Berlin. Sophie Schütze arbeitet seit mehr als sieben Jahren in ihrem Job, und sie ärgert sich, aber sie ärgert sich fast immer leise. Doch nun möchte sie reden. Reden über fehlende Anerkennung, wie das ihre Begeisterung für die Arbeit hemmt und dass sie deshalb schon kurz vor der Kündigung stand.Schützes Arbeitsalltag bei einer Behörde ist von ruhiger Geschäftigkeit geprägt. Sie ordnet, priorisiert, erstellt Termine, führt Telefonate, prüft die Vollständigkeit von Akten und organisiert fehlende Unterlagen. „Ich habe den Anspruch an mich selbst, dass die Arbeit qualitativ hochwertig ist und fristgerecht erledigt wird“, sagt Schütze.„Ich weiß, dass ich gute Arbeit mache“, sagt sie. Das vor anderen auch zu vertreten, traut sie sich allerdings nicht. Ihre persönliche Leistung, sagt Schütze, die weder ihren richtigen Namen noch den ihres Arbeitgebers veröffentlicht sehen möchte, werde deshalb kaum gesehen. „Meine Leistung wird zwar genutzt, aber die Anerkennung dafür bekommt jemand über mir.“Introvertierte Mitarbeiter: Ist lauter werden der richtige Weg?Mal auf den Tisch hauen und Wertschätzung einfordern? Das tut Schütze lieber nicht. Einerseits, weil dann doch die Selbstzweifel kommen, ob ihre Arbeit wirklich so gut ist, dass sie Lob verdient hat. Andererseits, weil sie als „kleines Rad im Getriebe“ gar keinen Zugang zu den Stellen hat, an denen es sich lohnen würde, auf den Tisch zu hauen. Sie ist hierarchiebedingt unsichtbar.Während andere auf Netzwerkevents oder in Brainstorming-Runden laut mit ihren Ideen vorpreschen, arbeiten deutschlandweit unzählige Introvertierte wie Schütze lieber still für sich allein – und gehen dadurch oft unter. Denn: Wer gesehen werden will, muss sich gut vermarkten. Das predigen nicht nur zahllose Karriereratgeber. Auch in Unternehmen, das zeigen diverse Studien, steigen eher diejenigen auf, die energisch, gesellig oder dominant sind.Introvertierten wird deswegen oft geraten, lauter zu sein, mehr aus sich herauszugehen oder sogar die Ellenbogen auszufahren. Aber ist das der richtige Weg? Braucht es wirklich noch mehr laute Menschen in der Arbeitswelt?Chefs müssen Introvertierte besser kennenlernenDie Coachin Katja Schwalbach ist da skeptisch. Nachdem sie selbst jahrelang in ihrem Job oft übersehen wurde, berät sie heute „Quiet Potentials“, also stille Leistungsträger, wie sie sich in der Arbeitswelt besser zurechtfinden – aber auch Führungskräfte, wie sie leise und fähige Mitarbeiter besser fördern können.Sie sieht ein strukturelles Problem: „Unsere Wirtschaft bevorzugt diejenigen, die sich gut präsentieren können.“ Und übersieht dadurch oft diejenigen, die still und fleißig ihre Arbeit machen. Das sollte sich ändern, findet Schwalbach. Die Verantwortung liege hier auch bei den Führungskräften. Diese müssten zunächst verstehen, wie stille Schaffer funktionieren.„Introvertierte erzeugen Energie, indem sie nach innen gehen, indem sie sich zurückziehen.“ Bei stiller Arbeit ganz für sich könnten sie sich richtig konzentrieren und dabei auch ihre Batterien wieder aufladen. „Sie arbeiten dadurch oft akribisch und detailgetreu.“Gespräche und Meetings hingegen kosteten Energie. Introvertierte finden deshalb im Alltag Taktiken, die von Kolleginnen und Kollegen schnell als unsozial empfunden werden können: Etwa punktgenau in Besprechungen zu gehen, um den Smalltalk davor zu vermeiden.
Unternehmen: Warum stille Mitarbeiter oft unterschätzt werden
Oft sind laute Mitarbeiter erfolgreich. Doch es sind die Stillen, die eine Firma am Laufen halten. Wie Unternehmen stille Talente fördern können.








