Functional Freeze: Wenn es in der Seele stockduster aussieht, obwohl nach aussen alles glänztNach der Arbeit nur noch dumpf am Handy scrollen. Funktionieren, sich aber innerlich leer fühlen: Über den «Functional Freeze», auch bekannt als hochfunktionale Depression wird zu Zeit viel diskutiert. Braucht es diese neue Diagnose? Und was hilft Betroffenen?Lisbeth Schröder02.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas Bild nach aussen spiegelt oft nicht unsere wahren Gefühle wider.Eric O'Connell / GettyIm Jahr 2001 merkte Maria Weber zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmte. Sie war bei der Arbeit, die Sonne brannte in den kleinen Raum. Weber wollte die Rollläden hochziehen. Doch eine Kollegin widersprach: «Nein, dann wird es zu heiss.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es sei eine Kleinigkeit gewesen, erzählt die 48-Jährige heute: «Doch sie liess das ganze Kartenhaus zusammenfallen.» Weber rannte aus dem Gebäude, setzte sich ins Auto und weinte stundenlang. Es war das erste Mal, dass ihre Depression an die Oberfläche durchbrach.Bis dahin hatte die Schweizerin, die nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen will, nach aussen hin bestens funktioniert: Aufstehen, zur Arbeit, Smalltalk mit den Kollegen. Doch abends fiel sie Tag für Tag todmüde und mit einem Gefühl der inneren Leere ins Bett. Jahrelang.Funktional, aber innerlich eingefrorenVon Symptomen, wie sie Weber beschreibt, ist derzeit in den sozialen Netzwerken viel zu lesen. Unter dem Schlagwort «Functional Freeze» schildern Menschen dort ähnliche Leidensgeschichten: ein Mann, der zu Hause nach dem Beantworten der letzten E-Mails zusammenbricht, eine Frau, die sich abends auf dem Sofa nur noch in der Lage sieht, wie paralysiert am Handy zu scrollen. Man arbeite und sei da, wenn man gebraucht werde, aber man fühle sich wie in einem Nebel, heisst es etwa in einem Tiktok-Video mit über vier Millionen Klicks.«Hochfunktionale Depression» lautet der Fachbegriff für den Gemütszustand eines Menschen, der die Aufgaben des Alltags mit Bravour bewältigt und sich gleichzeitig erschöpft und leer fühlt.Der Begriff ist umstritten: Manche sehen in ihm nur ein neues Etikett für ein altes Leiden. Jedenfalls berührt er grundlegende Fragen: Beginnt die Depression erst dort, wo Menschen morgens nicht mehr aus dem Bett kommen? Wo verläuft die Grenze zwischen krank und gesund? Und vor allem: Kann ein Mensch innerlich zerbrechen, während er nach aussen weiter funktioniert?Maria Weber vermutet, dass sich die ersten Anzeichen ihrer Depression schon im Jugendalter zeigten. Damals konnte sie die innere Leere, die sie empfand, jedoch noch nicht als Symptom einer Erkrankung einordnen. Selbst dann nicht, als sich Monate vor ihrem Zusammenbruch 2001 die Situation zuspitzte. Und auch nicht, als sie sich danach in psychotherapeutische Behandlung begab. Nach aussen hin war ja alles in Ordnung: Sie ging jeden Tag zur Arbeit und wurde sogar in eine Führungsposition befördert.Doch das jahrelange Aufrechterhalten eines scheinbar normalen Alltags forderte seinen Tribut. Weber war oft erschöpft und kam innerlich kaum zur Ruhe. Immer wieder versuchte sie, ihre Anspannung durch Alkohol zu regulieren. Ihr Weg führte sie schliesslich in eine psychiatrische Klinik. Doch bis es so weit kam, sollte es noch dreizehn Jahre dauern.Wie krank ist ein Mensch mit einer hochfunktionalen Depression?Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation sind bei einer psychischen Störung das Denken, die Regulation von Emotionen oder das Verhalten beeinträchtigt. Meistens spürten die Betroffenen einen Leidensdruck und eine Einschränkung in bestimmten «Funktionsbereichen».Das wirft die Frage auf: Wenn Menschen wie Weber noch ganz normal zur Arbeit gehen können, liegt dann überhaupt eine Einschränkung in ihren Funktionsbereichen vor? Gibt es die hochfunktionale Depression als eigenes Krankheitsbild überhaupt?«Das Funktionieren nur auf den Beruf zu beziehen, greift zu kurz», sagt Stephan Köhler, Professor für Psychiatrie an der Berliner Charité: «Wir müssen auch das emotionale Erleben berücksichtigen: Wie steht es um Selbstfürsorge, Lebensfreude und Motivation?»Miserabel, wie die amerikanische Psychiaterin Judith Joseph in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch «Wenn du nur noch funktionierst» eindrücklich beschreibt: ein Vater, der achtzig Stunden pro Woche arbeitet und der unter dem Druck ständig Streit mit seiner Frau anfängt. Eine erfolgreiche Doktorandin, die innerlich ums Überleben kämpft.Was Menschen mit einer hochfunktionalen Depression eint, ist laut Joseph die Kombination einer funktionierenden Fassade mit dem Kernsymptom jeder Depression, der sogenannten Anhedonie: Sie empfinden kaum noch Freude und Interesse an Dingen oder Mitmenschen. Man ist wie im Autopilotmodus, geht vielleicht sogar zur Psychotherapie. Man tut, was man tun muss, fühlt sich dabei aber innerlich leer.Auch der Arzt im Spital erkannte die Depression nichtWeber kam 2014 – viele Jahre nach ihrer ersten Krise – zum Aufnahmegespräch in eine Klinik. Doch der Arzt schickte sie nach Hause. «Obwohl ich im Krisenmodus lebte, wirkte ich wohl auch auf ihn so, als hätte ich alles im Griff», sagt sie.Das ergebnislose Gespräch in der Klinik wühlte in ihr vieles auf: War ihr überhaupt noch zu helfen? Am Freitagabend, gleich nach dem Termin, sprach sie deshalb ihrer Therapeutin auf den Anrufbeantworter. Am Samstag versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. «Wäre es an diesem Samstag nicht zur Eskalation gekommen», sagt Weber heute, «wäre ich am Montag wieder zur Arbeit gegangen. Davon bin ich überzeugt.»