Er sei happy, natürlich, gab Eric Johannesen recht nüchtern zu. Sein Boot hat schließlich einen Erfolg eingefahren, dem der Deutsche Ruderverband (DRV) seit 13 Jahren hinterherruderte: Der Doppelvierer hat bei der Europameisterschaft im italienischen Varese die Goldmedaille gewonnen. Die Sachlichkeit des Bundestrainers lag wohl daran, dass dieser Erfolg auf dem Weg zum erklärten Saisonziel gelungen war, zur WM Ende August in Amsterdam: „Darauf liegt unser klarer Fokus“, sagte der 38-Jährige. Dort werde die Konkurrenz zudem stärker sein: „Die Niederlande waren mit einem Entwicklungsboot hier, Großbritannien gar nicht, und auch Italien und die USA sollte man auf dem Zettel haben.“Das Gold für den Doppelvierer war nicht der einzige Erfolg am malerisch gelegenen Lago di Varese. Der erste deutsche Triumph war dem Para-Mixed-Doppelzweier gelungen: Jasmina Bier und Paul Umbach verteidigten ihren Titel aus dem Vorjahr. EM-Silber ging an den neu formierten deutschen Frauen-Vierer (Hannah Reif, Paula Hartmann, Annabelle Bachmann und Pia Greiten). Auch der Frauen-Doppelvierer (Maren Völz, Juliane Faralisch, Johanna Debus und Frauke Hundeling) wurde wie vor einem Jahr Zweiter – damals die einzige Medaille in den olympischen Bootsklassen. Silber gab es noch im Mixed für den Achter und den Doppelzweier sowie für Fabio Kress im Leichtgewicht-Einer. Olympiasieger Oliver Zeidler war erwartungsgemäß im Einer nicht zu schlagen und ließ bei seinem vierten EM-Titelgewinn der Konkurrenz einmal mehr keine Chance.Überstrahlt wurden diese Erfolge indes vom Gold des völlig neu zusammengestellten Doppelvierers. Der ist neben dem Männer-Achter, der in Abwesenheit des Olympiasiegers Großbritannien und Weltmeisters Niederlande hinter Rumänien Silber gewann und weiterhin nicht zur Weltelite zu zählen ist, das erfolgreichste deutsche Boot in den olympischen Klassen. Davon zeugen allein die fünf Olympiasiege (1984, 1992, 1996, 2012 und 2016). Gleichwohl herrschte seit dem letzten Triumph eine lange Durststrecke, die nun mit dem Europameistertitel beendet wurde. Hinter dem Erfolg steckt Eric Johannesen, der 2012 mit dem Deutschland-Achter Olympiagold gewonnen hatte und im vergangenen Jahr zum Bundestrainer der Skull-Männer berufen wurde.Vorher war Johannesen Trainer der U23, ein Umstand, der dem DRV jetzt zugutekommt. Denn im Braunschweiger Felix Heinrich, 25, sowie dem Stralsunder Ole Hohensee, 19, sitzen zwei Athleten am Ruder, die Johannesen bereits in den Nachwuchsklassen betreute. Zudem holte er mehr Erfahrung durch den Frankfurter Marc Weber, 28, und Jonas Gelsen, 24, ins Boot: Weber und Gelsen hatten bei Olympia in Paris noch den Doppelzweier gebildet und danach ein Jahr Pause eingelegt. In Summe hat Johannesen „die vier stärksten Ruderer in den Vierer gesetzt“, wie er sagt: „Wir sind physiologisch und erfahrungstechnisch deutlich stärker geworden.“Das Trainerteam Johannesen und Fossi geht neue Wege und zeichnet für den Erfolg verantwortlichEin weiterer Faktor für die rasante Leistungsentwicklung ist der Italiener Francesco Fossi, der zu Johannesen ins Bundestrainerteam geholt wurde. Fossi war zu aktiven Zeiten noch Konkurrent von Johannesen und später als Trainer in Diensten der Niederlande, wo der 36-Jährige im Vorjahr unter anderem mit dem Doppelvierer für die Goldmedaille verantwortlich zeichnete.„Francesco bringt viel Expertise ein“, sagt Johannesen, der betont, dass das Trainerduo absolut gleichberechtigt agiere, was „sehr gut funktioniert. Wir ergänzen uns optimal“. Dieser Zusammenarbeit ist auch die Entscheidung entsprungen, Ole Hohensee, eines der größten Rudertalente, mit der Verantwortung des Schlagmanns zu betrauen. Somit gibt ein 19-Jähriger den Takt im Boot vor, Hohensee ist der jüngste Schlagmann jemals in einem deutschen Doppelvierer.Und diese Formation liefert verlässlich: In Sevilla wurde Ende Mai der erste Weltcupsieg eingefahren, beim Weltcupfinale in Luzern vier Wochen später gab es Bronze. Was auch Ausdruck einer neuen Trainingsphilosophie des deutsch-italienischen Trainerduos war: „Nach Sevilla haben wir eine Woche Urlaub eingelegt und danach mit der WM-Vorbereitung begonnen. Da sollen sie fit sein“, sagt Johannesen. „Ein dritter Platz ist jetzt auch besser, als wenn sie jetzt zwei Siege eingefahren hätten. Jetzt wissen die Jungs, dass sie noch was tun müssen.“Das Training wurde von einem Pyramidensystem, das mehr Umfang im unteren Leistungsbereich und wenig im Hochbelastungsbereich – also sich wie eine Pyramide aufbaut –, zu einem „polarisierten Training“ verändert, erklärt Johannesen. „Wir arbeiten deutlich mehr im hochintensiven Rennbereich, das hat einen hohen Effekt.“ Es erfordere aber mehr Pausen. In Summe entwickle sich das Boot „in die richtige Richtung“. Die soll im Idealfall zu WM-Gold führen, was ebenfalls eine Etappe zum eigentlichen, übergeordneten Ziel ist, wie Johannesen sagt: „Das sind natürlich die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028.“