Die Krönung Franz II. zum römisch-deutschen Kaiser im Frankfurter Dom am 14. Juli 1792 war die letzte im Heiligen Römischen ReichQuelle: picture alliance/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk/Hoechle, Johann NepomukÜber mehr als 800 Jahre hinweg hatte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation Kriege, Seuchen und Revolutionen überlebt. Bis die Staatsräson seiner Mitglieder das sakrale Band zerriss. Im August 1806 legte Franz II. die Kaiserkrone nieder.Am 6. August 1806 verkündete ein kaiserlicher Herold den Bewohnern von Wien eine umstürzende Neuigkeit: „Wir Franz der Zweyte von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kaiser … erklären, daß Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des Deutschen Reiches gebunden hat, als gelöset ansehen … und die bis jetzt getragene Kaiser Krone ... niederlegen.“Mit diesen dürren Worten wurde das Heilige Römische Reich Deutscher Nation von einem Monarchen zu Grabe getragen, in dessen schier endloser Titelei das Selbstverständnis, „zu allen Zeiten Mehrer des Reiches zu sein“, noch einen prominenten Platz eingenommen hatte.Damit war das Alte Reich, wie es auch genannt wird, Geschichte. Mehr als 800 Jahre hatte es bestanden, hatte das Massensterben während der Pest, die Verwüstungen durch den Dreißigjährigen Krieg und welthistorische Revolutionen überlebt. Aber schließlich wurde ihm eine der Säulen, denen es so lange seine Existenz verdankt hatte, zum Verhängnis: der Anspruch, heilig zu sein. In einer Welt, in der säkulare Mächte die Herrschaft beanspruchten, war für ein Heiliges Reich kein Platz mehr.Generationen von Historikern haben es so gesehen und den 6. August 1806 als Endpunkt eines jahrhundertelangen Niedergangs gedeutet, vorangetrieben von einer Kleinstaaterei, die das Alte Reich zum Spielball seiner Nachbarn werden ließ. Aus dieser Perspektive erschien Brandenburg-Preußen als Retter, unter dessen Führung ein machtvoller Nationalstaat entstehen sollte. Diesem „Zweiten Reich“ aber waren samt seiner republikanischen Fortsetzung nur ganze 62 Jahre beschieden, dem „Dritten Reich“, das die Hybris der Macht in monströse Dimensionen trieb, sogar nur zwölf Jahre. So kam es, dass inzwischen dem Heiligen Römischen Reich eine neue Sendung zugedacht wird, als frühes Vorbild für eine europäische Staatenfamilie.Lesen Sie auchDiese erstaunliche Karriere reicht bis ins Frankenreich Karls des Großen zurück. Das (west)römische Kaiseramt, das dieser an Weihnachten 800 vom Papst in Rom erhielt, wurde 962 vom Sachsen Otto I. restituiert. Aus dessen ostfränkischem Reich entwickelte sich ein Imperium, das sich in der Tradition des Römischen Reiches der Antike verstand. Damit verbunden war die Aufgabe, die sich aus dem apokalyptischen Buch Daniel des Alten Testaments ergab. Lesen Sie auchDanach galt das Römische als letztes Weltreich vor dem Jüngsten Gericht; seinem Oberhaupt kam daher die heilsgeschichtliche Aufgabe zu, die (abendländische) Christenheit bis zu Christi Wiederkehr anzuleiten und zu beschützen, was ihn zum Kaiser über Könige erhob. In Abgrenzung zu deren Ländern wurde dieses Reich deutsch, weil die meisten seiner Untertanen sich eines deutschen Idioms bedienten.Dass sich diese Trias im offiziellen Namen erst Ende des 15. Jahrhunderts findet, hat viel mit dem Herrschaftssystem des Mittelalters zu tun. Darin war das Imperium kein Staat mit klar definierten Grenzen und Verwaltungen, sondern ein Verband von weltlichen und geistlichen Machthabern, in dem dem Römischen König (der in der Regel die Kaiserkrone trug) allenfalls ein Primat zukam.Zwar war es großen Familien wie den Ottonen, Saliern, Staufern und Luxemburgern zeitweilig gelungen, die Krone über mehrere Generationen zu tragen. Aber das Prinzip einer Erbfolge konnten sie nicht durchsetzen; das Reich blieb eine Wahlmonarchie, in der seit der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. von 1356 sieben Kurfürsten das Reichsoberhaupt