Zum Tod von Monika Helfer: Ihr Werk erzählt vom ewigen Widerstreit zwischen Glück und UnglückDie österreichische Autorin schrieb über Familie, Erinnerung und Verlust – und über Menschen, die einander zugleich nah und fremd bleiben. Mit «Die Bagage» gelang ihr 2020 der späte Durchbruch. Jetzt ist Helfer im Alter von 79 Jahren plötzlich gestorben.Paul Jandl03.08.2026, 14.00 Uhr5 LeseminutenMonika Helfer in Frankfurt anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2021, für den sie mit «Vati» nominiert war.Thomas Lohnes / GettyEs sind dunkle Sätze, geschrieben in der typischen Lakonie Monika Helfers: «Das Glück kommt nur einmal, höchstens zweimal, und wenn es tatsächlich zweimal kommt, dann vergeht vom einen zum anderen Mal eine ziemlich lange Zeit. Beim Unglück sieht es anders aus.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sätze stehen ganz am Anfang des Romans «Bevor ich schlafen kann», der 2010 erschienen ist. Glück und Unglück waren im Leben und Werk der österreichischen Schriftstellerin ewige Antagonisten. Die Mutter starb an Krebs, als Monika Helfer elf Jahre alt war. Der Vater zog sich daraufhin in ein Wolkenkuckucksheim der Bücher zurück. In die Scheinwelt des Lesens, in der er der wirklichen Welt seiner Familie entkam.Seine Tochter wuchs bei einer Tante auf. Helfers Bruder Richard nahm sich später das Leben. 2003 verunglückte ihre Tochter Paula, gemeinsames Kind mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, bei einer Bergwanderung. In Monika Helfers Werk sind diese Tragödien eingeschrieben.2020 kommt der Erfolg mit «Die Bagage»Es braucht dafür nicht das Explizite, sondern eine Sprache der Leerstellen und Andeutungen. Unter dem Himmel des Glücks ist ein Abgrund spürbar. Vielleicht hat Monika Helfers Fähigkeit, ganz authentisch von der Doppelgesichtigkeit des Lebens zu erzählen, zu ihrem grossen, erst spät eingetretenen Erfolg beigetragen. Ihre autofiktionale Literatur war Roman und Wahrheit zugleich. Sie war privat in ihren Details und traf doch etwas Universelles.Nach Jahrzehnten des Schreibens, nach kunstvoll vertrackten und weit unterschätzten Büchern, war der Erfolg im Jahr 2020 plötzlich da. Es erschien der Roman «Die Bagage» und damit eine Geschichte über die eigenen Grosseltern. Es ist der Kriegsausbruch des Jahres 1914, und plötzlich ist auch das hinterste Tal Vorarlbergs Teil einer martialisch aufgeladenen Weltlage.Der Grossvater wird zum habsburgischen Militär eingezogen. Eine Familie, die wegen ihrer Armut am Rande der Gesellschaft lebt, wird zum Zentrum eines Romans, der Gesellschaftspolitisches anspricht, ohne pädagogischen Anspruch zu erheben. Hier wird vom Dorf erzählt, von der Härte des Überlebenskampfes.Wer meint, Autofiktionalität sei ein Universalschlüssel des Schreibens und man müsse nur erzählen, was man selbst erlebt habe oder aus der eigenen Familiengeschichte wisse, der ist durch die Romane Monika Helfers belehrt. Hier gibt es keine Beliebigkeit der autobiografischen Stoffe. Man liest Helfers Bücher nicht, um ihre Geschichte zu verstehen, sondern um sich selbst besser zu verstehen. Auch das ist wohl ein Grund, warum die 1947 im kleinen Vorarlberger Ort Au geborene Schriftstellerin spät noch zur Bestsellerautorin wurde.Mit empathischer Schärfe gegenüber allen beteiligten Figuren hat Monika Helfer individuelle Eigenheiten und soziale Ungleichheiten beschrieben. In der Literatur hat sie den Entrechteten ihr Recht zurückgegeben, und gleichzeitig waren Romane wie «Bagage» auch durchzogen von etwas Tragikomischem.Im jungen Alter ist die Grossmutter der Geschichte von unstatthafter Schönheit. Ein Verhängnis für das Dorf. An ihr entzünden sich die Phantasien. Während ihr Mann im Krieg ist, ist diese Frau auch selbst entzündbar. Der Kriegsheimkehrer wird eine seiner Töchter verdächtigen, nicht von ihm zu sein, und ein Leben lang nicht mit ihr reden. Das ist die Mutter Monika Helfers.Eine doppelte AutorschaftDie Sprache ist ein grosses Thema bei dieser Autorin. Nicht nur, weil sie einen ganz eigenen Stil der Lakonie entwickelt hat, sondern auch, weil die Kommunikation