Nirmal Purja verschob in den Todeszonen der 8000er Grenzen – nun ist er auf dem Weg zum nächsten Rekord ums Leben gekommenDurch eine Netflix-Serie wurde Nirmal Purja berühmt. Eine Lawine am Broad Peak riss ihn und neun weitere Alpinisten in den Tod.Stephanie Geiger01.08.2026, 15.02 Uhr4 LeseminutenDer bekannte Bergsteiger Nirmal Purja ist laut Angaben seines Unternehmens bei einer Expedition in Pakistan ums Leben gekommen.Seven Simon / ImagoNirmal Purja ist sein Streben nach dem nächsten Rekord zum Verhängnis geworden. Die Besteigung des Broad Peak (8051 Meter) hatte er erst kurzfristig angestrebt, um zum insgesamt dritten Mal und zum zweiten Mal ohne Flaschensauerstoff die Reihe der Achttausender in diesem Jahr abzuschliessen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Donnerstagvormittag wurden Nimsdai, wie er sich selbst nannte und von anderen genannt werden wollte, und neun weitere Bergsteiger von insgesamt vier internationalen Expeditionen am Broad Peak in Pakistan von einer Lawine erfasst und mehrere hundert Höhenmeter in den Tod gerissen. Nach zwei Tagen des Hoffens und Bangens erklärte das von ihm mitgegründete Expeditionsunternehmen «Elite Exped» am Samstag, Nirmal Purja und die weiteren noch vermissten Bergsteiger seien tot. Bereits am Freitag waren die Leichen von zwei Bergsteigern und ein Körperteil eines weiteren gefunden worden.Nirmal Purja war nur durch Zufall zum Bergsteigen gekommen. Zwar wurde er 1983 am Fuss des Dhaulagiri, des mit 8167 Metern siebthöchsten Berges der Welt, geboren, aufgewachsen ist er aber im nepalesischen Tiefland. Die Achttausender interessierten ihn zunächst nicht. Stattdessen trat Purja, der zuletzt britischer Staatsbürger war, 2003 in die Gurkha-Brigade der britischen Armee ein und 2009 in den Special Boat Service, eine Spezialeinheit der Royal Navy.Eine einzigartige Karriere im HöhenbergsteigenWeil er von seinen Kollegen immer wieder nach dem Mount Everest (8848 Meter) gefragt wurde, machte er sich 2012 auf den Weg ins Basislager des höchsten Berges der Welt und stieg beim Rückweg auf den 6119 Meter hohen Lobuche East. Es war seine erste echte Bergerfahrung und der Startschuss für eine einzigartige Karriere im Höhenbergsteigen, die ihn 57-mal auf den Gipfel eines Achttausenders führte.Nach dem Lobuche East folgten bald schon der Dhaulagiri und der Mount Everest. Anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums der Gurkhas führte er 2017 eine Everest-Expedition an. Und dann hatte er eine verwegene Idee: Er wollte sämtliche 14 Achttausender in Rekordzeit besteigen. Wofür der Pole Jerzy Kukuczka und der Südkoreaner Kim Chang-ho sieben Jahre und elf Monate gebraucht hatten, wollte er sich maximal sieben Monate Zeit nehmen.Für sein «Project possible» quittierte Purja den Dienst bei der Royal Navy, nahm eine Hypothek auf sein Haus auf und hatte auf der Grundlage einer logistischen Meisterleistung Erfolg. Er benötigte allerdings auch politische Unterstützung, weil China ihm und den wechselnden Begleitern zunächst das Permit für die Shishapangma (8027 Meter) verwehrte.Allerdings nutzte er dafür den bei Bergpuristen verpönten Flaschensauerstoff. Begleitet von einem Filmteam, das Nirmal Purjas Weg auf sämtliche 14 Achttausender begleitete, kann man ihm im Streamingdienst Netflix auch heute noch bei der Umsetzung dieser schier unmöglichen