Für den einen gab es stehende Ovationen, für den anderen gellende Pfiffe: Nur gut vier Tage nach dem verlorenen WM-Finale gegen Spanien in New York versuchte Leondro Paredes, die bösen Geister mit Arbeit zu vertreiben. Im Trikot der Boca Juniors stürzte sich jener argentinische Nationalspieler wieder in die Alltagsarbeit, der nach dem Abpfiff gegen Spanien gegen gleich zwei Kontrahenten handgreiflich wurde. Die Fans im legendären Stadion Bombonera dankten es ihm beim 1:0-Hinspielsieg über O'Higgins (Chile) in einem Spiel der Copa Sudamericana mit stehenden Ovationen. Für sie ist Paredes einer, der alles für sein Land gegeben hat.Ganz anders ergeht es derzeit Claudio „Chiqui“ Tapia. Wo der Präsident des argentinischen Fußballverbandes AFA in diesen Tagen sein Gesicht in einem argentinischen Stadion zeigt, gibt es unüberhörbare Buhrufe und Pfiffe. Korruptionsvorwürfe machen den einst Unantastbaren plötzlich verwundbar. Auch Lionel Messi zeigte sich kurz in der Öffentlichkeit. Bei einem Viertligaspiel im nasskalten argentinischen Winter tauchte der Weltstar in seiner Heimatstadt Rosario auf. Und wirkte dabei nachdenklich und zurückhaltend.Im Zentrum einer Korruptionsaffäre: Verbandschef Claudio TapiadpaÜber allem schwebt die Frage: Wie geht es weiter nach dem Turnier, das zwar sportlich erfolgreich war, dem Ruf des argentinischen Fußballs außerhalb des Landes aber schwer geschadet hat. Vorwürfe einer Bevorteilung der Argentinier durch die Schiedsrichter gegen Ägypten, die Schweiz oder England und mehr noch ihre ruppige, bisweilen über die Grenzen des Anstandes gehende aggressive Spielweise kratzen am Image von Messi und Co. Inzwischen macht Staatspräsident Javier Milei eine vermeintlich aus Brasilien und Mexiko finanzierte „antiargentinische Kampagne“ für die Stimmung verantwortlich, Beweise dafür legte er bislang nicht vor.Zwei Szenarien für MessiVom Hochadel des argentinischen Fußballs hat bereits wenig überraschend Nicolás Otamendi (38) seinen Rücktritt erklärt. Der Rest wartet ab. Torhüter Emiliano „Dibu“ Martínez hat angedeutet, dass er sich genau überlegt, ob es für ihn eine Zukunft im argentinischen Tor gibt. Trainer Lionel Scaloni ließ ebenfalls wissen, dass es zu Ende gehen könnte mit seiner Amtszeit, die zugleich die erfolgreichste eines argentinischen Nationaltrainers in der Geschichte des südamerikanischen Landes ist.Den Schlüssel für die Zukunft aber hält Lionel Messi in der Hand. Und es ist Tradition im Hause des Kapitäns der Albiceleste, dass er die Seinen in Rosario um sich sammelt, um bei einem Asado, dem traditionellen argentinischen Barbecue, die wesentlichen Fragen zu klären. Wenn Messi ruft, dann kommt sein Nachbar Scaloni, ganz sicher auch der ihm nahestehende Ángel Di María, der ebenfalls in der Nähe wohnt. Der Weltmeister von 2022 ist wie Ex-Nationalspieler Maxi Rodriguez zwar nicht mehr für die Auswahl des Landes aktiv, gilt aber als wichtiger Ratgeber von Messi. Aus Rosario ist zu erfahren, dass es zwei Szenarien gibt.Das erste sieht vor, dass Messi noch einmal zwei Jahre dranhängt, um die nächste Copa América zu spielen. Vor allem aber um das ramponierte Image aufzubessern, denn auch einem Lionel Messi ist es nicht egal, wie der Rest der Welt über sein Heimatland denkt. Dabei könnte