Wenn der beste Freund plötzlich der Bruder ist: die Geschichte von Andrea Urmston und Dave GreenSie begegnen sich am Flughafen, werden Freunde – und finden eines Tages heraus, dass sie mehr sind als das. Der Internationale Tag der Freundschaft am 30. Juli eignet sich hervorragend, um die unglaubliche Geschichte der Geschwister Dave Green und Andrea Urmston zu erzählen.30.07.2026, 16.00 Uhr3 LeseminutenFreunde, die sich als leibliche Geschwister entpuppten: Andrea Urmston und Dave Green.BBCEs gibt Orte, die gar keine sind. «Unort» nannte der französische Anthropologe Marc Augé im Jahr 1992 sein Buch, worin er Räume beschrieb, die auf Funktionalität, Anonymität und Durchgang ausgelegt sind. Ein Flughafen ist so ein Unort. Ein hektischer Transitraum ohne Gesicht. Ein Kommen und Gehen, Tag und Nacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dave Green und Andrea Urmston begegnen sich an einem solchen Unort. Beide arbeiten am Flughafen Manchester, als sie sich über den Weg laufen. Er ist Leiter des Terminal-Busverkehrs, regelt den Takt der Ankünfte. Sie schaut mehrmals die Woche vorbei, um die Verpflegungsautomaten mit Snacks und Wechselgeld aufzufüllen. Sie kommen ins Gespräch, verstehen sich auf Anhieb – und werden Freunde. Seit 2011 feiert die Uno am 30. Juli den Internationalen Tag der Freundschaft, damit der Zusammenhalt gestärkt wird.«Ich werde ihn finden»Zusammenhalt, den spüren Dave Green und Andrea Urmston von Anfang an, auch ohne allzu viel über den Freundschaftstag zu wissen, der auf einen paraguayischen Arzt im Jahr 1958 und seine Freunde zurückgeht. Sie sprechen viel über ihre Leidenschaft für Motorräder, lachen über dieselben Witze, merken, dass sie ihren Tee auf exakt die gleiche Weise trinken. All das erzählen sie nach Jahren dem britischen Sender BBC, der die Geschichte der beiden ungewöhnlichen Freunde nun öffentlich gemacht hat.Denn Dave Green und Andrea Urmston – er ist heute 60, sie 53 Jahre alt – sind nicht einfach Menschen, die sich in schweren Zeiten beistehen und sich alles Mögliche erzählen können, ohne die Sorge zu haben, das Gegenüber verstehe es nicht. Sie sind blutsverwandt.Andreas Mutter hatte als 15-Jährige einen Knaben zur Welt gebracht. Sie gab ihm den Namen Stuart und übergab ihn der Adoptionsbehörde. Andrea hörte bereits als Sechsjährige, dass sie einen grossen Bruder habe. Auf dem Kaminsims der Mutter stand stets ein Babyfoto von Stuart. «Ich werde ihn finden», versprach das Mädchen. So erzählt sie es der BBC. 2005 ist ihr das letztlich gelungen, ohne dass sie es wusste.Zwei Jahre nach dem ersten Treffen berichtet Dave Andrea, dass er seinen Pflegesohn wieder an dessen leibliche Eltern zurückgeben müsse. «Ich habe das Gefühl, ihn im Stich zu lassen», sagt er zu Andrea. Das beschäftige ihn vor allem deshalb, weil er selbst adoptiert sei. Sie erzählt ihm daraufhin, dass es auch in ihrer Familie eine Adoption gegeben habe. Ihr Bruder sei weggegeben worden. Wieder haben sie etwas gemeinsam.Stuart Proudlove?Dave verrät ihr seinen Geburtsnamen: Stuart Proudlove. «Stuart Proudlove?», fragt Andrea. Es ist kein Allerweltsname, das könne kein Zufall sein. Der Geburtstag auf der Geburtsurkunde? Stimmt überein. Die kleine Schwester hat den grossen Bruder gefunden. Beide können es nicht fassen. Noch heute, bald zwanzig Jahre nach der Nachricht, fliessen bei dem hochgewachsenen, tätowierten Mann die Tränen, wenn er den BBC-Journalisten darüber berichtet.Die beiden fahren zu ihrer, ja zur gemeinsamen Mutter. Dave sieht das Babyfoto auf dem Kaminsims. Auch seine Adoptiveltern hatten ein ähnliches Bild stets an der Wand hängen. Er stellt fest, dass er als Busfahrer jahrelang am Haus seiner leiblichen Familie vorbeigefahren war, ohne zu wissen, wer da lebt. Er umarmt die Frau, die ihn zur Welt gebracht hat. «Es flossen viele Tränen», erzählt Andrea Urmston der BBC. «In meinem Leben war vorher wirklich nicht so viel Positives, jetzt habe ich herausgefunden, dass meine beste Freundin meine Schwester ist», sagt Dave Green. Sie nennen es einen «Lotteriegewinn».Die beiden Geschwister durchlebten Ähnliches wie die Französin Anaïs Bordier und die Amerikanerin Samantha Futerman. 2013 entdeckt Anaïs, damals Modedesign-Studentin in London, ein Youtube-Video, in dem Samantha mitspielt. «Das Mädchen auf dem Bildschirm blickte mich an, und ich sah mich selbst», sagte die damals 25-jährige Anaïs. Und tatsächlich: Die beiden Frauen wurden 1987 als Zwillingsschwestern in Südkorea geboren und zur Adoption freigegeben. Auch die beiden New Yorkerinnen Adriana Scott und Tamara Rabi hatten 2003 eine vergleichbare Geschichte zu erzählen. Als ein Freund Adrianas zu einem Geburtstag von Tamara eingeladen war, wunderte er sich über das Geburtstagskind. «Adriana?» Tamara war irritiert und traf später ihre Zwillingsschwester: Beide wurden in Mexiko geboren und kurz danach von zwei Familien adoptiert.Passend zum Artikel