PfadnavigationHomeRegionalesHamburgTaser-StreitWarum Bundespolizisten die Elektroschockwaffe tragen dürfen – Landespolizisten aber nichtVon Denis FenglerRedakteur WELT/WELT AM SONNTAG HamburgStand: 11:08 UhrLesedauer: 7 MinutenEin Beamter der Bundespolizeiinspektion Hamburg mit einem TaserQuelle: Bundespolizeiinspektion Hamburg/Denis FenglerDie Bundespolizei setzt in Hamburg inzwischen regulär Taser ein. Vorangegangen war eine längere Testphase. Bei der Landespolizei hingegen bleiben die Geräte nur Spezialeinheiten vorbehalten. Dahinter steht ein politischer Konflikt.Es ist der Abend des 2. Januar dieses Jahres, als die Situation in einer Hamburger S-Bahn eskaliert. Der Zug der Linie S1 hat kurz zuvor die Station Hasselbrook verlassen, der nächste Halt ist Landwehr. Unvermittelt ruft ein Mann: „Ich steche dich ab!“, bedroht Fahrgäste. Bundespolizisten stellen den Mann am nächsten Bahnhof. Die Situation bleibt angespannt.Lesen Sie auchEr habe ein Messer, droht der Mann, hält seine Hände in den Jackentaschen verborgen. Auch eine Zeugin berichtet von einem Messer. Die Bundespolizisten warnen ihn mehrfach. Dann ziehen sie ihr Distanz-Elektroimpulsgerät, gemeinhin als DEIG oder Taser bekannt, und drohen dessen Einsatz an. Doch der Mann bleibt aggressiv. Schließlich lösen die Polizisten aus. Die Elektroden treffen, der Mann geht zu Boden, wird festgenommen. Der Rettungsdienst versorgt den Mann, dann bringen ihn die Beamten ins Bundespolizeirevier am Hauptbahnhof.Es ist der bislang einzige Einsatz der Hamburger Bundespolizei in diesem Jahr, bei dem die Beamten einen Taser auslösen mussten. In elf weiteren Fällen reichte laut Bundespolizei bereits die Androhung, um ihr Gegenüber zur Kooperation zu bewegen. Der Fall zeigt, wie sehr der Einsatz von Tasern bei der Bundespolizei bereits Teil der Einsatzmittel geworden ist – ganz im Gegensatz zur Hamburger Landespolizei. Denn während die hiesige Bundespolizei nach einer längeren Erprobung vom Einsatz von Tasern überzeugt ist und auch andere Bundesländer Taser eingeführt haben, lehnen in Hamburg vor allem die Grünen eine flächendeckende Ausstattung ab. Die SPD steht der Technik grundsätzlich offen gegenüber, verweist aber auf eine laufende fachliche Prüfung. Bei der Taser-Frage zieht sich eine erkennbare Trennlinie durch die Koalition.Bei der Bundespolizei war der Einführung des Waffentyps eine knapp fünfjährige Erprobung vorausgegangen. Bis Ende September 2024 waren Taser mehr als 40.000-mal im Kontroll- und Streifendienst mitgeführt worden. 393 Beamte waren eingebunden. Am Ende kamen die Taser 132 Mal zum Einsatz. Allerdings wurden sie nur 16 Mal ausgelöst. In fast 88 Prozent der Fälle genügte demnach die Drohung mit dem Gerät, heißt es im Abschlussbericht. Verletzungen, die behandelt hätten werden müssen, seien durch die Einsätze nicht entstanden.Lesen Sie auchDas Bundeskabinett brachte im Juli 2025 eine Änderung des Bundesgesetzes über die Ausübung unmittelbaren Zwangs durch Vollzugsbeamte des Bundes auf den Weg. Der Bundestag beschloss sie im Oktober. Seit Ende Dezember 2025 ist sie in Kraft. DEIG wurden als Waffen in den Katalog der zugelassenen Einsatzmittel aufgenommen. Begründet wurde die Einführung damit, dass Polizisten in gefährlichen Situationen abgestuft und verhältnismäßig reagieren können müssen. Die Schusswaffe bleibe das letzte Mittel. Der Plan sieht vor, bis zu 2000 Geräte zu beschaffen.Die Bundespolizeiinspektion Hamburg war zunächst Teil einer erweiterten Anwendererprobung. Hier führen geschulte Beamte bereits seit einem Jahr Taser im regulären Dienstbetrieb. 