Auf den ersten Blick sieht es wie optimales Timing aus, dass das Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) am Mittwoch eine aktuelle Stadtklimaanalyse in den Münchner Stadtrat eingebracht hat: Zeitgleich schwappte da die nächste Hitzewelle in die Stadt. Empfehlungen, wie sich München am besten gegen die Auswirkungen des Klimawandels wappnen könnte, sind also akut gefragt. Es ist aber nur Zufall, dass die Klimaanalyse gerade jetzt präsentiert wurde: Sie war schon länger in Arbeit und ist auch bloß die Fortschreibung dessen, was dem Stadtrat bereits 2014 erstmals vorgelegt worden ist.Die aktualisierte Stadtklimaanalyse soll nun als wissenschaftliche Grundlage dienen für alle weiteren Maßnahmen zur Klimaanpassung, mit denen die bayerische Landeshauptstadt ihre Hitzeresilienz in den nächsten Jahren und Jahrzehnten stärken will. Neu ist dabei vor allem die sogenannte „Planungshinweiskarte“, die als zentrales Element für die künftige Stadt- und Bauplanung gedacht ist. Dem Antrag von Klima- und Umweltreferentin Christine Kugler folgend werden betroffene Fachreferate der Stadt – in erster Linie Stadtplanung und Bauordnung – von sofort an gebeten, die Ergebnisse der Analyse künftig zu berücksichtigen, in sämtlichen Bauleit-, Flächennutzungs- oder Stadtentwicklungsplänen.Stadtklimaanalyse München 2025 Stadt MünchenAlles schön und gut, aber nicht genug, findet ÖDP-Stadtrat Tobias Ruff. Statt der unverbindlichen Formulierung, dass die Referate „gebeten“ werden, mit den neuen Erkenntnissen zu arbeiten, hätte er lieber in den Beschluss geschrieben, dass sie „aufgefordert“ werden. Allerdings unterstützten die anderen Stadtratsfraktionen seinen Änderungsvorschlag nicht. Bedauerlich sei das, denn „das ist eine extrem unterwürfige Position, die da eingenommen wird vom RKU“, findet Ruff. Er fürchtet, dass sich unter diesen Voraussetzungen die Belange des Klimaschutzes kaum gegen die Interessen anderer Referate durchsetzen lassen.Dabei hält der diplomierte Forstingenieur und Gewässerökologe die mit großem Aufwand und auf Grundlage einer breiten Datenbasis erstellte Studie im Grunde für ein hilfreiches Instrument, um bei Bauvorhaben von Anfang an die möglichen Szenarien des Klimawandels zu bedenken.Auf der Planungshinweiskarte ist jedenfalls leicht zu erkennen, wo dringender Handlungsbedarf herrscht und wo besonders schutzwürdige Grünflächen liegen: Je dunkler das Grün, desto wichtiger ist der Ort für die Abkühlung der Stadt; je dunkler das Rot, desto notwendiger ist eine Verbesserung der klimatischen Situation.Wärmebilder in der Innenstadt:Wie München glüht – und jeder Grashalm hilftEine Tour mit der Wärmebildkamera zeigt, wie sehr sich die Innenstadt aufheizt. Wie groß ist da der Kühleffekt von Bäumen, Grünflächen oder Brunnen?Die Theresienwiese etwa ist auf der Karte unschwer als Hotspot zu erkennen – als dunkelster der vielen dunkelroten Flecken in der Innenstadt. Der Boden ist dort weitgehend versiegelt, es gibt keine Bäume, die Schutz vor Sonne bieten – bei hohen Temperaturen wird die Hitze tagsüber gespeichert und abends in die umliegenden Wohngebiete abgestrahlt. Die „nächtliche Überwärmung“, die dadurch entsteht, sorgt für schlechten Schlaf und wirkt sich mithin auf die Lebensqualität aus.Während sich die Stadt in der Fußgängerzone aktuell mit mobilen Bäumchen in runden Kübeln als Schattenspender behilft, um den Aufenthalt dort etwas angenehmer zu machen, ist nicht damit zu rechnen, dass auf der Theresienwiese Bäume gepflanzt werden, um das Stadtklima zu verbessern – die Brachfläche wird für das Oktoberfest gebraucht. An diesem Beispiel sieht man, wie verschiedene Interessen gegeneinander abgewogen werden müssen. Die Planungshinweiskarte könnte da eine Handreichung sein, wo klimatische Aspekte Priorität genießen sollten.Es sind auch die Frischluftschneisen eingezeichnet, „Kaltluftleitbahnen“, wie sie im Fachjargon heißen. Gerade bei zunehmenden Temperaturen ist kühlende Luft aus den Alpen unverzichtbar. Da wäre dann ein Blick auf die Planungshinweiskarte hilfreich, damit niemand auf die Idee kommt, diese Schneisen zu verbauen.Eingezeichnet sind die Kaltluftleitbahnen mit dicken blauen Pfeilen – sie weisen vor allem aus südlicher und westlicher Richtung in die Stadt hinein: durchs Isartal, die Parkstadt Solln, den Waldfriedhof, die Blumenau, den Pasinger Stadtpark, die Aubinger Lohe. Im Osten kommt frische Luft vor allem über die Gartenstadt Trudering herein oder den Riemer Park.Mit sich kreuzenden Pfeilen sind Parks und Grünflächen markiert, die durch Temperatur- und Druckunterschiede in der Lage sind, kühlere Luft in überhitzte Wohngebiete strömen zu lassen. Diese Flächen sind im Hinblick auf das Stadtklima ebenfalls besonders schützenswert. Was man auf der Karte noch erkennen kann: Naturschutzgebiete und bereits ausgewiesene Bauflächen, geschlossene Baumbestände, Bahngleise.Nun müssten sich die Mitarbeitenden in den diversen Referaten nur noch die Mühe machen und die Stadtklimaanalyse tatsächlich zurate ziehen, wenn es künftig ans Planen, Bauen und Stadtentwickeln geht. Dass Anpassungsmaßnahmen an die Klimaentwicklung dringend nötig sind, spüren die Münchnerinnen und Münchner ja gerade jeden Tag.