Erneute Orca-Angriffe auf Jachten vor der Iberischen HalbinselEntlang der iberisch-portugiesischen Atlantikküste haben Orcas erneut Segelboote angegriffen und dabei teilweise schwere Schäden verursacht.Walter Rüegsegger30.07.2026, 16.22 Uhr3 LeseminutenDie wissenschaftliche Erklärung für das Verhalten der Orcas steht noch aus. Im Bild: Eine Gruppe von Orcas im Ozean in den Kenai-Fjorden bei Alaska.Annalise Kaylor / ImagoEntlang der iberisch-portugiesischen Atlantikküste haben Orcas erneut Segelboote angegriffen. Innerhalb eines Tages wurden vier Zwischenfälle gemeldet. Die sogenannten Interaktionen ereigneten sich am 23. Juli. Besonders schwer wurde die Jacht «Idem» getroffen, die nach einem Angriff auf die Ruderanlage rund 1,3 Seemeilen vor dem Kap Estaca de Bares manövrierunfähig wurde. Die Besatzung musste von einem Motorboot gerettet werden; die Jacht sank infolge eines Wassereinbruchs.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Drei weitere Segelboote wurden am selben Tag angegriffen. Während zwei ihre Fahrt fortsetzen konnten, musste das dritte Boot abgeschleppt werden. Laut dem portugiesischen Portal «orcas.pt», das die Vorfälle registriert, kam es auch am Folgetag zu weiteren Interaktionen. Die Website berichtete von einer Orca-Gruppe, die bereits einen Monat zuvor in der Nähe von Galicien gesichtet worden war.Eine Serie von Vorfällen seit 2020Das Phänomen ist nicht neu. Im Sommer 2020 wurden erste Angriffe von Schwertwalen in der Strasse von Gibraltar registriert. Charakteristisch ist, dass die Tiere vornehmlich den Heckbereich und die Ruder der Boote attackieren. Die Vorfälle lösten unter Seglern grosse Beunruhigung aus. Das spanische Verkehrsministerium reagierte damals mit einer temporären Sperrung des betroffenen Seegebiets an der Costa de la Luz.Im Jahr 2020 wurden 52 Interaktionen gemeldet. In den Folgejahren stieg die Zahl der Angriffe entlang der gesamten Westküste der Iberischen Halbinsel deutlich an. In Medien und sozialen Netzwerken war von der «Orca-Gang» oder den «Iberian Orcas» die Rede.Inzwischen wird das Thema seltener in den grossen Schlagzeilen, aber weiterhin in Fachzeitschriften und Segelforen behandelt. Die britische Cruising Association (CA) sammelt systematisch Erfahrungsberichte und kooperiert mit der Forschungsgruppe Grupo de Trabajo Orca Atlántica (GTOA) sowie mit spanischen und portugiesischen Behörden. Im deutschsprachigen Raum berichtet die Plattform Segelreporter regelmässig darüber.Eine Gruppe Orcas neben einem Segelboot in der Nähe von Langley, Washington. Die Tiere greifen immer wieder Jachten an.Lindsey Wasson / APIn den Foren wird intensiv über das richtige Verhalten bei einem Angriff diskutiert. Die GTOA und die CA empfehlen, den Motor auszuschalten, die Segel zu bergen und das Ruder frei laufen zu lassen, um das Boot für die Tiere uninteressant zu machen. Die spanischen Behörden raten hingegen, unter Motor zügig in flacheres Wasser zu fahren. Ein Patentrezept zur Vermeidung der Interaktionen gibt es laut der CA nicht. Es wird empfohlen, küstennah im flachen Wasser oder in den Verkehrstrennungsgebieten der Grossschifffahrt zu segeln.Wissenschaftliche Theorien zum Verhalten der OrcasDie Angst und die Unsicherheit unter den Crews sind weiterhin gross. Dies führte in der Vergangenheit zur Diskussion über rabiate und teilweise illegale Abwehrmassnahmen wie den Einsatz von Schusswaffen oder Sprengstoff.Die wissenschaftliche Erklärung für das Verhalten der Orcas steht noch aus. Es wird vermutet, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Eine verbreitete Theorie besagt, dass einige Tiere mit den Angriffen auf Ruder begonnen haben und dass dieses Verhalten durch soziales Lernen von anderen Orcas übernommen wurde. Russell Leaper, ein Walexperte des International Fund for Animal Welfare (IFAW), erklärte, dass Schwertwale sehr gut darin seien, neue Verhaltensweisen zu erlernen und diese innerhalb ihrer Gruppe weiterzugeben.Für mediales Aufsehen sorgte die Hypothese, das Orca-Weibchen «White Gladis» habe nach einer traumatischen Kollision mit einem Schiff begonnen, Segelboote anzugreifen. Forscher halten es für wahrscheinlich, dass die Interaktionen von diesem Tier oder seinem nahen Umfeld ausgingen. Ein eindeutiger wissenschaftlicher Nachweis dafür fehlt jedoch. Auch Neugier oder die Verteidigung des Reviers werden als mögliche Ursachen diskutiert.Obwohl mittlerweile über 700 Interaktionen dokumentiert sind, gab es bisher keine bestätigten Todesfälle oder direkten Verletzungen von Menschen. Mindestens acht Segeljachten sind jedoch infolge der Angriffe gesunken. Nach heutigem Kenntnisstand greifen die als äusserst intelligent geltenden Meeressäuger Menschen nicht gezielt an.Das Phänomen übt dennoch eine gewisse Faszination aus. Vielleicht erinnern die Orcas mit ihren Interaktionen daran, dass der Ozean den Meeresbewohnern gehört – und nicht den Menschen.
Orca-Angriffe auf Jachten: Vorfälle häufen sich vor Iberischer Halbinsel
Entlang der iberisch-portugiesischen Atlantikküste haben Orcas erneut Segelboote angegriffen und dabei teilweise schwere Schäden verursacht.