Idee zusehen.Den Ritterschlag holte er sich im Januar 2021 am K2, dem mit 8611 Metern zweithöchsten Berg der Welt. Dort führte er ein 15-köpfiges nepalesisches Team an, dem die Wintererstbesteigung des letzten im Winter noch unbestiegenen Achttausenders gelang. Nirmal Purja soll sogar ohne Flaschensauerstoff aufgestiegen sein. In ihrer Heimat wurden die Nepali zu Nationalhelden. Nirmal Purja schien nichts und niemand aufhalten zu können.Er packte die Gelegenheit beim Schopf. Gemeinsam mit zwei weiteren Bergsteigern aus Nepal gründete er ein Expeditionsunternehmen und machte das Höhenbergsteigen zu seinem Beruf. Er war der Superstar des kommerziellen Höhenbergsteigens mit einer ganz besonderen Klientel. Bald schon wurde darüber gespottet, Nimsdai würde überwiegend gutaussehende Frauen mit Modelmassen auf seine Expeditionen mitnehmen.Daumen und kleinen Finger gestreckt, die restlichen Finger zu einer Faust geformt, signalisierte er der Welt: «Immer mit der Ruhe», «Bleib locker», «Alles gut». Der smarte Sonnyboy mit den oberkörperfreien Fotostrecken hatte auch eine andere Seite.Der Superstar hatte auch SchattenseitenMenschen, die enger mit ihm zu tun hatten, lernten einen knallharten Geschäftsmann kennen, einen, der sich vielleicht sogar nahm, was er wollte. Es gab entsprechende Gerüchte. Lotta Hintsa, eine finnische Bergsteigerin, beschrieb im Gespräch mit dieser Zeitung Nirmal Purjas übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen. Purja liess die Anschuldigungen von einem Anwalt zurückweisen.Auch in der Expeditionsbranche war man nicht gut auf ihn zu sprechen, weil er immer wieder Regeln brach, was dann zum Nachteil von allen anderen wurde, weil die Behörden Vorschriften noch strenger gestalteten. Auch am Berg wagte er mehr, als manchen lieb war. Als im Sommer 2019 die Expeditionen aus dem Basislager des K2 abreisten, weil ihnen die Verhältnisse im oberen Teil als zu heikel erschienen, stieg Purja auf. Die Bergsteiger erreichten den Gipfel. Und während die Corona-Epidemie die Welt in Atem hielt, feierte er Partys im Everest-Basislager.Als die Himalayan Times aufdeckte, dass drei Menschen starben, weil sein Expeditionsunternehmen Sauerstoffflaschen offenbar falsch gelagert hatte und er nicht für ausreichenden Schadenersatz aufkommen wollte, ging Nirmal Purja gegen die englischsprachige Zeitung vor. Der Presserat von Nepal setzte die Himalayan Times im März 2025 auf die schwarze Liste. Nach Protesten der Branche wurde die Entscheidung revidiert und wenige Wochen später aufgehoben.Wer sich bei jungen Männern in Nepal nach Nirmal Purja erkundigte, stellte schnell fest, dass Nimsdai das Idol einer ganzen Generation war. So sein wie er wollten viele. Träume haben und diese noch dazu umzusetzen, das imponierte ihnen. Die Vorwürfe kämen alle von Neidern, antworteten sie auf kritische Nachfragen.Nirmal Purja hatte noch viel vor. Mitte August wollte er zum Kilimandscharo reisen. «Grab the lifetime opportunity to climb Kilimanjaro with me. Can’t wait to see you whoo hoo», postete er auf Instagram. Und anschliessend sollte es für ihn zum Cho Oyu nach Tibet gehen. Dort hätte er seinen Rekord abschliessen wollen. Sein Lebenswerk wird unvollendet bleiben.Nirmal Purja hinterlässt seine Frau Suchi und eine Tochter.Passend zum Artikel
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