Im Synchronschwimmen tanzen die Athletinnen (und Athleten) nicht nur kurz, bevor sie ins Wasser springen. Sie erzählen mit ihrer Kür immer auch eine Geschichte. Diese Geschichte hat Klara Bleyer nun zu Ende erzählt am Montagmorgen im Centre Aquatique Olympique von St. Denis im Norden von Paris. Die 22-Jährige bot zum letzten Mal ihr Thema „Space“ an, in dem sie seit zwei Jahren als Astronautin – im übertragenen Sinne – in einer Rakete ins All fliegt und wieder zurück.Dieses Thema hat sie in ihrem Sport immerhin an die Weltspitze katapultiert. Im vergangenen Jahr hatte sich die 1,53 Meter große Athletin aus Eschweiler, die für die Wasserfreunde Bochum startet und am dortigen Stützpunkt trainiert, auf Madeira zur ersten deutschen Solo-Europameisterin der Geschichte gekrönt. Außerdem gewann sie den Gesamtweltcup.Bleyer hätte ihren EM-Titel von 2025 mit ihrem Weltallthema in Paris gerne verteidigt, am Ende wurde es Platz zwei. Auch, weil bei diesen Titelkämpfen wieder Athletinnen aus Russland und Belarus starten dürfen. Prompt wurde Wassilina Chandoschka aus Belarus Europameisterin, Bronze gewann Weltmeisterin Iris Tio Casas aus Spanien. Bleyer kam zwischen diesen Weltklasseathletinnen mit persönlicher Bestleistung von 289,2463 Punkten auf den Silberrang, und sie darf hochzufrieden sein. „Klar habe ich gehofft, dass ich meinen Titel verteidigen kann. Aber es ist keine Selbstverständlichkeit, immer eine Medaille zu gewinnen“, sagte Bleyer. Es sei „einfach so surreal, dass deutsche Synchronschwimmer aufs Treppchen kommen. Ich bin nun bereit für etwas Neues und hoffe, dass die nächsten Jahre so weiterlaufen“.Im vergangenen Jahr war nicht einmal klar, ob das deutsche Synchronschwimm-Team zur WM fliegen kannEs ist nicht so, dass das deutsche Synchronschwimmen in den vergangenen Jahrzehnten von einem Medaillenregen verwöhnt wurde. Lange Zeit schwamm das Team des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) bei Großereignissen hinterher, auch weil der DSV dieser Sparte kein großes Augenmerk schenkte. Außerdem gab es Kompetenzgerangel und einen langjährigen Zwist zwischen verschiedenen Stützpunkten. Bis sich Bleyer vor zwei Jahren aufmachte in die Weltspitze.Bei der EM 2024 gewann sie Silber in der freien sowie in der technischen Kür und völlig überraschend Gold mit dem Team. Am Ende ihres bis dahin erfolgreichsten Jahres lächelte sie bei der Sportlergala in Baden-Baden als „Newcomer des Jahres“ in die Kameras – eine mit 16 000 Euro dotierte Auszeichnung. Im Synchronbereich, für den von den millionenschweren Bundeszuwendungen fürs Schwimmen nur ein Bruchteil übrig bleibt, ist schon dies ein Geldsegen.Im vergangenen Jahr war lange Zeit nicht einmal klar, ob das deutsche Synchronschwimm-Team zur WM nach Singapur fliegen kann. Denn die Kosten von 65 000 Euro wurden nur zu knapp zwei Dritteln aus Bundesmitteln gedeckt. Mittels Crowdfunding kamen weitere 17 000 Euro zusammen. Bleyer verpasste zwar die ersehnte Medaille knapp, doch für Budapest 2027 hat sie dieses Ziel fest im Blick. Vor allem aber möchte sie ein Jahr darauf bei den Olympischen Spielen in Los Angeles starten.Dort wäre Bleyer die erste deutsche Synchronschwimmerin nach Monika Müller und Margit Schreib 1992 in Barcelona, die an Sommerspielen teilnehmen würde. Allerdings sind seit Atlanta 1996 nur noch die Disziplinen Duett und Gruppe im olympischen Programm vertreten, nicht das Solo, Bleyers Paraderolle. Und so musste sie eine Partnerin suchen, um sich für die Wettbewerbe 2028 in den USA zu qualifizieren.Sie fand sie zunächst in ihrer 18-jährigen Bochumer Vereinskollegin Amélie Blumenthal Haz, gewann mit ihr 2024 EM-Bronze, der Weg schien vorgezeichnet zu sein. Doch Blumenthal Haz schwimmt aktuell aus persönlichen Gründen keine Wettkämpfe mehr. Bleyer musste sich also wieder auf die Suche begeben. Im vergangenen Winter tat sie sich mit der Münchnerin Maria Denisov zusammen – und erreichte mit ihr in Paris jetzt einen weiteren persönlichen Bestwert und jeweils Platz sechs in beiden Duettentscheidungen.In ihrem Element: Klara Bleyer gewinnt die Silbermedaille im Finale des Solo-Freestyle-Kunstschwimmens bei den Europameisterschaften in Paris. Julien De Rosa/AFP/dpaSechs bis acht Stunden trainiert Bleyer täglich, Physiotherapie, Stehproben und anderes kommen hinzu. Auch das Arbeiten an der Mimik vor dem Spiegel gehört dazu – und Flüge zur früheren spanischen Weltmeisterin Ona Carbonell, um am künstlerischen Ausdruck zu arbeiten. Bleyers Astronautenkür fußt in großen Teilen auch auf der Zusammenarbeit mit Carbonell.Sie hat inzwischen eine gute Balance zwischen künstlerischem Ausdruck und technischer Versiertheit gefunden, in ihrem höchst anspruchsvollen Multisport. Dieser verbindet nicht nur Musik, Ballett, Turnen, Gymnastik, Tanzen, Tauchen und Schwimmen, sondern ist noch immer von den Bewertungen des Kampfgerichts abhängig. Doch auch dort hat Bleyer inzwischen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.In dieser Weltcupsaison kommt Bleyer bereits auf drei Solosiege, nun also fügte sie EM-Silber hinzu. Am Dienstag könnte in der Technischen Solokür eine weitere Medaille hinzukommen. Und dann wird sich Bleyer, die im Wasser schwebende Astronautin, ein neues Thema ausdenken, auf der Suche nach der perfekten Choreografie.