helfen, dass die nächste Copa wohl wieder in den USA stattfinden könnte, wo der südamerikanische Fußballverband CONMEBOL bereits 2016 und 2024 viel Geld verdiente.An Messis Entscheidung hängt wohl auch die Zukunft von Spielern und engen Wegbegleitern wie Leandro Paredes (hier in der Mitte)Picture AllianceIm eigentlich vorgesehenen Gastgeberland Ecuador sind so hohe Ticketpreise nicht durchsetzbar. Vor allem ist die Sicherheitslage nicht überzeugend, was CONMEBOL eine willkommene Hintertür für eine abermalige lukrative Austragung in den USA öffnen dürfte. Macht Messi weiter, könnte auch Scaloni, Martínez oder sein „Leibwächter“ Rodrigo de Paul weitermachen. Die Familie bliebe noch einmal zusammen.Das zweite, wahrscheinlichere Szenario sieht ein sofortiges Karriereende von Messi im Nationaltrikot vor. Das wäre wohl auch gleichbedeutend mit dem Rückzug von Scaloni, Martínez, de Paul, Paredes und noch so einigen anderen in die Jahre gekommenen Nationalspielern. Da würde auch das Imagevideo nicht helfen, mit dem die AFA jüngst versuchte, das Herz von Scaloni für eine Verlängerung zu erwärmen. Es wäre das Ende von „La Scaloneta“, wie die Argentinier ihre aktuelle Nationalmannschaftsgeneration in Anlehnung an ihren Trainer nennen.Tapa kämpft um das eigene ÜberlebenIn dieser Phase wäre eigentlich der Verbandspräsident Tapia der Mann, der das Heft des Handelns in die Hand nehmen müsste. Doch Tapia kämpft um das eigene Überleben. Die US-Justiz hat sich in dem Fall der Dutzenden Millionen Dollar festgebissen, die aus Argentinien nach Miami transferiert wurden. Mit Spannung erwarten alle Beteiligten nun die Aussagen eines bislang nicht namentlich bekannten Zeugen, der laut Medienberichten am Donnerstag (Ortszeit) in Miami vor einer Grand Jury im Wilkie D. Ferguson Jr. United States Courthouse in Miami erscheinen soll.Von ihm erhoffen sich die Ermittler Klarheit darüber, was es mit den Verträgen und Transaktionen im Wert von über 263,7 Millionen Euro auf sich hat, deren Verbleib und deren Zweck Fragen aufwerfen. Er muss laut Medienberichten unter Eid aussagen. Im Raum steht der Verdacht, dass von diesem Geld eine Menge in den Taschen der AFA-Spitzenfunktionäre landete. Konkret profitiert haben sollen AFA-Präsident Tapia, Schatzmeister Toviggino sowie zwei eng verbandelte Berater und Geschäftsleute. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe vehement von sich.Doch jetzt, wo der WM-Zauber vorbei und der Alltag zurück ist, frisst sich die seit Monaten schwelende Korruptionsaffäre um die AFA-Spitze so ganz langsam in die Köpfe der argentinischen Fußballfans. Und die scheinen ihr Urteil schon gefällt zu haben. Laut argentinischer Zeitung „Clarín“ sieht die Grand Jury Miami die Beweislage offenbar als ausreichend an, um den Weg für ein Strafverfahren gegen Tapia und Toviggino zu ebnen. Käme es so, wäre es wohl der Dominostein, der letztlich eine Rücktrittslawine in der Verbands- und auf Nationalmannschaftsebene auslösen würde.
Macht Lionel Messi weiter? Die Zukunft des argentinischen Fußballs ist ungewiss
Nach der bitteren Niederlage im WM-Finale plagen den argentinischen Fußballverband Imageprobleme und eine Korruptionsaffäre. Die Zukunft scheint ungewiss. Und über allem schwebt die Frage: Was macht Messi?






