16.22 Uhr4 LeseminutenWer soll ins Schloss Bellevue einziehen, den offiziellen Amtssitz des Bundespräsidenten?Olaf Schulz / ImagoDeutschland sucht einen neuen Bundespräsidenten. Oder eher: eine Bundespräsidentin. Denn bis anhin plädierten viele im Berliner Politikbetrieb dafür, dass die Zeit für eine Frau im obersten Staatsamt reif sei. Noch am Sonntag sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, man habe sich darauf «festgelegt, dass dieses Mal eine Frau Bundespräsidentin werden soll». Eine Kandidatur seiner CSU-Kollegin Ilse Aigner, Landtagspräsidentin in Bayern, würde er «sehr unterstützen», sagte Söder. Zuerst aber bedürfe es einer Einigung mit der grossen Schwesterpartei, der CDU.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das könnte schwer werden. Denn am selben Tag meldete die «Bild»-Zeitung, dass Bundeskanzler Friedrich Merz seinen Parteikollegen Boris Rhein als Bundespräsidenten und Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier favorisiere. Rhein ist seit 2022 Ministerpräsident von Hessen.Aigner und Rhein sind über Parteigrenzen hinweg anerkanntAigner und Rhein sind seit Jahrzehnten politisch aktiv, haben verschiedene Ämter bekleidet und sind für ihre ausgleichende Art über Parteigrenzen hinweg anerkannt. Rhein führt seine Koalition mit der SPD weitgehend geräuschlos. Zudem bekräftigte er erst kürzlich seine Position, niemals an Talkshows teilnehmen zu wollen, da er sich nicht an jeder «noch so irren Diskussion beteiligen» wolle. Er verkörpert also schon heute gewissermassen den bedachten Staatsmann, der über den politischen Querelen des Alltags steht.Ähnlich verhält es sich bei Aigner. Parteifreunde beschreiben sie als nahbar, bodenständig und verbindend. Diese charakterlichen Eigenschaften gepaart mit ihrer Politerfahrung machen Aigner zur Favoritin auf das Bundespräsidialamt, falls es eine Frau werden sollte. Neben Söder signalisiert auch die SPD ihre Zustimmung. Weitere mögliche Frauen sind Bundestagspräsidentin Julia Klöckner oder Bildungsministerin Karin Prien.Zum Anforderungsprofil gehört laut Internetauftritt des Bundespräsidenten, dass dieser ein «lebendiges Symbol» des Staates sei. Er soll durch Ansprachen oder Schirmherrschaften «moderierend und motivierend» wirken und vor allem über der Tagespolitik stehen – zumindest ab dem Zeitpunkt, ab dem das Amt beginnt. Denn die vorige Auswahl basiert selten ausschliesslich auf Kompetenz und Eignung.Meist geht es ebenso um politische Erwägungen und komplizierte Verhandlungen. In den 2010er Jahren etwa kursierte das Gerücht, die damalige Kanzlerin Angela Merkel habe Christian Wulff als Bundespräsidenten vor allem deshalb favorisiert, weil er ihrer eigenen Karriere hätte gefährlich werden können.Offiziell sind Ilse Aigner und Markus Söder Parteifreunde. Ihre Konkurrenz aber ist ein offenes Geheimnis.Sven Simon / ImagoAuch in der Debatte darüber, wer am 30. Januar 2027 von der Bundesversammlung zum neuen Staatsoberhaupt gewählt werden soll, dürften die dafür entscheidenden Politiker – namentlich Friedrich Merz und Markus Söder – ihre eigene politische Zukunft mitdenken.Dass Söder seine Parteikollegin Aigner als «eine sehr gute Kandidatin» bezeichnet, dürfte nicht nur daran liegen, dass sie eine Frau ist, die nötige Erfahrung mitbringt oder in der CSU äusserst beliebt ist. Sondern auch daran, dass die beiden seit Jahrzehnten in einem innerparteilichen Machtkampf stehen. So zogen sie im Jahr 1994 gemeinsam als jüngste Abgeordnete in den bayrischen Landtag ein und erklommen im Gleichschritt die Karriereleiter, standen aber zunehmend in Konkurrenz.Aigner war von 2008 bis 2013 Bundeslandwirtschaftsministerin, anschliessend bis 2018 stellvertretende Ministerpräsidentin unter Horst Seehofer. Dessen Wunschnachfolgerin war Aigner, doch Söder setzte sich in einem offenen Machtkampf durch und wurde 2018 Ministerpräsident. Trotz der nach aussen getragenen Parteifreundschaft ist die erbitterte Rivalität der beiden ein offenes Geheimnis.Söders Unterstützung für Aigner dürfte also auch aus Eigeninteresse erfolgen. Denn seit der Kommunalwahl im März in Bayern ist Söder angeschlagen wie nie zuvor. Sollte er sich in den kommenden zwei Jahren nicht erholen, könnte Aigner ihn nach der Landtagswahl 2028 als Ministerpräsidentin ablösen – ausser sie ist bereits Bundespräsidentin.Auch Merz’ Blick auf Rhein könnte von einem ähnlichen – spekulativen – Kalkül geprägt sein. Zwar dürfte Merz an Rhein tatsächlich schätzen, dass dieser zum konservativen Flügel der Partei zählt, sich für eine strikte Migrationspolitik einsetzt oder sich durch seine juristische Expertise auszeichnet. Denn Merz, so spekulieren deutsche Medien, wolle einen Juristen im Bundespräsidialamt, der bei möglichen Wahlsiegen von Links- und Rechtspopulisten in einer drohenden Verfassungskrise besonnen agieren würde.Friedrich Merz und Boris Rhein gehören zum konservativen Flügel der Partei.Sean Gallup / Getty Images EuropeDoch Merz hangelt sich seit Regierungsstart im Mai 2025 von einer Krise zur nächsten. Sollten die im September anstehenden Wahlen für die Landesparlamente in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verlorengehen, könnten Merz’ Tage im Kanzleramt gezählt sein. In diesem Fall käme neben Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen auch der konservativere Boris Rhein infrage – ausser er ist bereits Bundespräsident.Beim Kampf um das Schloss Bellevue dürfte es also auch um das Kanzleramt und die bayrische Staatskanzlei gehen.Passend zum Artikel
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Im Januar 2027 wählt die Bundesversammlung ein neues deutsches Staatsoberhaupt. Der Politikbetrieb favorisierte lange eine Frau. Kanzler Merz hat nun offenbar einen anderen Plan.













