Eines ist sicher: Herausforderungen scheut Jana Pohl nicht. Als Erste hat sie sich für einen neuen und bislang im deutschsprachigen Raum einzigartigen Bachelorstudiengang im Bereich Quantencomputing an der Hochschule Karlsruhe (HKA) eingeschrieben. «Ich stelle mich darauf ein, dass es etwas schwieriger wird», sagt die 20-Jährige. Und wirkt recht entspannt.Nach dem Abitur vor zwei Jahren ging die Karlsruherin für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Peru und fing danach an der HKA an, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Als sie auf dem Gelände Plakate entdeckte, die für den neuen Studiengang warben, sei ihr Interesse sofort geweckt gewesen. «Das klingt spannender, herausfordernder», sagt sie.«Physik hat mir schon in der Schule Spaß gemacht», sagt Pohl. Wollte sie mehr wissen, tiefer in die Materie einsteigen, recherchierte sie in ihrer Freizeit weiter.Bei dem neuen Studiengang dürfte das an der Tagesordnung sein: Im Mittelpunkt stehen Elektrotechnik und Informatik. Im dritten Semester kommt unter anderem Quantenmechanik dazu, später Quantensensorik.Gefragte Schlüsseltechnologie«Es fasziniert mich, in einem Bereich zu studieren, wo wir mitgestalten können», sagt Pohl. Und spricht von einer Zukunftstechnologie.Quantencomputer arbeiten anders als traditionelle Rechner. Sie können etwa mit Simulationen schneller komplexe Probleme lösen. Anwendungen reichen von der Entwicklung neuer Medikamente bis zu Künstlicher Intelligenz. Die Fraunhofer-Gesellschaft nennt als Beispiele die parallele Steuerung von Milliarden von Zahlungsströmen oder die Berechnung von Preisentwicklungen.Die HKA möchte mit ihrem Angebot Pionierarbeit leisten - und sich von manch einem Master-Studiengang rund um Quantentechnologie vor allem durch den Praxisbezug abheben, wie Studiengangsleiter Prof. Philipp Nenninger sagt. «Das, was Firmen gerade brauchen, dafür bilden wir aus.» Da passt es gut, dass sich Pohl besonders auf die Phasen im Labor freut.Auch aus Sicht der Bereichsleiterin Future Computing beim Digitalverband Bitkom, Natalia Stolyarchuk, deckt der Studiengang einen wichtigen Bedarf an anwendungsnah ausgebildeten Fachkräften. Er biete die Chance, diese frühzeitig zu gewinnen. «Quantencomputing ist derzeit noch ein sehr spezialisiertes Feld», erläutert die Expertin.Für den Einstieg in anwendungsnahe Tätigkeiten - etwa die Entwicklung von Quantensoftware - kann ein Bachelorabschluss laut Stolyarchuk ausreichen. Für hoch spezialisierte Aufgaben in Forschung und Entwicklung seien jedoch meist ein Masterabschluss oder eine Promotion notwendig.«Mathe ist schon schwer genug»Dass auch die Politik die Notwendigkeit sieht, macht das Tempo deutlich, in dem der Studiengang genehmigt wurde: 363 Tage habe es bis zur Zulassung gedauert, sagt Nenninger. «Uns hat keiner Steine in den Weg gelegt.»Noch sammelt die HKA Spenden, um einen Quantencomputer anzuschaffen. Der wird ab dem vierten Semester benötigt und soll mit Hilfe eines Diamanten arbeiten. Außerdem müssen vier neue Professorenstellen besetzt werden.30 Plätze gibt es zum Start im Wintersemester. Interessierte können sich bis 15. September bewerben. Der Studiengang ist nicht zulassungsbeschränkt. Und an der HKA können auch Berufskolleg-Absolventen studieren.Jana Pohl betont die freundliche Atmosphäre in kleinen Gruppen. Hier stelle sie lieber eine Frage als in einem großen Uni-Hörsaal.Studiert wird auf Deutsch. «Mathe ist schon schwer genug, das wollten wir den Studierenden nicht auch noch auf Englisch antun», sagt Nenninger. Nötig sei vor allem Offenheit für die Themen.Keine Angst vor Nerd-StempelPohl möchte sich der Herausforderung stellen. Sie spricht neben Deutsch, Englisch und Chinesisch zwei weitere Sprachen. Ansporn habe sie jahrelang auch im Leistungssport als Schwimmerin gehabt, berichtet sie.HKA-Rektorin Rose Marie Beck freut sich zudem darüber, dass sich mit Pohl eine Frau für das Quantencomputing-Studium entschieden hat. Damit gehört die Studentin nach wie vor zu einer Minderheit: Das Statistische Bundesamt zählte 2024/25 zwar mehr als eine Million Menschen, die ein sogenanntes MINT-Fach studieren, also eines aus dem Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Der Frauenanteil lag aber nur bei knapp 33 Prozent.Ähnlich sah es in Baden-Württemberg aus, wie aus Daten des Statistischen Landesamts hervorgeht. Zum Vergleich: Der Frauenanteil an allen Studierenden habe bei 50 Prozent gelegen. Zwar entschieden sich immer mehr Frauen für das Studium eines MINT-Fachs, hieß es. In Elektrotechnik und Informationstechnik sei ihr Anteil mit 16 Prozent aber deutlich unter dem Schnitt. Übrigens: Laut Nenninger liegen Frauen bei den Noten meist im oberen Drittel.Dass Pohl in eine Nerd-Ecke gestellt werden könnte, fürchtet die 20-Jährige nicht. Ob sie später in einer Firma arbeiten oder in der Forschung Fuß fassen will, ist noch offen. Ähnlich war es bei Jana Pohl früher beim Berufswunsch. Als sie den in Poesiealben eintragen sollte, stand da mal Tierärztin, mal Ärztin. «Das schwankte.» Quantencomputing-Pionierin allerdings stand da nie.
Diese Frau will Pionierarbeit am Quantencomputer leisten - WELT
Mathematikerin Ada Lovelace war im 19. Jahrhundert eine Pionierin im Programmieren. Beim Quantencomputing-Studium in Karlsruhe kann man in ihre Fußstapfen treten. Erste Einschreibung: von einer Frau.