«Hochfunktionale Depression»: Modewort oder wichtiger Schritt zur Früherkennung?Noch ist die hochfunktionale Depression eher ein Begriff aus den sozialen Netzwerken. Sollte sie auch eine offizielle Diagnose werden? Da sind sich Experten uneinig.Judith Joseph findet, die hochfunktionale Depression müsse in die internationalen Diagnoseschlüssel eingehen, damit den Betroffenen früher geholfen werden könne: «Wir sollten nicht warten, bis die Menschen an ihrer Depression zerbrechen. Wir müssen ihnen helfen, bevor es so weit ist.»Ganz anderer Meinung ist Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Er hält die hochfunktionale Depression für eine überflüssige Modediagnose: «Männerdepression, Altersdepression, Managerdepression – es gab in der Vergangenheit schon viele Versuche, solche Unterkategorien zu bilden.» Wichtiger sei, zu verstehen, dass sich Depressionen individuell ganz unterschiedlich äussern könnten – beruflich leistungsfähigen Menschen gelinge es eben häufig, die Fassade aufrechtzuerhalten.Ähnlich sieht es sein Kollege Stephan Köhler: Für die hochfunktionale Depression brauche es keine eigenständige, offizielle Diagnose. Doch Köhler kann dem Begriff durchaus etwas abgewinnen. Denn er könne helfen, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass Depressionen lange unerkannt bleiben könnten, zum Teil sogar während Jahrzehnten, «weil die Betroffenen eben erstaunlich gut funktionieren».Das aber sei ein Teufelskreis: «Das Funktionieren ist für sie eine Art Bewältigungsstrategie: Sie funktionieren, um eine depressive Leere nicht erleben zu müssen.» Eine unerkannte und deswegen unbehandelte Depression könne auf Dauer jedoch zu körperlichen Symptomen führen und sei im fortgeschrittenen Stadium dann nur noch schwierig zu therapieren.Mit Babyschritten in ein neues Leben Was hilft bei «Functional Freeze»? Ein erster Schritt ist laut Köhler, zu verstehen, wie man überhaupt in diese Situation gekommen ist. Arbeite ich so viel, weil ich versuche, vor etwas wegzurennen? Überfordere ich mich? Als Nächstes solle man Stück für Stück versuchen, sich Ziele zu setzen. «Das bedeutet nicht unbedingt, weniger Leistung zu erbringen. Sondern ein Leben zu leben, das nicht ausschliesslich über Leistung definiert ist.»Und in dem positive Dinge wieder mehr Raum einnehmen. Judith Joseph spricht von «Babyschritten», mit denen man versucht, «sich erst mal wieder an Dinge heranzutasten, die einem Freude gemacht haben». Wenn man zum Beispiel früher gerne ins Kino gegangen sei, könne man sich dem langsam wieder annähern – etwa die Rezension eines aktuellen Films lesen oder sich den Trailer anschauen.Auch Maria Weber hat viele kleine Schritte hinter sich – und manches funktioniert trotz ihrer Krankheit heute besser. Eine Hochzeit von Freunden, Hilfe bei einem Umzug – früher hätte sie bei so etwas immer auf der Matte gestanden. Heute traut sie sich eher zu sagen, wenn etwas zu viel wird. Sie hat gelernt, was ihr wichtig ist: Beziehungen zu sich und anderen, körperliche Bewegung und Struktur im Alltag etwa. Auch die Arbeit habe ihr immer Halt gegeben. Aber aus gesundheitlichen Gründen hat sie auf dreissig Stunden pro Woche reduziert.Inzwischen hat Weber eine offizielle Diagnose: Sie leidet an einer rezidivierenden depressiven Störung, in der sich schwere Episoden mit symptomärmeren Phasen abwechseln. Die 48-Jährige hat leichtere und schwerere Momente. «Aber wenn es eine Linie gibt, die besagt: Es geht mir gut», erzählt sie, «dann komme ich nie wirklich über diese Linie.»Als Weber am Telefon von ihrer Depression erzählt, spaziert sie gerade an einem Fluss entlang und lacht sogar immer wieder. «Ich glaube nicht mehr an Heilung», sagt sie am Ende: «Aber ich glaube, ich kann damit gut leben. Wenn ich weiterhin dranbleibe, Hilfe annehme und meinen Weg suche.»Ihr Fall zeigt: Ein Mensch kann krank sein, auch wenn er funktioniert. Eine Depression bereitet Betroffenen enormes Leid – auch hinter einer funktionierenden Fassade. Ob die hochfunktionale Depression nun eine eigene Diagnose ist oder nicht: Die Diskussion darum trägt dazu bei, das gängige Bild von psychischen Krankheiten zu korrigieren und Betroffenen besser zu helfen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel