SZ: Herr Lafer, Sie sind am Non-Hodgkin-Lymphom erkrankt und haben gerade sechs Zyklen Chemotherapie hinter sich gebracht. Wie geht es Ihnen?Johann Lafer: Eine Chemotherapie ist kein Spaziergang, doch es gibt mittlerweile keine andere Möglichkeit mehr. Das Problem ist, dass es so viele Varianten von diesem Lymphdrüsenkrebs gibt und man nicht von vornherein genau sagen kann, welche Behandlung die Richtige für einen ist. Es ist sehr anstrengend, aber ich bin zuversichtlich.Ihre Krebserkrankung wurde in den vergangenen Wochen viel diskutiert. Sie haben sie im Mai im ZDF-Fernsehgarten öffentlich gemacht. Wie nicht nur auf Social Media nachzulesen ist, hat dieser Auftritt viele Menschen aufgewühlt, was auch an Ihrem veränderten Aussehen lag: Sie haben stark abgenommen und Ihre Haare verloren. Warum haben Sie sich für diese Art der Bekanntgabe entschieden?Es musste schnell gehen, weil meine Mitarbeiter und meine Familie ständig konfrontiert wurden: Was ist denn mit dem Lafer los? Midlife-Crisis, Abnehmspritze, neue Freundin? Man hat mir angesehen, dass etwas anders ist als früher. Mein Markenzeichen, der Schnurrbart, war ja plötzlich weg, da fragte sich doch jeder, warum. Ich habe lange damit gehadert, meine Krankheit in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber ein zentraler Aspekt von Öffentlichkeit ist heute Transparenz.Grenzen zu setzen, ist viel schwieriger geworden durch die mediale Beschleunigung.Welche Reaktionen haben Sie bekommen?Ich habe Hunderte Meldungen und Mutmaßungen in den sozialen Netzwerken und in den Medien lesen können. Natürlich ist es schade, dass man seiner Krankheit eine Plattform geben muss, wenn man so in der Öffentlichkeit steht wie ich. Aber meinem Publikum verdanke ich ja auch meinen Erfolg. Trotzdem war ich nach der Bekanntgabe erleichtert, das war wie ein Befreiungsschlag, weil ich keine Ausrede mehr brauchte.Einmal öffentliche Figur, immer öffentliche Figur, egal, was einem im Leben zustößt?Ich nutze die Bühne und gleichzeitig soll ich darüber schimpfen? Das wäre kontraproduktiv. Ich darf mich nicht beschweren.Johann Lafer bei der ZDF-Küchenschlacht. Ulrich Perrey/dpaSie wurden zitiert mit Sätzen wie: „Ich habe Metastasen im ganzen Körper.“ Wo liegt Ihre Grenze der eigenen Verfügbarkeit, besonders in so einer Extremsituation?Ich habe keine Metastasen, das kann ich so also nie gesagt haben. Aber soll ich im Nachhinein anfangen, darüber zu diskutieren? Nein! Grenzen zu setzen, ist viel schwieriger geworden durch die mediale Beschleunigung. Aber meine persönliche und familiäre Situation und alle ärztlichen Entscheidungen behalte ich für mich. Ich muss mit mir und meiner Psyche im Einklang sein.Ihre Erkrankung wurde schon vor knapp drei Jahren diagnostiziert. Wie haben Sie davon erfahren?Ich mache jedes Jahr eine Fastenkur, nicht wegen meines Gewichts oder meiner Gesundheit, sondern um meinen Geschmack zu neutralisieren. Als Koch bist du ja ständig am Probieren, also mache ich immer ein paar Wochen lang eine Art Reset. Am letzten Tag sagte der Professor nach dem Ultraschall: „Ich muss mir noch mal Ihre Leiste angucken, da ist ein schwarzer Schatten.“Ihre Diagnose haben Sie lange auch vor Ihrer Familie geheim gehalten. Warum?Selbst wenn die eigenen Kinder schon erwachsen sind, muss man es erst einmal schaffen, ihnen eine solche Diagnose mitzuteilen. Meine Frau und ich haben es gemeinsam den Kindern erzählt. Vorher hatte ich sie nicht beunruhigen wollen. Und ich habe immer noch gedacht, ich kriege das hin, ohne dass man darüber spricht. Dass das alles irgendwie stillschweigend verschwindet.Familienmensch: Lafer mit Ehefrau Silvia und Tochter Jennifer - ebenfalls vor der Fernsehkamera. ImagoWie präsent ist Ihre Krankheit im Alltag? Können Sie die auch mal ausblenden?Doch, es gibt ja jeden Tag zu tun, Büro, Events, Buchhaltung. Ich wollte gerne weiterarbeiten und kann es auch. Deswegen habe ich so gut wie keine Termine abgesagt. Die Arbeit tut mir gut. Aber ich versuche auch zu lernen, auf meinen Körper zu hören und mal Verantwortung abzugeben.Ich bin Menschen gewohnt, die glauben, ein sehr genaues Bild von mir zu haben.Durch die Chemotherapie sind Sie auch körperlich eingeschränkt. Unter anderem haben Sie Ihren Geschmack verloren.Viele der Nebenwirkungen haben sich aber abgemildert, auch mein Geschmack ist zurückgekommen. Bei Parmaschinken-Verkostungen kann ich schon wieder „zu salzig“ ankreuzen. Für mich als Koch ist das ja entscheidend, daher habe ich diesen Verlust wohl als noch extremer empfunden.Jetzt, da Ihr Markenzeichen weg ist: Fehlt Ihnen der Schnurrbart?Nein, es hat ja auch Vorteile. Ohne Bart und mit Mütze werde ich plötzlich nicht mehr erkannt. Das lässt mich zurzeit Dinge erleben, bei denen ich mir vorher dreimal überlegt hätte, ob ich sie mache. Ich bin ja so ein Trödelfreak und war vor Kurzem auf einem Flohmarkt in Hamburg. Dort konnte ich stundenlang ungestört spazieren gehen, schauen und mich unterhalten, ohne Johann Lafer zu sein. Nur ein Mann sagte zu mir: „Lustig, Sie hören sich ja an wie der Lafer!“Klingt befreiend.Es entspannt. Ich habe mich sogar getraut zu feilschen. Das wäre vor einem Jahr noch unmöglich gewesen. Der Lafer, ein Pfennigfuchser? Ich bin ja Menschen gewohnt, die glauben, ein genaues Bild von mir zu haben.Das heißt, der Bart bleibt ab?Das habe ich dann doch nicht vor.Sie haben öfter thematisiert, dass Ihre Krankheit nicht heilbar ist. Was bedeutet das genau?Man kann mit dieser Krankheit leben, weil es gute Therapiechancen gibt. Aber man ist ständig unter Beobachtung. Auf die Chemo folgt die Immunaufbautherapie, dann kommen die Routinechecks.Sie galten lange als prominentester Koch Deutschlands. Wo Sie auftauchen, herrscht seit Jahrzehnten gute Laune. Wie sehr fühlen Sie sich diesem Image verpflichtet?Das kann schon brutal sein. Wenn man nach einem langen Tag im Flugzeug sitzt, total kaputt ist, und neben einem ruft jemand: „Herr Lafer, toll, Sie kennenzulernen! Wie macht man eigentlich Bratkartoffeln?“, dann ist das nicht immer schön.„Tut mir leid, dafür habe ich gerade keine Kraft?“: Wäre so eine Reaktion denkbar?Nein zu sagen, habe ich jetzt besser gelernt. Aber vor meiner Krankheit wollte ich immer Everybody’s Darling sein. Einer, der immer funktioniert.Man kann nicht nur hoffen, von allen geliebt zu werden, und gleichzeitig nichts dafür tun.Es gibt viele prominente Köche, Sie aber sind besonders beliebt. Welcher Eigenschaft verdanken Sie Ihre Popularität?Das kann ich nicht beurteilen. Aber eine meiner Tugenden war vielleicht, dass ich mich auf mein Gegenüber konzentriere anstatt nur auf mich. Für mich spielt es keine Rolle, ob jemand in der Öffentlichkeit steht oder nicht. Mein Grundprinzip ist: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Man kann ja nicht nur hoffen, von allen geliebt zu werden, und gleichzeitig nichts dafür tun.Moderatorin Nina Ruge zu Gast bei Johann Lafer in der Sendung „Lafer! Lichter! Lecker!“. ImagoWie schwer fällt es Ihnen, die Prioritäten seit Ihrer Diagnose neu zu ordnen?Mir hilft, mich daran zu orientieren, was mir beruflich immer das Wichtigste war. Durch meine Bemühungen in der Öffentlichkeit und vor der Kamera, durch Kochen, Genuss, Fürsorge, habe ich immer davon geträumt, zu einer Art Synonym zu werden für Qualität, die von Herzen kommt.Was Sie alles so machen, sieht nicht gerade nach Kürzertreten aus. Sie sind zum Beispiel seit Mai für täglich 40 000 Essen der Lufthansa Business Class verantwortlich.Wir haben fast zwei Jahre daran gearbeitet, bis wir international starten konnten. Ich habe tolle Geschäftspartner, mit viel Verständnis, die lasse ich in so einer Situation, für die ja niemand etwas kann, doch nicht hängen. Und eine Krankheit lässt sich auch mit Erfolgserlebnissen bekämpfen. Es ist ja nicht so, dass man sich plötzlich für gar nichts anderes mehr interessiert.Die Maschine muss am Laufen bleiben?Nein, aber würde ich mich jetzt von dieser über Jahrzehnte gewohnten Lebensform völlig zurückziehen, wäre der Schnitt zu hart. Da ist es besser, sukzessive nach persönlichem Empfinden und Situation zu entscheiden, was geht. Neu ist: Ich möchte absagen dürfen, wenn es denn gar nicht geht. Und das tue ich.Johann Lafer kocht Spaghetti in Trüffel-Butter. Marten RolffIhr Tempo war stets enorm: Sie haben 1976 Ihre Lehre beendet, schon 1980 wurden Sie als bester deutscher Patissier ausgezeichnet, 1981 haben Sie bei Eckart Witzigmann angefangen, 1983 einen Michelin-Stern erkocht, 1988 den zweiten. Ging Ihnen das alles zu schnell oder nicht schnell genug?Mir war das damals alles nicht so bewusst. Von Sternen haben wir früher erst in der Buchhandlung aus dem Michelin-Führer erfahren, kein Witz. Ich glaube, du kannst Erfolg nicht erzwingen. Er ist immer eine Reaktion auf zuvor Geleistetes. Genauso wie Misserfolg. Aber klar, Erfolg macht auch süchtig, keine Frage.Viele Sterneköche in Ihrer Liga stehen kaum in der Öffentlichkeit. Hätte Ihnen das gereicht: nur kochen?Nein, da will ich ehrlich sein. Es gab da ein Schlüsselerlebnis: Margot Honecker war ein riesiger Johann-Lafer-Fan. Jedes Jahr fuhr sie mit ihrem Mann ins Saarland, und ihr Wunsch war es, einmal bei mir zu essen. Doch ihr Sicherheitsdienst gab unser Restaurant nicht frei, ihr Besuch wurde aus Sicherheitsbedenken abgesagt. Kurz darauf hörte ich, dass die Stromburg in Stromberg, gleich hier in der Nähe, frei werden würde. Also habe ich eins und eins zusammengezählt: Burg, dicke Mauern, freie Parkplätze.Und Hubschrauberlandeplatz. An der Renovierung der Immobilie sind Sie fast pleitegegangen, das Land Rheinland-Pfalz sprang mit einer Bürgschaft ein. Etwas kleiner ging es nicht?Wir haben uns wirklich viele Gedanken gemacht über Finanzierung und Konzept. Aber am Ende hat der Prozess hin bis zum kleinsten Detail nicht nur viele Millionen gekostet, sondern auch wahnsinnig viel Kraft. Inzwischen frage ich mich oft: Ist meine Krankheit der Preis, den man zahlt, wenn man so Vollgas gibt? War da zu wenig Freizeit, wurden manche Probleme nie verarbeitet? Hätte sich das verhindern lassen?Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?Er ist der Motor, wie eine Droge. Was man schaffen muss, ist, dass der Gast im Restaurant zum Kellner sagt: „Das hat mir wirklich gut geschmeckt.“ Und nicht andersrum, dass der Kellner den Gast fragt: „Schmeckt’s Ihnen?“Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass Johann Lafer nicht größenwahnsinnig ist.Ihre Bandbreite ist beachtlich: Michelin-Sterne, Fernsehshows, Youtube, rund hundert Bücher, Pfannen, Töpfe und Messer mit Ihrem Namen darauf, Sie halten viele Patente, ein eigenes Magazin, Kanzlerfeste, Staatsbesuche, Werbeverträge, Lufthansaessen, Hubschrauberpilot ... Wenn man das alles erreicht hat, wonach strebt man dann noch?All das hat auch eine Kehrseite. Ein Buch zu schreiben, Rezepte zu entwickeln, das ist beinharte Arbeit. Vieles davon ist ja nicht unbedingt aus Ehrgeiz, sondern auch durch den Zwang der Notwendigkeit entstanden, wenn Sie an meine Vorgeschichte denken. Sie wissen ja selbst, was bei mir ab 2014 los war. Ich war am Boden.Sie meinen Ihre Verurteilung wegen Steuerhinterziehung?Mir ist es gelungen, aus diesem dunklen Loch wieder herauszukommen, aber das war nicht ohne. Sich all dem finanziell, familiär, charakterlich und imagemäßig zu stellen und nicht aufzugeben in dieser Situation.Sie haben sich herausgestrampelt.Was heißt herausgestrampelt? Ich bin immer noch mittendrin! Die Dramatik, die dahintersteckt, auch persönlich, ist mit meiner Diagnose ja doppelt schwer.Das heißt: Sie zahlen Ihre Schulden bis heute ab?Wer möchte nicht Frieden schaffen für seine Familie, die Kinder, damit man gut schlafen kann nachts? Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass Johann Lafer nicht größenwahnsinnig ist, sondern dass ich mich in einer Situation befinde, in der ich nicht aufgeben möchte und kann.Warum haben eigentlich so viele Gastronomen mit der Steuer zu tun?Bitte, ich will dazu nichts mehr sagen. Ich habe sehr lange gebraucht, um das alles zu verarbeiten.Auch Ministerpräsident Kurt Beck kam 2004 zum Kochen. ImagoSie nennen sich „der Hansi aus der Steiermark“, gleichzeitig sind sehr viele, sehr bekannte Leute durch Ihr Leben marschiert: Königinnen, Bundeskanzler, US-Präsidenten, Hollywood-Stars. Denkt man irgendwann: Ich bin einer von denen?Auf keinen Fall. Dass ich Menschen eine wirkliche Freude machen kann mit meinem Beruf, ist mein großes Glück – auch wenn ich ihn manchmal gehasst habe, weil der Druck so groß war. Ich muss aber zugeben: Das war eine Bühne, auf der ich gerne gestanden bin. Es gibt wenige Prominente, die ich nicht getroffen habe.An welche der vielen Begegnungen denken Sie besonders gern?Berührt hat mich Muhammad Yunus aus Bangladesch, der 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde für die Vergabe von Mikrokrediten zur Bekämpfung von Armut. Dieser Mensch hat mich wirklich gefesselt durch seinen Lebenstraum, die Welt zu verändern. Eine schöne Anerkennung war auch die Einladung ins Weiße Haus, das hätten die nicht machen müssen. Oder als ich Jackie Chan in seinem Haus in Hongkong besucht habe. Ich könnte viele Momente aufzählen, aber heute kann ich deutlicher als je zuvor sagen: Geben ist besser als Nehmen. Das merkt man, wenn es einem schlecht geht, da bekommt man auch was zurück. Die Menge an Nachrichten von Menschen, die wir alle kennen, ist seit meiner Diagnose enorm. Erst gestern Abend wollte Frank-Walter Steinmeier wissen, wie es mir geht. Der ruft mich ja nicht an, weil ihm langweilig ist.Johann Lafer, 68, wuchs mit zwei Schwestern in bescheidenen Verhältnissen in der östlichen Steiermark auf, seine Eltern waren Landwirte im Nebenerwerb. 1973 machte er eine Kochausbildung in Graz und konzentrierte sich auf die Patisserie. 