PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAbgehängte StadtWie Bonn gerade von der Landkarte verschwindetStand: 10:09 UhrLesedauer: 3 MinutenGesperrte Nordbrücke in BonnQuelle: Andreas Rentz/Getty ImagesBrücken gesperrt. Bahnen aus dem Verkehr gezogen. Flughafenanbindung verschoben. Busse sollen weg. Reiner Zufall? Oder steckt hinter Bonns Verkehrschaos ein viel größerer Plan?Da leidet man natürlich mit, gerade als Exilbonner, der dann ausgerechnet noch von Berlin, oder, wie andere sagen würden, the Moloch of Germany, mitansehen muss, wie die alte Heimat offenbar zum Reallabor der organisierten Unbeweglichkeit geworden ist. Nein, Bonn geht es gerade gar nicht gut, und für diese Diagnose reicht es schon, der Stadt nur einmal den Puls anhand der Meldungen der vergangenen Wochen und Monate zu messen.Der Anfang vom Niedergang begann mit dem städtischen Mobilitätskonzept der Oberbürgermeisterin Katja Dörner (Grüne), die zu Beginn ihrer Amtszeit 2020 recht unmissverständlich klarmachte, dass Autofahren in Bonn künftig eher als Mutprobe denn als reine Fortbewegung verstanden werden sollte. So wurden aus Parkplätzen dann Bäume, die Hälfte der Autospuren auf den Hauptverkehrsachsen zu Fahrradwegen, und da der gewünschte großflächige Umstieg auf den (in Bonn tatsächlich exzellent angebundenen) öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) dennoch nicht erfolgte, mutierte die Verkehrswende schließlich zu einem Synonym für unbändigen Frust.Aber das war nur der Anfang. Im Juni dieses Jahres wurde dann eine der wichtigsten Brücken der Stadt, die Nordbrücke, gesperrt. Sie sei einsturzgefährdet, heißt es, was nicht wirklich neu war. Schon in den vergangenen Jahren hatte man Lkw verboten, die Brücke zu befahren, aber weil das eben nur verboten – statt auch engmaschig kontrolliert – wurde, rollten sie weiter, und jetzt wurde die Einsturzgefährdung eben noch um das kleine, aber entscheidende Adjektiv „akut“ ergänzt. Jedenfalls: Die Brücke ist dicht. Die Stadt gelähmt.Lesen Sie auchDer nächste Schock kam einen Monat später. Aufgrund von „Materialermüdung“ wurden 60 von 75 Stadtbahnen erst einmal zum Ausschlafen geschickt und dafür aus dem Verkehr genommen. Wieder eine Woche später wurde bekannt, dass sich auch noch eine bereits seit 1997 geplante S-Bahnstrecke vom Hauptbahnhof zum Flughafen bis zum Jahr 2040 verzögern wird. Man hatte bei der Planung schlicht eine Brücke vergessen. Obwohl die Bahn jetzt erst einmal nicht kommt, will man dennoch die Schnellbusse streichen, die bisher zum Flughafen fuhren. Und, ach ja, es steht ja auch noch eine zweijährige Vollsperrung der wichtigen Bahnstrecke von Bonn nach Köln an.Die Kumulation all dieser Meldungen lässt auch einen seriösen Beobachter nicht mehr daran zweifeln, dass dunkle Dinge in dieser Stadt vor sich gehen. Verkehr innerhalb der Stadt: gelähmt. Brücke aus der Stadt: weg. Bahnstrecke nach Köln: weg. Busse zum Flughafen: weg. Bonn ist die einzige Großstadt Deutschlands, die sich gerade gleichzeitig abschafft und dabei auch noch im Stau steht. Und besorgte Bonn-Bürger fürchten schon, dass böse Mächte die Stadt von der Außenwelt abschirmen wollen. Und das könnte nur der Anfang sein. Erst kappt man alle Verkehrsverbindungen nach Bonn, dann verschwindet die Stadt langsam aus dem kollektiven Gedächtnis. Und mit ihr die Erinnerung an die vergleichsweise sorgenfreie Zeit der Bonner Republik. Wenn das mal nicht politischer Wille ist!Bonn war eine provisorische Hauptstadt für einen provisorischen Staat. Bonn war klein, unspektakulär und gerade deshalb oft erstaunlich sachorientiert. Berlin dagegen ist eine Bühne, auf der Politik nicht nur gemacht, sondern auch permanent erzählt, kommentiert und inszeniert wird. Wer sich noch an Bonn erinnert, könnte auf den irritierenden Gedanken kommen, dass ein Land manchmal besser regiert wird, wenn die Politik nicht ständig versucht, sich selbst aufzuführen.Lesen Sie auchAber natürlich ist das alles Unsinn. Eine Verschwörungstheorie. Wahrscheinlich. Trotzdem werde ich demnächst mal wieder nach Bonn fahren, allein schon, um nachzusehen, ob die Stadt noch da ist. Vorausgesetzt natürlich, ich komme überhaupt noch hin.