bestimmten. Hinzu kamen Hunderte weitere Mitglieder, von großen Herzogtümern, Diözesen und Städten bis zu Ritterschaften und Marktflecken. Selbst Teile Italiens konnten sich auf ihre Teilhabe am Imperium berufen. Dass die Kaiser in dieser Gemengelage allerdings – im Gegensatz zu Frankreich oder England – nur über eine überschaubare Macht verfügten, steht auf einem anderen Blatt.Dass um 1500 die Karten neu gemischt wurden, hatte mehrere Gründe: Zum einen war die Kaiserkrone mit den Habsburgern in die Hände einer Familie gelangt, die mit Glück und Verstand die Umbrüche der Epoche nutzte, um ihre Macht zu mehren. Die großen Entdeckungen in Amerika und Asien schufen globale Handlungsräume, technische Erfindungen wie Buchdruck und Feuerwaffen die Mittel zu ihrer Durchdringung, und Handelshäuser wie Fugger und Welser stellten die Ressourcen dazu zur Verfügung. Damit konnten Fürsten darangehen, (Steuer-)Verwaltungen einzurichten, die die Aufstellung von Söldnerheeren ermöglichten, die nicht mehr von den Aufgeboten ihrer Lehnsleute abhängig waren und mit denen sich die Macht monopolisieren ließ.Als Gegengewicht zu diesen Territorialstaaten fanden kleinere Herrschaften zu Bündnissystemen zusammen, von denen die Republik der Niederlande und die Schweizer Eidgenossenschaft ein politisches Eigenleben entwickelten. Mit mehreren Reformen gelang es dem Habsburger Maximilian I., dem Reich ein Fundament für die anbrechende Neuzeit zu verschaffen. Auf dem Reichstag von Worms 1495 wurde ein „Ewiger Landfrieden“ beschlossen, der den gewaltsamen Konflikten zwischen Mitgliedern des Reiches ein Ende machen sollte.Als Forum für friedliche Lösungen entstand das Reichskammergericht (ab 1527 in Speyer, ab 1689 in Wetzlar). Die „Handhabung Friedens und Rechtens“ eröffnete den Weg zu einer regelmäßigen Einberufung der Reichstage (die im 17. Jahrhundert in den „immerwährenden“ Reichstag in Regensburg mündete). Zur zentralen Regierungs-, Lehens- und Justizbehörde wurde ab 1497 der Reichshofrat in Wien. Lesen Sie auchDass damit aber nicht der Weg in Richtung einer Zentralgewalt eingeschlagen wurde, bewies das Scheitern des Gemeinen Pfennigs, einer Reichssteuer, die dem Kaiser die Mittel gegen die Abwehr der Türken in die Hand geben sollte. Und eine Botschaft erschütterte das Fundament des Reiches: die Reformation. Die 95 Thesen Martin Luthers teilten das Reich in zwei Parteien, die von da an und oft bis aufs Blut über die Frage miteinander rangen, welche „Heiligkeit“ die richtige sei.Die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten wurden zu Frontlinien in sozialen und politischen Konflikten, im Bauernkrieg 1525/26 oder im Schmalkaldischen Krieg 1546/47, als Kaiser Karl V. meinte, Macht und Glauben mit Waffengewalt durchsetzen zu können. Dass sich ausgerechnet die protestantische Vormacht Sachsen anschließend an die Spitze eines Fürstenaufstandes setzte, zeigte, dass selbst der Herrscher über das spanische Weltreich daran scheiterte, die „Libertät“ der Reichsmitglieder zu brechen.Lesen Sie auchNach der Goldenen Bulle avancierte der Augsburger Religionsfrieden 1555 zwischen Katholiken und Lutheranern zum zweiten Grundgesetz des Reiches. Das dritte wurde der Westfälische Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Dessen Grauen, dem mehr als ein Drittel der etwa 20 Millionen Bewohner des Reiches zum Opfer fielen, erklärte sich zum einen aus dem schwelenden Konflikt zwischen den Konfessionen, zum anderen aus dem Ringen zwischen den Territorialherren und Ständen. Nicht von ungefähr entzündete sich der große Krieg am Aufstand des böhmischen Adels gegen die Habsburger.Dass am Ende die Verwüstung des Reiches stand, war das Ergebnis einer dritten, internationalen Frontlinie. An ihr kämpften Spanien und Frankreich, Habsburger und Bourbonen um die Hegemonie über Europa. Der Pakt zwischen dem katholischen Kardinal Richelieu und der protestantischen Vormacht Schweden machte deutlich, dass nicht mehr Fragen des