2025 wurde der Einsatz eines DEIG zwölfmal angedroht, in drei Fällen wurde das Gerät tatsächlich ausgelöst. Wie viele Beamte an den Geräten geschult und wie viele Taser in Hamburg verfügbar sind, sagt die Bundespolizei aus einsatztaktischen Gründen nicht, erklärt Angelika Kubik, Sprecherin der übergeordneten Bundespolizeidirektion Hannover.Hersteller der Geräte ist das US-Unternehmen Axon, das bis 2017 TASER International hieß. Der Markenname hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch als Bezeichnung für DEIG eingebürgert. Vorgesehen ist das Gerät für Situationen, in denen unmittelbarer Zwang zulässig ist, andere Mittel aber unverhältnismäßig wären oder keine sichere Bewältigung der Lage versprechen, sagt Sprecherin Kubik. In Betracht kommt es insbesondere, wenn eine unbewaffnete oder mit einem gefährlichen Gegenstand bewaffnete Person noch nicht angegriffen hat, aber erheblicher Widerstand zu erwarten ist. Einen entscheidenden Vorbehalt macht die Bundespolizei allerdings selbst: „In unmittelbar lebensbedrohlichen Einsatzsituationen stellt der DEIG keine Alternative zur polizeilichen Schusswaffe dar.“Lesen Sie auchDennoch sieht die Behörde einen erheblichen deeskalierenden Effekt. Schon die auffällige Farbe und das offene Tragen hätten einen präventiven Nutzen. Der Warnton könne „bestehende Wahrnehmungsbarrikaden“ durchbrechen und habe häufig die gewünschte Verhaltensänderung ausgelöst, sagt Angelika Kubik. Als nicht tödliches Einsatzmittel, das Distanz überbrückt, ergänzt das DEIG den bisherigen Ausrüstungskatalog sinnvoll. Die Beamten der Hamburger Bundespolizei bewerteten die Geräte „ausnahmslos als positive Ergänzung“.Bei der Landespolizei stehen die Geräte aktuell nur spezialisierten Kräften zur Verfügung. Nach einer Antwort auf eine Senatsanfrage der Hamburger CDU-Fraktion aus dem April besitzt die Polizei Hamburg 21 Taser: zwölf beim Spezialeinsatzkommando, drei bei der Unterstützungsstreife für erschwerte Einsatzlagen der Bereitschaftspolizei, kurz USE, und sechs bei der Akademie der Polizei. Das SEK verfügt bereits seit 2015 über DEIG, die USE seit 2022. Seit Anfang 2022 setzte die Hamburger Polizei die Geräte bis zum 16. April 2026 insgesamt 16-mal ein.Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert schon länger eine Ausstattung auch des regulären Streifendienstes. Thomas Jungfer, Landesvorsitzender der DPolG und stellvertretender Bundesvorsitzender, wirft vor allem den Grünen Widerstand vor: „Während die Bundesländer rund um Hamburg und die Bundespolizei bereits mit Distanz-Elektroimpulsgeräten ausgerüstet wurden, verweigern sich in Hamburg die politisch Verantwortlichen, insbesondere die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, ihre Polizei damit flächendeckend auszurüsten.“Lesen Sie auchDie Gewalt gegen Polizisten nehme zu, häufig seien Messer oder andere gefährliche Gegenstände im Spiel, sagt Jungfer. Die Einsatzkräfte müssten solche Lagen möglichst ohne Schusswaffen bewältigen. „Das wäre aber häufig die Alternative in solchen lebensgefährlichen Situationen und endet rasch tödlich für den Angreifer und traumatisierend für den Schützen.“ Ein DEIG setze einen Angreifer „kurzzeitig außer Gefecht, macht ihn bewegungslos, er kann entwaffnet und fixiert werden und ist schon nach wenigen Minuten wieder unverletzt auf den Beinen“. Nach den Erfahrungen anderer Polizeibehörden wirke schon die Ankündigung. „Aber offensichtlich will man in Hamburg weiterhin die Polizei schießen lassen“, sagt Jungfer.Andere Länder sind weiter: Rheinland-Pfalz, das Saarland und Brandenburg haben DEIG nach Angaben des Innenministeriums Sachsen-Anhalt flächendeckend eingeführt. Hessen hat mindestens ein Gerät im Zuständigkeitsbereich jeder Polizeidirektion stationiert, Schleswig-Holstein stattet schrittweise weitere Reviere aus, Nordrhein-Westfalen