Ob aus meiner Wohnung zuletzt folgende Urschreie hinaus auf die Straße dröhnten? „I hob an Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackelkontakt!“ Ob das Kind dabei übers Sofa sprang, den Arm in einer Geschwindigkeit drehte, dass es so aussah, als kugelte es sich jeden Moment die Schulter aus? Ob Musik, die diesen Namen wirklich verdient, gänzlich aus dem Wohnzimmer verbannt wurde und die Vierjährige wirklich jedes Mal, wenn ich versuchte, das neue Album der Strokes anzuhören, „Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackelkontakt“ schrie? Ja, ja und ja.Mal davon abgesehen, dass „Wackelkontakt“ eigentlich kein Kinderlied ist, es seinen Weg auf unerklärlichen Spotify-Wegen dennoch zu uns fand: Selbst die Nachbarin von unten, die früher manchmal „Gutes Lied!“ auf Whatsapp schrieb, wenn man oben die ganz alten Nummern auspackte, hat sich schon lange nicht mehr gemeldet. Vielleicht hat sie das „Die Türen vom Bus gehen auf und zu“-Trauma nicht verarbeitet.Ich bin in eine neue Phase meines Lebens getreten, die ich „Ballermannisierung“ nennen möchte. Die Ballermannisierung meines bisher intakten Musikgeschmacks, die Ballermannisierung meiner Seele. Wann das anfing, dass Kinderlieder zunehmend wie Après-Ski-Hits klangen? Absolut keine Ahnung, zu jener Zeit muss ich noch die Strokes gehört haben.Seitdem meine Tochter weiß, wie man Spotify auf dem Handy bedient, hat mein Algorithmus viel Kontakt mit Simone Sommerland, Volker Rosin und den „Wackelkontakt“-Interpreten. Was ihn doch zunehmend durcheinander bringt.Und so kommt es, dass ich noch im Mai „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski vor mich hinsumme, was absolut im Rahmen ist und musikalisch gar nicht so weit weg von der eigenen Kindheit. Im Juni dann in unbeobachteten Momenten wochenlang das Fliegerlied „So ein schöner Tag“ singe. Was wohl mehr über meinen inneren Zustand aussagt, als jede Google-Suchhistorie es je könnte. Und jetzt, im tiefsten Juli, nachdem ich neulich auf einem herzzerreißenden Kita-Fest mit viel Musikprogramm war, einen sehr nachhaltigen Ohrwurm habe, der jede Art von Weltschmerz negiert: „Wir haben oben gute Laune, unten gute Laune, vorne gute Laune, hinten gute Laune.“Ja, ich habe seit Wochen so gute Laune, dass meine Tochter mich neulich mit der natürlichen Autorität eines Kindergartenkindes dazu aufforderte, dieses Lied nicht mehr zu singen. Ich finde, sie helikoptert.Ganz laissez-faire, wie man in der Ballermannphase der mittleren Jahre nun mal wird, saß ich also an einem Freitagabend auf dem Kita-Fest in einem verdunkelten Saal. Ich sah den Kindern dabei zu, wie sie tanzten und bunte Ballons schwenkten. Und als ich kurz davor war, aus Rührung mitzutanzen, lief „Heal the World“ von Michael Jackson, der Soundtrack meiner Kindheit. Und bevor irgendwer laut die Frage stellen konnte, ob dieses Lied eigentlich noch zeitgemäß ... da liefen sie, die Tränen.In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.
Endlich Ballermann
Da sich Kinderlieder heute wie Partyschlager anhören, ist unsere Kolumnistin in eine neue Lebensphase eingetreten.