Glaubens, sondern der Staatsräson die Politik bestimmten.Der Westfälische Frieden versuchte einen Kompromiss zwischen dem Machtstreben einzelner Reichsstände, die nun als eigenständige Akteure handeln durften, und dem Interesse der vielen kleinen und kleinsten weltlichen und geistlichen Herrschaften, ihre überkommenen Rechte im Reichsverband zu schützen. Nachdem die Niederlande und die Eidgenossenschaft ausgeschieden waren, sollte eine komplexe Architektur aus Regeln und Instanzen dafür sorgen, dass die mühsam erreichte Balance zwischen Katholiken und Protestanten erhalten blieb.Zwar fanden die Kaiser in den Kriegen gegen Ludwig XIV. von Frankreich und die Osmanen die Unterstützung von zahlreichen Reichsständen. Aber der Aufstieg von Brandenburg-Preußen, das wie Sachsen eine auswärtige Königskrone erwerben konnte, veränderte die Gewichte im Reich. Der Dualismus zwischen Habsburgern und Hohenzollern, der sich in mehreren Kriegen entlud, erodierte die Institutionen. Die Niederlage von Franzosen und Reichsarmee gegen Friedrich II. bei Roßbach 1757 machte nicht nur Goethe „fritzisch gesonnen“.Der Reichstag verlor seine Funktion als Forum des konfessionellen Ausgleichs und verkam zum Spielbrett der beiden Großmächte. Mit kuriosen Aspekten. Obwohl die Kurfürsten von Sachsen 1697 katholisch geworden waren, um die Krone Polens zu gewinnen, standen sie immer noch dem Corpus Evangelicorum im Reichstag vor, das die Parität der Konfessionen sichern sollte. Als Mittel der Blockade nutzte es jedoch Preußen, das sich zum Verteidiger protestantischer Interessen aufwarf. „Den einen stand der Reichsverband zunehmend im Weg, für die anderen war er geradezu existenznotwendig“, beschreibt die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger das Dilemma, an dem das Reich schließlich zerbrach. Den Schlussstrich zogen die Französische Revolution und Napoleon: die Revolution, indem sie einem säkularen Nationalstaat Bahn brach, gegenüber dem das Reich nur noch als „überlebtes Welttheater“ erschien, wie Goethe schon 1764 die Krönung Josephs II. in Frankfurt/Main schrieb.Halbherzig folgte das Reich Österreich und Preußen in den Krieg gegen Frankreich und landete mit ihnen auf der Seite der Verlierer. Die Folgen hatten zunächst die geistlichen Herrschaften zu tragen, die ihr revolutionäres Gegenbild drastisch als Anachronismus entlarvte. In den Verträgen, die Preußen 1795 und Österreich 1797 mit Frankreich schlossen, gaben die beiden Großmächte nicht nur linksrheinische Gebiete preis, sondern ließen sich östlich davon Entschädigungen in Aussicht stellen. Das war die Blaupause für den Frieden von Lunéville 1801, der den Rhein als Grenze festschrieb. Die Kompensationen dafür sollte eine außerordentliche „Reichsdeputation“ festlegen, für die großen weltlichen Fürstentümer, versteht sich, während die geistlichen als Dispositionsmasse aufgelöst wurden.Nachdem Napoleon Bonaparte 1804 den verfassungsmäßigen Weg zum Kaiser der Franzosen eingeschlagen hatte, proklamierte Kaiser Franz II. im August ein österreichisches Erbkaisertum. Im Übrigen wartete der „Mehrer des Reiches“ nur noch auf einen günstigen Augenblick, dessen Krone meistbietend zu verschachern. Die Niederlage von Austerlitz 1805 machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung. Bereits in diesem Dritten Koalitionskrieg hatten Bayern, Württemberg und Baden mit Napoleon paktiert, der ihnen die Erhebung zu Königreichen und Großherzogtum versprach. Am 1. August 1806 schlossen sie sich mit 13 weiteren Reichsmitgliedern dem zuvor gegründeten Rheinbund unter französischer Führung an. Ihren Austritt aus dem Reich begründeten sie damit, dass das „Band, welches bisher die verschiedenen Glieder des deutschen Staatskörpers miteinander vereinigen sollte … in der That schon aufgelöst sey“. Franz II. blieb nichts anderes übrig, als – von Napoleon bedrängt – sechs Tage später die Konsequenzen zu ziehen.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.