Hamburg. „Pippi Langstrumpf“, „Die Olchis“ und „Das Sams“: Der Oetinger Verlag aus Hamburg verlegt die bekanntesten Kinderbücher in Deutschland. Und die Verleger planen Neues: Mit einer interaktiven Erlebniswelt zu den Olchis dringt das Medienhaus ab Herbst in den Eventbereich vor. Verlegerin Julia Bielenberg gibt sich trotz der Krise der Buchbranche kämpferisch: „Während alle anderen in der Branche lamentieren, haben wir jeden Tag ganz viele neue Ideen“, sagt sie im Handelsblatt-Interview.Eine Sorge treibt sie besonders um: die abnehmende Lesekompetenz von Kindern. „Wenn jedes vierte Auto liegen bliebe, würde man sofort Maßnahmen schnüren. Wenn jedes vierte Kind nicht lesen kann, passiert aber nichts“, sagt Bielenberg.Das hat ihrer Ansicht nach gravierende wirtschaftliche Folgen: Berufseinsteigern fehle zunehmend ein adäquates Bildungsniveau, kritisieren die Verlagschefs. Die Verlagschefs fordern eine Bildungswende, nehmen aber auch die Eltern in die Pflicht. Weil viele Kinder selbst einfache Aufgaben nicht mehr allein erledigen können, brauche es eine Art „Elternführerschein“, sagt Bielenberg.Große Hoffnungen in die Bundesregierung setzen Bielenberg und ihre Vorstandskollegen Christian Graef und Thilo Schmid nicht. Vom Reformpaket werde man kaum profitieren: „Was wir von der Politik erleben, sind Trippelschritte“, sagt Bielenberg. Warum sie die Vorgänge in Berlin mittlerweile nur noch „belächelt“, erklärt die Verlegerin im Interview.Lesen Sie hier das ganze Interview mit Julia Bielenberg, Christian Graef und Thilo Schmid:Frau Bielenberg, immer weniger Deutsche lesen regelmäßig Bücher, besonders Kinder und Jugendliche beschäftigen sich lieber mit Tiktok oder Youtube als mit Literatur. Bricht Ihnen die Kundschaft weg? Bielenberg: Wir merken am Kinderbuch sehr stark, dass immer weniger Kinder lesen können. Inzwischen kann jedes vierte Kind, das die vierte Klasse verlässt, nicht mehr sinnentnehmend lesen. Das ist dramatisch. Wir stecken den Kopf aber nicht in den Sand, sondern sagen: Jetzt erst recht, dann machen wir es anders. Wir begreifen uns als Experten fürs Geschichtenerzählen, und Geschichten kann man auch in andere Gefäße gießen. Das muss nicht zwingend das Buch sein.Chefs des Kinderbuchverlags Oetinger: Thilo Schmid (li.), Christian Graef und Julia Bielenberg wollen „Geschichten in neue Gefäße gießen“. Foto: Patrick LudolphDas klingt, als würde Ihnen eine Zukunft ohne gedruckte Bücher kein großes Unbehagen bereiten.Bielenberg: Uns bereitet ehrlich gesagt gar nichts Unbehagen. Wir begreifen nichts als Krise, sondern als Situation. Denn wenn man alles nur als Krise bezeichnet, gibt man Handlungsmacht ab, nach dem Motto: Etwas passiert mir. Und so denken leider ganz viele in diesem Land. Wir wollen aktiv gestalten.
Oetinger: Verlegerin fordert Bildungsreform von der Bundesregierung
Oetinger-Chefin Julia Bielenberg kritisiert „Trippelschritte“ der Bundesregierung – und setzt auf Eigeninitiative: neue Formate, neue Erlöse, neue Ideen trotz Branchenkrise.







