Ein Bündnis der Mittelmächte schafft noch lange keine WeltordnungDer kanadische Premierminister Mark Carney forderte zu Beginn des Jahres eine Abkehr von den USA. Doch die amerikanische Weltmacht lässt sich nicht so einfach ersetzen.Ulrich Speck31.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer kanadische Premierminister Mark Carney hat im März seinen indischen Amtskollegen Narendra Modi getroffen, um für eine engere Partnerschaft zu werben.Adnan Abidi / ReutersSeit Donald Trump wieder Präsident ist, grübeln Amerikas Verbündete darüber, wie mit ihm umzugehen ist: Seine Forderungen erfüllen und stillhalten, wenn eine seiner verbalen Attacken kommt? Still und leise gegensteuern, wenn man zum Objekt seines Zorns wird? Oder laut widersprechen und dagegenhalten?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Alternative wäre, Trumps Politik einfach als vorübergehendes Gewitter eines Ex-TV-Showmasters zu sehen, sie weitgehend zu ignorieren und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, was man für die eigenen Interessen für notwendig hält.Der kanadische Premierminister Mark Carney hat im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine weitere Idee lanciert: ein Bündnis der Mittelmächte. Wenn die USA einem bloss Probleme bereiten, warum sich nicht von ihnen lösen und sich mit anderen Gleichgesinnten zusammentun? Das würde Trump ins Leere laufen lassen.Carneys Mittelmacht-KonzeptDie heutige Welt, sagte Carney in seiner vielbeachteten Rede in Davos, sei durch die schrankenlose Geopolitik der grossen Mächte charakterisiert. Die regelbasierte Ordnung befinde sich im Niedergang. Als Reaktion darauf würden immer mehr Länder versuchen, sich abzuschotten und strategische Autonomie zu erlangen: bei Energie, kritischen Mineralien, im Finanzbereich. Doch dieser Weg führe in die Isolierung und Selbstschwächung.Carney schlägt vor, neue Bündnisse jenseits der Grossmächte aufzubauen: «Es geht darum, funktionierende Koalitionen zu schmieden – von Thema zu Thema, mit Partnern, die genügend Gemeinsamkeiten für ein gemeinsames Handeln aufweisen.» Die Grossmächte könnten es sich leisten, alleine zu agieren. Mittelmächte könnten dies nicht. Sie müssten sich verbinden, um einen «dritten Weg» zu gehen, bei dem sie ihre Macht kombinieren.Seither wird das Pro und Contra einer solchen Strategie kontrovers diskutiert. Jüngst hat sich der Chefstratege des Pentagons, Elbridge Colby, auf der Plattform X dazu zu Wort gemeldet. Im amerikanischen Verteidigungsministerium glaube man nicht, dass eine solche Mittelmacht-Strategie realistisch sei. Die Sorge sei, dass einige Alliierte und Partner sich Illusionen hingäben, einem solchen Kurs folgten und wertvolle Ressourcen verschwendeten: Zeit, Geld und politisches Kapital. Mittelmächte, schrieb Colby, hätten «keine kohärente Basis», auf der sie sich zusammenschliessen könnten.Zudem nehme Washington ein wachsendes Interesse der Mittelmächte an einer Vertiefung der Beziehungen zu den USA wahr. Gerade weil die Verbündeten angesichts des Verhaltens von Präsident Trump Amerikas Unterstützung nicht mehr als selbstverständlich ansehen könnten, würden sie sich verstärkt um die amerikanische Militärpräsenz bemühen.In Europa stiess die Mittelmacht-Strategie von Kanadas Premierminister Carney jedoch auf Zustimmung. So schreibt beispielsweise Guillaume Duval vom Jacques-Delors-Institut, eine solche Allianz der Mittelmächte könnte zum einen entwickelte Länder umfassen, «die sich weigern, sich Donald Trump anzuschliessen – im Grunde die G-7 ohne die Vereinigten Staaten». Und zum anderen die vielen Länder des «globalen Südens, die weder Vasallen von Xi Jinpings China (verbündet mit Russland und Iran) noch solche von Donald Trumps Vereinigten Staaten sein wollen».Der kanadische Premierminister Mark Carney hielt dieses Jahr in Davos eine vielbeachtete Rede. Er stellte eine Strategie für die Mittelmächte vor.Denis Balibouse / ReutersDistanz in AsienEnde Februar bis Anfang März reiste der kanadische Premierminister nach Indien, Australien und Japan, um seinen Mittelmacht-Ansatz in der Praxis zu erproben. Das Ergebnis, schreibt die kanadische Aussenpolitikexpertin Vina Nadjibulla, sei ernüchternd. Die Gespräche zeigten, dass «Kanadas indopazifische Partner das Narrativ eines Bruches mit den Vereinigten Staaten nicht teilen».In den Augen der Länder der Region gehe es nicht darum, die USA zu ersetzen, sondern sich gegen Unsicherheit abzusichern und zugleich eine starke amerikanische Präsenz im Indopazifik zu bewahren. Für Länder wie Japan und Australien sei das amerikanische Engagement angesichts der wachsenden militärischen und wirtschaftlichen Macht Chinas essenziell.In eine ähnliche Richtung geht eine aktuelle Analyse von Garima Mohan und Tara Varma über die Partnerschaft zwischen Frankreich und Indien – eine typische Mittelmacht-Koalition. Paris sei überrascht gewesen, dass Indien sich Frankreich nicht stärker zugewandt habe, nachdem sich die Beziehung zu den USA verschlechtert habe. Doch für Indien sei klar, schrieben die Analysten vergangene Woche, dass europäische Partner die USA nicht ersetzen könnten.Die USA bleiben unersetzlichDie Realität ist, dass die USA ihren Alliierten und Partnern auch weiterhin weitaus mehr bieten, als es selbst die Summe der gleichgesinnten Mittelmächte könnte: ihre einzigartige militärische Stärke, die Russland und China abschrecken kann; technologische Führung, von der Verbündete vielfach profitieren können; einen grossen und weiter wachsenden wirtschaftlichen Markt und auch weiterhin, wenn auch mit Abstrichen, die Rolle einer Weltordnungsmacht.Hinzu kommt, dass die regionalen Interessen der mit den USA verbündeten mittleren Mächte unterschiedlich sind. Ein zentraler Faktor ist, wie bedroht sich Länder von Russland oder China fühlen. Je höher diese wahrgenommene Bedrohung, umso wichtiger ist die Allianz mit der militärischen Supermacht Amerika – und umso grösser erscheint die Toleranz gegenüber Extravaganzen und Fehlern der westlichen Führungsmacht.Der Konsens heute lautet: Zusammenarbeit der Mittelmächte ist gut und wichtig. Sie kann Optionen erweitern und die Mittelmächte stärken. Doch die Partnerschaften untereinander haben enge Grenzen. Sie können die Rolle der USA nicht ersetzen. So bleiben für die meisten Mittelmächte die USA auch weiterhin der wichtigste Partner – trotz Trump.Passend zum Artikel