1980 wurde Lafer deutscher Patissier des Jahres, 1981 arbeitete er in Eckart Witzigmanns legendärer „Aubergine“ in München, bis 1988 erkochte er im pfälzischen Restaurant „Le Val d’Or“, betrieben von ihm und seiner Ehefrau Silvia, zwei Michelin-Sterne. Populär wurde Lafer vor allem durch Fernsehshows wie „Kerner kocht“, „Lafers Himmel und Erd“,„Lafer! Lichter! Lecker!“ oder „Die Küchenschlacht“, oft produziert im eigenen Fernsehstudio. Johann Lafer gilt als Deutschlands bekanntester Koch. Er hat hundert Bücher veröffentlicht, eigene Produktlinien und ein eigenes Magazin.Sie kommen vom Bauernhof und haben oft erzählt, aus „kleinen Verhältnissen“ zu stammen. Was genau heißt das?Ich bin auf dem Land in der Oststeiermark groß geworden, damals war ein Kühlschrank ein Luxusprodukt. Supermärkte gab es keine. Alles stammte aus der eigenen Produktion, vom Sauerkraut bis zu den eingelegten Kirschen. Ich weiß noch, wie mir meine Mutter 500 Schilling in die Hand drückte, als ich 1977 zum Arbeiten nach Berlin in den „Schweizer Hof“ ging. Das waren umgerechnet 80 D-Mark. Das hätte für 160 Whopper gereicht, die damals 50 Pfennige kosteten. Burger King war ja mein Stammlokal. Einmal pro Woche habe ich mit meiner Mutter aus der Telefonzelle heraus telefoniert. Dafür musste sie zum Nachbarn gehen, drei Kilometer weit. Man darf nie vergessen, wo man herkommt.Welche Werte galten in Ihrem Elternhaus?„Schaffe, schaffe, Häusle baue.“ Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass es auch so etwas wie Wertschätzung und Anerkennung gab, selbst wenn ich das lange nicht sehen konnte. Als ich 1981 im „Aubergine“ Chef-Patissier bei Eckart Witzigmann wurde, drehte der ORF einen Film über ihn. Darin laufe ich exakt drei Sekunden durchs Bild, man sieht mich weder beim Kochen noch beim Anrichten. Als meine Eltern diese Sequenz sahen, haben beide vor Stolz angefangen zu heulen. Da sagte ich zu meiner Mutter: „Warum musste ich so lange warten, dass du mich mal lobst?“Und was hat sie geantwortet?Nichts. Sie hat einfach nur geweint. Jetzt muss ich selbst fast heulen. Dass meine Mutter ihre Gefühle nicht zeigen konnte, kann man nicht ändern und nicht nachholen. Aber vielleicht wird dadurch deutlich, warum ich immer so gekämpft habe, um zu spüren, dass die Menschen an meinem Tisch glücklich sind.Was haben Ihre Eltern zu Ihrem Erfolg gesagt?Meine Mutter wollte vor allem wissen, ob es mir gut geht. Alles andere konnte sie nicht einordnen, weder irgendein Gericht mit Hummer noch einen Michelin-Stern. Wenn sie zu Besuch kam, wollte sie lieber ein Schnitzel in der Küche essen als ein Menü im „Val d’Or“.Kommendes Jahr werden Sie 70, Sie haben stets ein sehr öffentliches Leben geführt. Wäre es nach Ihrer Diagnose vorstellbar gewesen, zu sagen: Ich ziehe mich jetzt mal zurück?Während der Corona-Zeit habe ich für mich festgestellt, dass ich nach drei Monaten Ordnen und Aufräumen nicht mehr ausgelastet war. Wir Menschen brauchen Rituale, um uns selbst hochzureißen. Ich beobachte, wie schnell es bei vielen abwärtsgeht, wenn sie in Pension gehen. Das möchte ich für mich nicht.In einem Satz: Wie soll man sich an Ihre Karriere erinnern?Lafer ist ehrliches Kochen. Aber ich sage mir oft, und das soll jetzt nicht theatralisch klingen: Ich bin wie alle Menschen Gast auf Erden und werde mich wie alle anderen der eigenen Vergänglichkeit stellen müssen. Es gibt keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Was nützt einem da am Schluss irgendeine Form von Anerkennung? Gar nichts.