Xenia Fjodorowa war die Stimme des Kremls in Frankreich. Die Russin verbreitete Propaganda in Medien des Milliardärs Vincent Bolloré. Nun soll sie das Land wegen «Bedrohung der öffentlichen Ordnung» verlassen.Christine Longin, Paris30.07.2026, 14.59 Uhr3 LeseminutenXenia Fjodorowa an der Pariser Buchmesse. Ihr Buch «Bannie» erschien 2025 bei Bayard, einem Verlag des rechten Medienmoguls Vincent Bolloré.Maréchal Aurore / ImagoEine halbe Stunde lang reagierte Emmanuel Macron bei seiner ersten Pressekonferenz mit Wladimir Putin im Mai 2017 diplomatisch auf komplizierte Fragen. Doch dann wurde der Ton im Schloss Versailles schärfer. Xenia Fjodorowa, damals Leiterin des Pariser Studios des russischen Senders RT, warf dem frisch gewählten Präsidenten vor, russische Medien aus seiner Wahlkampfzentrale ausgeschlossen zu haben. «Wenn Medienhäuser ehrenrührige Unwahrheiten verbreiten, dann handelt es sich nicht mehr um Journalisten, sondern um Instrumente der Einflussnahme», erwiderte Macron sichtlich genervt. Solche hätten in seinem Wahlkampf nichts zu suchen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.2027 wird in Frankreich wieder gewählt, und Fjodorowa soll diesen Wahlkampf nicht mehr beeinflussen. Seit Mittwoch liegt eine ministerielle Ausweisungsverfügung gegen die Russin vor. Die 45-Jährige verletze die grundlegenden Interessen des Staates, hiess es zur Begründung. Ihre Präsenz in Frankreich sei eine «besonders schwere und aktuelle Bedrohung der öffentlichen Ordnung». Sie manipuliere die öffentliche Meinung und untergrabe so das Vertrauen der französischen Bürger in ihre Institutionen.Ein Schützling Vincent BollorésFjodorowa war 2017 mit einem «passeport talent», einem Aufenthaltstitel für hochqualifizierte Fachkräfte, nach Frankreich gekommen. Als Chefredaktorin leitete sie das Pariser Büro des russischen Propagandasenders RT, der nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 verboten wurde. Fjodorowa blieb trotzdem im Land und erhielt 2024 sogar eine Aufenthaltserlaubnis für zehn Jahre. Nach der Schliessung von RT fand Fjodorowa ihren Platz in den Medien des politisch rechts aussen stehenden Milliardärs Vincent Bolloré. Sie trat regelmässig in dessen Fernsehsender CNews auf, kommentierte im Radiosender Europe 1 und schrieb für die Sonntagszeitung «Journal du Dimanche» und deren Magazin «JDNews».Nach dem russischen Angriff auf die historische Maria-Entschlafens-Kathedrale in Kiew im Juni verbreitete sie in «JDNews» die Moskauer Propaganda. Es könne sich um Schäden handeln, die durch eine fehlgeleitete amerikanische Patriot-Abwehrrakete verursacht worden seien, schrieb sie. Wenn es um die Deportation Tausender ukrainischer Kinder nach Russland ging, sprach Fjodorowa von «humanitären» Aktionen. Die Vergiftung des ehemaligen Agenten Alexander Litwinenko in Grossbritannien bezeichnete sie als «westliche Darstellung».Bei CNews hatte sie so viel Einfluss, dass sie im Mai zur Ablösung von General Bruno Clermont beitrug, dem langjährigen Berater des Senders für Militärfragen. «Mein Fehler ist einfach: Ich habe der Russin Xenia Fjodorowa nicht gefallen», zitierte die Zeitung «Libération» den General. Fjodorowa selbst stilisierte sich zu einem Opfer der Meinungsfreiheit. In ihrem Buch «Bannie» (Verbannt), das im vergangenen Jahr in Bollorés Verlag Fayard erschien, schrieb sie zum Verbot von RT: «Unser Ausschluss wurde vorab festgeschrieben, programmiert und umgesetzt. Ich wurde zum Schweigen verdammt.»Fjodorowa habe sich geschickt verkauft, sagte der ehemalige Berater von Michail Gorbatschow Wladimir Fedorowski in «Le Monde»: «Sie hat sich über eine Opferrhetorik in den Bolloré-Medien profiliert.» Die Influencerin verbreitete nicht nur die Kreml-Propaganda in Frankreich. Sie nahm auch aktiv an Veranstaltungen teil, bei denen es um die Wahlkampfstrategie im nächsten Jahr ging. So war sie am ersten Treffen der Denkfabrik von Bolloré dabei, wie die Zeitung «Le Monde» schrieb. Die Denkfabrik soll dabei mithelfen, 2027 die Rechte in Frankreich an die Macht zu bringen.Politiker forderten ihre AusweisungIn jüngster Zeit hatten Politikerinnen und Politiker, unter ihnen die Grünen-Chefin Marine Tondelier und der Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann, eine Ausweisung Fjodorowas gefordert. Der Aussenminister Jean-Noël Barrot bezeichnete Fjodorowa als «anerkannte Propagandaagentin». Wer ihr ein Mikrofon gebe, «verteilt die Suppe von Putin». Nach der Bekanntgabe ihrer Ausweisung bekundeten CNews und die Lagardère-Gruppe ihre Solidarität mit der Russin. «Auch wenn man nicht alle Meinungen und Analysen von Frau Fjodorowa teilt, sind Canal+ und Lagardère der Ansicht, dass die Tatsache, sie an einer Beteiligung an der öffentlichen Debatte zu hindern, eine besonders schwere Einschränkung der Meinungsfreiheit darstelle», hiess es in einer gemeinsamen Erklärung. Ihr Anwalt Emmanuel Piwnica kündigte Berufung gegen die Entscheidung an.Die französische Regierung will generell stärker gegen ausländische Einmischung vorgehen. Vergangene Woche präsentierte Innenminister Laurent Nuñez einen entsprechenden Gesetzentwurf gegen «ausländische Einflussnahme auf demokratische Prozesse». Das Gesetz ist auf die nächsten Wahlen gemünzt. Fjodorowa dürfte dann nicht mehr im Land sein.Passend zum Artikel