W»Wie Erwachsene sind mir auch manche Kinder sympathisch, andere nicht. Leider ist bei der vierjährigen Tochter meines besten Freundes Letzteres der Fall. Umgekehrt ist dieser Freund eine wichtige Bezugsperson für meine eigene vierjährige Tochter, wir sehen uns regelmäßig, und er geht so liebevoll mit ihr um, als wäre sie sein eigenes Kind. Ich bewundere das und freue mich sehr darüber. Gleichzeitig mache ich mir Vorwürfe, dass ich seiner Tochter nicht die gleiche Zuneigung ent­gegenbringen kann, obwohl ich mir wirklich große Mühe gebe. Das schlechte Gewissen hilft nicht, sondern macht meinen Umgang mit seiner Tochter nur noch befangener. Ein Gespräch mit meinem Freund kommt vermutlich nicht infrage – was soll er schon dazu sagen, ich möchte ja auch niemanden verletzen. Was also tun?« Anonym, per MailEs klingt, als befürchteten Sie, ein Unmensch zu sein, weil Sie ein Kind nicht mögen, aber da sind Sie weiß Gott nicht allein. Wohl jeder, der Kinder hat, die andere Kinder zu sich nach Hause einladen, hat die Erfahrung gemacht, dass man manche Kinder einfach nicht mag. Und wer keine Kinder hat, mag auch nicht alle Kinder. Oft hat das mit den jeweiligen Eltern zu tun, die man dann meistens auch nicht mag – das scheint in Ihrem Fall nicht so zu sein. Aber hier kommt die gute Nachricht: Sie müssen die Tochter Ihres Freundes nicht mögen! Es reicht völlig, freundlich zu ihr zu sein. Lassen Sie das Hadern und verurteilen Sie sich nicht für Ihr Gefühl. Können Sie ja nichts für. Interessehalber könnten Sie sich höchstens mal die Frage stellen, warum Sie für dieses Mädchen eine solche Abneigung empfinden. Vielleicht erinnert sie Sie an jemanden, den Sie nicht mögen? Vielleicht entdecken Sie beim genauen Hinsehen ja doch die eine oder andere liebenswerte Eigenschaft? Und bei einer Vierjährigen besteht immerhin die Möglichkeit, dass sie sich weiterentwickelt, vielleicht hat sie nur eine schwierige Phase, und bald ist es besser und das Problem ausgestanden. Das wäre natürlich schön. Vorerst gibt es für Sie im Umgang mit diesem Kind nur eine einzige Aufgabe: Es nicht merken zu lassen, welche Gefühle es in Ihnen auslöst. Aber das schaffen Sie. Sie sind erwachsen, Sie wissen, wie man den Schein wahrt und sich nicht in die Karten schauen lässt. Und bleiben Sie bei Ihrer klugen Entscheidung, sich Ihrem Freund nicht anzuvertrauen. Es gibt eine Ehrlichkeit, die mit Anständigkeit nichts zu tun hat. Manche Dinge muss man für sich behalten (übrigens auch, um seinen besten Freund nicht zu verlieren). Sagen Sie sich einfach, wie viel Glück Sie doch haben, selbst eine mutmaßlich so bezaubernde Tochter zu haben.Johanna Adorján Illustration: Grafilu