der Menschen untereinander im Mittelpunkt steht. Beim zweiten Band der Familientrilogie geht es um Monika Helfers Vater. Das 2021 erschienene Buch heisst auch ganz einfach «Vati». Es ist die Geschichte eines Mannes, der ein Zeichen des Schweigens setzt.Nach dem Krebstod seiner Frau verlässt er die Familie. Die vier Kinder werden auf Verwandte aufgeteilt. Der Vater wird zum Büchermenschen. Ein Rätsel. Einer, der sich ganz in der Sprache einer Bibliothek bewegt, sich aber der Kommunikation mit den Kindern entzieht. An «Vati» sieht man die literarische Arbeit Monika Helfers sehr genau. Es ist eine Rekonstruktion aus Mutmassung, eigener Erinnerung und den Erinnerungen anderer.Mit Helfers Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, kommt bisweilen eine doppelte Autorschaft zustande. Nicht ohne Grund. Köhlmeier kennt die Figuren, die im Werk seiner Frau eine Rolle spielen. In «Vati» geht es auch um eine fast surreale erste Begegnung zwischen dem längst erfolgreichen Schriftsteller und Monika Helfers Vater. Der beurteilt die Menschen danach, wie sie Bücher anfassen. Köhlmeier besteht den Test, und der Roman fasst das Leben des eigensinnigen Erzeugers schliesslich ziemlich ambivalent zusammen: «Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.»Helfer und Köhlmeier: Sie war eine Meisterin der Verknappung, er ein Künstler erzählerischer Ausschweifung. Wo es bei Helfers Romanen selten weit über hundert Seiten hinausging, hat Köhlmeier verlässlich dicke Wälzer geliefert. Aber wie bei keinem anderen schreibenden Paar war der jeweils andere am Entstehungsprozess der Bücher beteiligt. In den kaleidoskopisch angelegten autobiografischen Werken von Monika Helfer ist der Blick Michael Köhlmeiers immer eine Facette.Der Blick auf den Vater oder auf den Bruder, dem der dritte Teil der Trilogie gewidmet ist: «Löwenherz». Richard ist Künstler, aber auch Lebenskünstler. Er lebt in seiner eigenen verschrobenen Welt, präsentiert sich in den siebziger Jahren als eine Art Hippie und später immer mehr so, als wäre er eine von sich selbst erfundene Romanfigur. Er war jemand, «der zwanghaft Geschichten erfindet und so tut, als wären sie wahr».Da ist es wieder, das Thema Sprache. Wie kann durch Sprache Verbindlichkeit entstehen? Ist nicht oft die Literatur wahrer als die Wirklichkeit? In ihrem letzten Roman «Die Jungfrau» hat Monika Helfer den Versuch unternommen, eine langjährige Freundschaft zwischen zwei höchst unterschiedlichen Frauen psychologisch zu durchleuchten. Was war die eine für die andere? Kann man sich auch verstehen, ohne sich wirklich zu verstehen?Der Mensch als unendlicher StoffHelfer hat gelegentlich darauf hingewiesen, wie schwer es ihr als Schriftstellerin gefallen ist, Plots zu erfinden. Bei den frühen Romanen erkennt man eine gewisse Angestrengtheit, ein Misstrauen gegenüber der eigenen Erfindung. Das hat zu einer bisweilen überfrachteten Handlung geführt, zu Spiegelfechtereien zwischen dem immer bewusst einfach gehaltenen Ton und einem Bedeutungsüberschuss.Es hat vielleicht eines Glücksfalls bedurft, dass sich im späten Werk von Monika Helfer eine Erkenntnis durchgesetzt hat. Die Erkenntnis, dass das, was im Roman von 2020 gar nicht despektierlich «Bagage» genannt wird, unendlichen Stoff birgt. Hier wandeln Menschen durch die Welt, die vielleicht deshalb so rätselhaft sind, weil man sich ihnen ganz nah fühlen kann und dann wieder ganz fremd.In ihren wie gemeisselten, nie sentimentalen Sätzen hat sich Monika Helfer diesem Phänomen genähert. Ihr grosses Projekt der aufklärerischen Einfühlung in das Prinzip Mensch war längst noch nicht zu Ende. Jetzt ist es durch ein tragisches Unglück aber an ein Ende gekommen. Monika Helfer starb am 2. August an den Folgen eines Sturzes.Passend zum Artikel
Zum Tod von Monika Helfer: Ein Werk zwischen Glück und Unglück
Die österreichische Autorin schrieb über Familie, Erinnerung und Verlust – und über Menschen, die einander zugleich nah und fremd bleiben. Mit «Die Bagage» gelang ihr 2020 der späte Durchbruch. Jetzt ist Helfer im Alter von 79 Jahren plötzlich gestorben.








