Heinz Strunk serviert schales Eheglück mit zuckriger NussmischungIn seinem neuen Roman «Memories of Heidelberg» gerät ein entfremdetes Ehepaar immer tiefer in einen Strudel aus Missverständnissen, Demütigungen und Absurditäten.03.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenExtrem produktiv: Heinz Strunk legt im Schnitt jedes Jahr ein neues Buch vor.Dennis DirksenDer Schlager ist eine Gattung, die ihr trügerisches Spiel aus Sein und Schein perfektioniert hat. Seine Barden errichten Traumschlösser, in denen triviale Floskeln hausen, sie schwärmen von illusorischen Sehnsüchten und von Empfindungen, die längst in einer vergoldeten Vergangenheit konserviert wurden. Höchster Gefühlsüberschwang und ärgster Selbstbetrug liegen stets nah zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine solch ambivalente Schnulze durchzieht leitmotivisch den neuen Roman von Heinz Strunk, schenkt ihm etwas von ihrem Wesen und den Titel: «Memories of Heidelberg». Peggy March, ein Kinderstar in ihrer amerikanischen Heimat, ehe sie nach Deutschland zog, singt ihn 1967 mit englischer Einfärbung: «Memories of Heidelberg sind Memories vom Glück, doch die Zeit von Heidelberg, die kommt nie mehr zurück!»Die Erotik ist dem Ekel gewichenDas Glück kommt bei Strunk ohnehin nur recht wohldosiert vor, geradezu homöopathisch. Wenn aber, dann umso bewegender. Doch überwiegend sind die Protagonisten des Hamburger Autors die Ermatteten und Beleidigten. Menschen, über die das Schicksal einmal zu oft getrampelt ist, die zwischen unterdrückter Wut und ambitionsloser Gleichgültigkeit durch ihren grauen Alltag schlurfen.So wie Bertram, dick, traurig, unbeweglich, Verwaltungsbeamter. Das Einzige, was ihn umtreibt, ist jenes Ritual des Kleinbürgertums, das die Stunden, den Tag, das ganze Leben strukturiert: Essen. «Mandelintermezzo» schimpft sich die zuckrige Fertignussmischung aus der Packung, die Bertram heimlich in sich hineinstopft, während er bereits von der nächsten Spezialplatte mit acht Sorten Fleisch träumt. Obwohl er genau weiss, dass jede Völlerei sein Herz verfettet, seine Arterien verklebt und seine Frau von ihm fernhält.Isolde heisst diese, walkürenhaft tritt sie auf. Nomen est omen. Da kann Bertram nur hilflos hinterherhecheln. Im Bett läuft längst nichts mehr, Erotik ist bei ihr dem Ekel gewichen, bei ihm haben Süssigkeiten den Sex ersetzt. Auch sonst herrscht beredtes Schweigen und ständiges Missverstehenwollen zwischen dem Ehepaar im schlimmsten – dem mittleren – Alter. Entsprechend unmotiviert geht es auf die Frühlingsreise von Oldenburg nach Heidelberg.Es sind diese Aus- und Ausnahmezeiten, denen Strunk bereits in seinen letzten beiden Romanen «Zauberberg 2» und «Ein Sommer in Niendorf» so unerbittlich wie lustig auf den Leib rückte. Wenn Tourismus sich in sanften Terror verwandelt, weil der gestresste Mensch einfach nicht abschalten kann. Stattdessen verheddert er sich in den eigenen hässlichen Unzulänglichkeiten, die Strunk mit zuverlässig hohem Fremdschampotenzial aufdröselt.Und so ist es auch diesmal in der Romantikstadt Heidelberg, diesem Amalgam aus ritterlich-philosophischer Deutschtümelei, Overtourism und Studentenbummel. Anlass der Fahrt ist der Geburtstag von Isoldes achtzigjähriger Mutter. Doch die landet auf der Intensivstation (Nierenbeckenentzündung) und wird damit aus der Handlung entfernt. Also ist das Ehepaar auf sich allein gestellt, und früh weiss man, dass fortan alles den Neckar hinuntergehen wird.Es beginnt bei der Unterkunft, dem extrateuren Boutiquehotel, das sich als menschenleere Servicewüste entpuppt. Das dazugehörige Restaurant auf dem Gastro-Kahn «Karolina» macht zumindest am ersten Abend einen prächtigen Eindruck. Doch mit jedem weiteren Besuch werden die Erfahrungen mieser und bizarrer: Der Platz draussen entpuppt sich als Rauchereck, die Heizstrahler bleiben selbst auf Nachfrage kalt, die Dauerschleife der Gassenhauer aus dem Lautsprecher wird kürzer (man darf raten, welcher übrig bleibt).Overtourism für die Nostalgie: die alte Brücke in Heidelberg.GettyEin kafkaesker Krieg mit dem PersonalDas Lokal wandelt sich zum Totenschiff für die Eheleute, die sich ihrer Umwelt immer weiter entfremden. Zuverlässig mahnt auf dem WC der Hinweis: «Wir möchten Sie bitten, nur wenig Papier in die Toilette zu schmeissen. Wir sind auf einem Schiff!» Besoffene Burschenschafter treten auf, und das Personal führt einen regelrecht kafkaesken Kleinkrieg gegen Bertram und Isolde. Oder ist es umgekehrt?Einmal mehr führt Strunk ein kleines Welttheater von grotesker Absurdität auf. Dessen Sprache er, wie der Autor selbst jeweils sagt, ebenso aus genauem Zuhören im Alltag wie aus den hohlen Nullsätzen aus dem Reality-TV gewinnt. Ausgerechnet sein Bertram hätte beruflich gern etwas mit Worten gemacht. Doch in den entscheidenden Momenten, wenn es darauf ankommt, bekommt er den Mund nicht auf.So wie überhaupt vieles verschwiegen und unerzählt bleibt in diesem Buch, das die Szenen einer Ehe als blosse Skizze zeichnet. Und so ist auch nicht die erwartbare graduelle Eskalation die Stärke von «Memories of Heidelberg», sondern die Pausen, die Strunk seinem Paar gönnt. Momente, in denen die bedrückende Zeitschleife aus Warten und Wiederholungen vielleicht aufgehoben sein könnte – sofern das nicht die nächste Illusion ist: «Memories of Heidelberg sind Memories of you. Und von dieser schönen Zeit, da träum ich immerzu.»Heinz Strunk: Memories of Heidelberg. Roman. Rowohlt, Hamburg 2026. 176 S., Fr. 34.90.Passend zum Artikel
Wenn Erotik zu Ekel wird: Heinz Strunks neuer Roman «Memories of Heidelberg»
In seinem neuen Roman «Memories of Heidelberg» gerät ein entfremdetes Ehepaar immer tiefer in einen Strudel aus Missverständnissen, Demütigungen und Absurditäten.








