Es gibt merkwürdige Vorstellungen vom Amt des öffentlichen Intellektuellen (ö.I.). Alleine schon der Amtsbegriff in diesem Zusammenhang! Der einzige Vorteil, die Figur des öffentlichen Intellektuellen amtlich verstehen zu wollen, ist das Offenlassen der Geschlechterfrage: im Amtsverständnis von öffentlicher Intellektualität haben theoretisch alle Geschlechter Platz. Die ö.I.-Stellen sind freilich knapp, und wer beim Gerangel leer ausgeht, kann nur versuchen, als Freelancer des Geistes weiter vorzudenken, denn Denken heißt im denkerischen Amtsverständnis – nein: nicht nachdenken, sondern vordenken.Entsprechend kündigt die Wochenzeitung „Zeit“ auf ihrer Titelseite nicht etwa „Die Neuen Nachdenklichen“ an, sondern mit geschlechtsspezifischer Pointe „Die neuen Vordenkerinnen“. Die Überschrift wird im nachfolgenden Satz erklärt: „Nach dem Abschied von großen Welterklärern wie Jürgen Habermas drängen jetzt intellektuelle Frauen nach vorn.“ Ach so funktioniert öffentliche Intellektualität, denkt man sich, nämlich nach dem Modell des inhabergeführten Betriebs, mit kurzen Entscheidungswegen und starker Kundennähe, wo der Alte erst herausgedrängelt werden oder sterben muss, damit die Nachfolgerinnen übernehmen können. Stand der Mann Habermas also den Frauen im Weg, der erst seit März diesen Jahres, seinem Sterbemonat, für Vordenkerinnen frei geworden ist? Als sei Vordenken nur im Singular zu haben?Frauen mit eigenem intellektuellen GewichtDie in der Zeit beispielhaft vorgestellten vier Vordenkerinnen sind jede für sich von eigenem intellektuellem Gewicht, dergestalt, dass sie sich nicht als Nachfolgerinnen von Habermas inszenieren und klein machen lassen müssen: weder die Historikerinnen Ute Frevert und Carlotta Voss, noch die Philosophin Svenja Flassspöhler oder die Kulturwissenschaftlerin Alaida Assmann. Die marketinghaft beförderte Suggestion, diese vier Frauen hätten bislang nur im Schatten des übergroßen Habermas gestanden und würden „jetzt“ („Die Zeit“) nach vorn drängen, ist lachhaft. Und unfreiwillig mannhaft: als gewönnen die Frauen tatsächlich erst vor der Habermas-Folie publizistische Statur.Man lese als Dementi dazu, was die vier Autorinnen selbst in der „Zeit“ schreiben. Flaßpöhler etwa stellt für die Philosophie in Deutschland fest, dass sie „längst anders“ aussehe als im herkömmlichen Sinne männerdominiert, „nämlich deutlich weiblicher“ und fügt eine Liste „exzellenter Denkerinnen“ an. Ein Tenor, der sich neben Vorbehalten gegen fortbestehende männliche Dominanz auch in den anderen drei Artikeln findet. Die Debatte ist eröffnet: Muss Svenja Flaßpöhler im öffentlichen Denkraum erst abtreten, damit männliche Drängler wie Richard David Precht und Hartmut Rosa endlich vordenken können?
"Zeit" zu Vordenkerinnen: Hat Habermas etwa die Frauen blockiert?
Die Wochenzeitung „Zeit“ meint, nach Habermas' Tod werde der Weg nun frei für weibliche Vordenker. Doch funktioniert öffentliche Intellektualität wirklich wie ein inhabergeführter Betrieb?






