Die „Rettung Deutschlands“ beginnt auf Umwegen. Gegendemonstranten haben die ursprüngliche Route durch das Stadtzentrum blockiert, also muss die „Generation Deutschland“, die Jugendorganisation der AfD, über Nebenstraßen ziehen. Vorbei am Staatlichen Museum, auf dessen Treppen ein paar Menschen Regenbogen-Banner spannen. Am Ufer des Schweriner Sees entlang, wo die Ausflugsschiffe warten und Touristen unbeeindruckt am Aperol nippen. Schwerin, so scheint es, will gar nicht gerettet werden an diesem sonnigen Samstag. Oben am Marktplatz steigt das Bierfest, und am Abend wird die Band „Silly“ auf der Freilichtbühne im Schlossgarten ihren Hit „Bataillon d‘Amour“ anstimmen.Bevor es um Liebe gehen kann, muss Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt den „Tag der deutschen Jugend“ überstehen. Den begeht die Nachwuchsorganisation der AfD erstmals, mit bundesweiter Unterstützung, und sicher nicht zufällig in Rufweite der Schweriner Staatskanzlei. Im Herbst wird im Nordosten ein neuer Landtag gewählt, auch 16-Jährige dürfen dann an die Urne. Die AfD führt in Umfragen vor Manuela Schwesigs SPD, will regieren, am besten allein.Sie werfen sich in Pose für die Streamer und Fotografen, aber kaum Geld in die SpendendoseLeif-Erik Holm, Schwesigs Herausforderer im Wahlkreis Schwerin I, ist Hauptredner an diesem Nachmittag. Er dankt der „Generation Deutschland“ für ihre Wahlkampfhilfe. „Es gibt einen Herrentag, einen Frauentag und nun endlich auch einen Tag der deutschen Jugend“, ruft Holm. Dass die Hitlerjugend in Bayern zu einem gleichnamigen Anlass Bücher verbrannte, will hier keiner gewusst haben, 1933 ist schließlich lange her.Holm nutzt die drastischen Bilder aus der spanischen Exklave Ceuta, um vor einem überfremdeten Deutschland zu warnen, vor „Messerattentaten und Massenvergewaltigungen“. Er warnt auch vor Autos, die in Menschenmengen fahren, wie vor einer Woche beim Christopher Street Day in Berlin. Deutschland sei bereits jetzt „bis zur Unkenntlichkeit verändert“, sagt Holm. Niemand könne doch mehr das Haus verlassen, ohne angstvoll über die Schulter zu schauen. Dagegen müsse die Jugend „aktiv zu Felde ziehen“.Der ehemalige Radiomoderator Holm spricht zu etwa 400 Menschen, die gar nicht aussehen, als hätten sie Angst. Junge Frauen und Männer, die begeistert nach den Jutebeuteln und Deutschlandfahnen greifen, die sie hier verteilen. Sie werfen sich in Pose für die Fotografen und Streamer, aber sie werfen kaum Geld in die Spendendose. Manche tragen Handgranaten oder Grabenmesser als Tattoo auf der Wade, dazu T-Shirts, auf denen „Remigration“ steht oder „White Lives Matter“.In der Erzählung, die sie hier verbreiten, gibt es die Deutschen nur als Helden oder Opfer – nie als TäterIhr Mann ist Jean-Pascal Hohm, AfD-Landtagsabgeordneter in Brandenburg, Vorsitzender des Kreisverbandes Cottbus, seit November 2025 Chef der „Generation Deutschland“. Hohm ist stolz, dass der Alte Garten so gut gefüllt ist mit „jungen Patrioten“. Stolz, dass sie „zusammenstehen und kämpfen“. Stolz auf seine „Vorfahren“ und „Ahnen“, die noch viel größere Krisen bewältigt hätten: Städte nach dem Krieg wieder aufgebaut, die Wiedervereinigung erstritten. Hohms Hang zum völkischen Pathos wird ergänzt durch ein selektives Geschichtsbewusstsein: Er spricht von der Gräuel des Dreißigjährigen Krieges, den Verbrechen der Roten Armee, über das „Unterdrückerregime des SED-Staates“, aber kein einziges Mal über die Jahre zwischen 1933 und 1945. In seiner Erzählung gibt es nur Helden oder Opfer, nie Täter.Der Verfassungsschutz führt Hohm als Rechtsextremisten. Er bewegt sich in der radikalisierten Fanszene von Energie Cottbus, unterhält Kontakte zur Identitären Bewegung, seine Formulierungen sind geschliffen, das Auftreten kontrolliert. Das ist Voraussetzung in einer Partei, die ihr Image wahren will als gemäßigte Kraft am rechten Rand und Nachwuchs sucht, der die Wähler nicht vergrault.In Schwerin tragen einzelne Teilnehmer noch immer das Logo der Vorgängerorganisation „Junge Alternative“ auf der Brust. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte die Parteijugend seinerzeit als gesichert rechtsextrem ein, durch Auflösung kam man einem möglichen Verbot zuvor. Mitglieder der „Generation Deutschland“ müssen im Besitz eines AfD-Parteibuchs sein und sich von Neonazis fernhalten, zumindest in der Theorie. Das Bundesinnenministerium sieht „punktuelle personelle Überschneidungen“ zwischen der „Generation Deutschland“ und den „Jungen Nationalisten“, der Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“, ehemals NPD. Das geht aus der Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen aus dem Juli hervor. Man besuche sich gegenseitig auf Veranstaltungen, heißt es darin.Gegendemonstranten blockieren die Demoroute der AfD-Jugend. Philip Dulian/dpaAuch in Schwerin kann man Jugendliche treffen, die Gürtel von Thor Steinar tragen, um den Hals Thors Hammer. Die das „alles zu lasch“ finden und gleichzeitig Angst haben, „dass es heute Abend noch von den Linken aufs Maul gibt“. Tatsächlich kommt es am Rande der Veranstaltung zu Gewalt. Michael Schumann, Hamburger Landesvorsitzender der „Generation Deutschland“, postet ein Video mit Beule an der Stirn und blutigem Gesicht. Auf dem Weg zum Alten Garten sei er von vermummten Gegendemonstranten attackiert worden. Die Polizei bestätigt den Angriff, drei Tatverdächtige seien ermittelt worden.Am Nachmittag zieht die „Generation Deutschland“ weitgehend unbehelligt durch Schwerin, hinter einem Banner, auf dem steht: „Deutschland retten“. Die Stimmung ist gelöst, man filmt und fotografiert sich gegenseitig. Der Landesverband Rheinland-Pfalz hat sich vorbildlich assimiliert und skandiert „Ost-Ost-Ostdeutschland“. Alle gemeinsam rufen sie „Wir sind das Volk“ – die Parole der Friedlichen Revolution. Dabei waren die meisten hier 1989 weder auf der Straße noch auf der Welt.Am Hauptbahnhof, unweit der SPD-Zentrale, wird der Zug langsamer. „Hier regiert die AfD“, schallt es durch die Straße. Gegenüber am Dönerimbiss steht ein Mann mit verschränkten Armen und beobachtet die Lage. Er sei Kurde und ein großer Fan der Demokratie, sagt er, seinen Namen nennt er lieber nicht. Nur so viel: Er zahle Steuern in diesem Land, seine Kinder sprächen fließend deutsch. „Ich weiß wirklich nicht, was die hier wollen.“ Er weiß, dass die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig heißt, und die AfD nicht regiert. Er hofft, das wird auch so bleiben.