Der britische Energiekonzern BP will sich nach mehr als sechs Jahrzehnten aus der Öl- und Gasförderung in der Nordsee zurückziehen und stellt seine dortigen Aktivitäten zum Verkauf. Vorstandschefin Meg O’Neill begründete die Entscheidung mit der Notwendigkeit einer „disziplinierten“ Kapitalallokation. BP sieht offenbar höhere Gewinnmöglichkeiten mit Investitionen anderswo. „Wir glauben, dass unser Nordsee-Geschäft besser positioniert sein wird als Teil eines anderen Unternehmens“, sagte O’Neill, die vor vier Monaten die Führung von BP übernommen hat.Der in London ansässige Konzern – früher British Petroleum genannt – hat eine lange Geschichte in der Nordsee. 1964 erhielt BP seine erste Bohr- und Förderlizenz in der Nordsee. Im Winter 1965 begann die Erschließung des West-Sole-Gasfelds, gefolgt von der größten Entdeckung in diesem Gebiet, dem riesigen Forties-Feld, im Jahr 1970. Dieses Feld verkaufte BP im Jahr 2003 an den amerikanischen Wettbewerber Apache.Nun geht für BP das Kapitel Nordsee offenbar komplett zu Ende. Gegenwärtig beschäftigt BP in der Nordsee-Fördergesellschaft noch 1100 Mitarbeiter und fördert knapp 100.000 Barrel Erdöl und Erdgas am Tag – weniger als ein Zwanzigstel der Gesamtfördermenge von BP. Allerdings scheiterten vor Kurzem Gespräche mit dem britischen Förderkonzern Ithaca Energy über einen Verkauf für annähernd 2,0 Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro).Mit der britischen Ölförderung geht es bergabDie Öl- und Gasförderung in der britischen Nordsee erreichte um die Jahrtausendwende ihren Höhepunkt und ist seither stark, um fast zwei Drittel, zurückgegangen. Ältere Felder sind weitgehend erschöpft, es kamen nur wenige neuere Felder hinzu. In jüngerer Zeit halten sich Unternehmen mit Investitionen sehr stark zurück. Das liegt auch an der Sondergewinnsteuer („Windfall Tax“), die nach dem Energiepreisschock 2022 infolge des russischen Kriegs in der Ukraine eingeführt wurde. Zusammen mit anderen Steuern schöpft der Staat nun 78 Prozent der Gewinne auf Nordsee-Öl und -Gas ab.Das hat dazu beigetragen, dass multinationale Unternehmen wie BP, Chevron, CNOOC, Shell, Exxon Mobil und Apache ihre Nordsee-Portfolios verkleinern oder ganz verkaufen wollen. Auch die britischen Unternehmen Ithaca, Adura, Neo Next sowie Harbour Energy, einer der größten Nordsee-Förderer, erwägen, mehr im Ausland zu investieren. Nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft Cavendish investierten die Briten in den vergangenen Jahren dreimal so viel in internationale Übernahmen wie in heimische Geschäfte. Fast 19 Milliarden Dollar steckten sie in die globale Expansion, nur sechs Milliarden Dollar in Nordsee-Investitionen.Die britische Ölindustrie mit ihrem Zentrum im schottischen Aberdeen blickt besorgt in die Zukunft. Klimaschutzgruppen und Teile der Labour-Partei, besonders der frühere Energie- und Klimaminister Ed Miliband, wollen die Ölförderung am liebsten ganz stoppen. Dagegen sorgen sich Gewerkschaften und die lokale Bevölkerung und Wirtschaft um Arbeitsplätze. Russell Borthwick, Geschäftsführer der Handelskammer von Aberdeen und Grampian, bezeichnete BPs Entscheidung zum Rückzug als „Schlüsselmoment“. Die Ressourcen in der Nordsee seien nach wie vor einer der größten strategischen Vorteile Großbritanniens. Er forderte die neue Regierung von Premierminister Andy Burnham auf, die derzeitige Steuerregelung zu überdenken.Die 78-Prozent-Steuer soll noch bis 2030 erhoben werden. Gestritten wird auch um die Frage, ob die Regierung für die beiden großen schottischen Öl- und Gasfelder Rosebank und Jackdaw grünes Licht geben soll. Burnham hat angekündigt, er wolle mit dem Thema Nordsee-Öl „pragmatisch“ umgehen.