nutzt DEIG im Wachdienst ausgewählter Behörden. Bayern erprobt sie inzwischen auch an drei Polizeiinspektionen im regulären Streifendienst. Sachsen-Anhalt hat im März die rechtliche Grundlage für eine flächendeckende Einführung geschaffen und bereitet ein Pilotprojekt vor.CDU-Antrag wurde abgelehntIm September 2025 versuchte die CDU, die Debatte erneut ins Parlament zu bringen, allerdings ohne Erfolg. Er wurde von der Regierungskoalition abgelehnt. Ihr Antrag verlangte ein Konzept für eine schrittweise flächendeckende Ausstattung der Schutzpolizei. Außerdem sollten sämtliche Vollzugskräfte der Schutzpolizei an der Akademie entsprechend fortgebildet werden. DEIG könnten, so die Argumentation, die Lücke zwischen Pfefferspray, Schlagstock und Schusswaffe schließen. Es war nicht die erste CDU-Initiative in diese Richtung. Lesen Sie auchInsbesondere am Hamburger Hauptbahnhof zeigt sich die sicherheitspolitische Trennlinie: Dort patrouillieren seit mehr als drei Jahren Bundes- und Landespolizisten zusammen. Beide Behörden kontrollieren gemeinsam Reisende, sichern Waffenverbotszonen und werden mit aggressiven Personen, Messern oder psychischen Ausnahmesituationen konfrontiert. Doch während der entsprechend ausgebildete Bundespolizist einen Taser trägt, fehlt dieses Distanzmittel seinem Kollegen von der Schutzpolizei.Die Hamburger SPD hält sich jedoch eine spätere Erweiterung offen. „Wir stehen Distanz-Elektroimpulsgeräten, sogenannten Tasern, grundsätzlich offen gegenüber“, sagt Sören Schumacher, der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion. „Sie können helfen, in bestimmten Einsatzlagen den Einsatz der Schusswaffe zu vermeiden und das polizeiliche Einsatzspektrum sinnvoll zu erweitern.“ Deshalb befasse sich die Hamburger Innenbehörde bereits seit Längerem intensiv mit diesem Thema und werte fortlaufend die Erfahrungen aus Hamburg, der Bundespolizei und aus anderen Bundesländern aus. „Werden die richtigen Schlussfolgerungen ziehen“„Diese fachliche Prüfung ist noch nicht abgeschlossen. Wir werden die Ergebnisse sorgfältig bewerten und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen“, sagt Schumacher. Für die SPD gelte: „Über eine so wichtige Frage entscheidet man nicht auf Zuruf oder aufgrund von Oppositionsanträgen, sondern auf Grundlage belastbarer Erkenntnisse und einer fundierten polizeifachlichen Bewertung.“Lesen Sie auchDie SPD-geführte Innenbehörde beantwortet die Frage nach einer Ausweitung nur ausweichend. „Die Polizei betrachtet fortwährend die bestehende Ausrüstung und beschäftigt sich mit der perspektivischen Weiterentwicklung und Neuausstattungen“, erklärt Sprecherin Kim-Katrin Hensmann. Weiteres werde aus polizeitaktischen Gründen nicht mitgeteilt. „Bei den Führungs- und Einsatzmitteln handelt es sich um länderspezifische Ausstattungen, die je nach Bundesland variieren können.“ Dennoch liegt die politische Differenz innerhalb der Koalition offen. Denn während sich die SPD gesprächsbereit zeigt, sieht der grüne Partner die entscheidende Frage bereits beantwortet.Sina Imhof, innenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, lehnt eine flächendeckende Einführung im Streifendienst ab. „Taser haben im regulären Streifendienst nur sehr begrenzte sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. SEK und USE sind bereits mit Tasern ausgestattet und für deren Einsatz intensiv geschult.“ Diese Spezialeinheiten deckten die wenigen angemessenen Einsatzszenarien ab. „Besonders riskant sind Taser, wenn sie bei Menschen in psychischen Ausnahmezuständen oder unter Drogeneinfluss eingesetzt werden“, sagt Imhof. Eine Ausweitung auf den Streifendienst würde diese Risiken unnötig erhöhen, glaubt sie.