Wie aus der gescheiterten Richterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf ein neuer Star des linksliberalen Milieus wurdeVor einem Jahr stiess sie auf Widerstand konservativer Abgeordneter, heute meldet sich die Juristin häufig in Kolumnen und Interviews zu Wort. Im September erscheint ihr Buch in dem sie mit der Richterwahl abrechnen dürfte.Armin Arbeiter, Berlin30.07.2026, 13.50 Uhr4 LeseminutenDie Juristin Frauke Brosius-Gersdorf sagt, sie sei eine «politischere Person» geworden.Frank Hoermann / ImagoZuletzt sass sie doch noch im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Zwar nicht als Richterin, sondern als Staatsrechtlerin, als sie Ende Juni als Teilnehmerin an einer Podiumsdiskussion über die Bedeutung des Gerichts referierte. Ein Jahr zuvor schien es, als würde Frauke Brosius-Gersdorf vom Deutschen Bundestag zur Verfassungsrichterin gewählt. Die SPD hatte sie als Kandidatin vorgeschlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach Kritik aus konservativen Kreisen, die aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Positionen Zweifel an ihrer Eignung hatten, sowie einer – wie sie es nennt – «Kampagne rechtsalternativer Medien» zog Brosius-Gersdorf ihre Kandidatur zurück. Vor allem ihre Ansichten zum Schutz ungeborenen Lebens, aber auch ihre Kritik am Verfassungsgericht, als es urteilte, dass muslimischen Rechtsreferendarinnen bei Gericht das Kopftuch verboten werden könne, sorgte für Skepsis bei Abgeordneten von CDU und CSU.Auch darüber spricht sie in der Podiumsdiskussion in Karlsruhe: «Rechtsnationale politische Kreise, neurechte Medien, erzreaktionäre religiöse Kreise» hätten mit «Stimmungsmache, Diffamierung, Verzerrungen und Desinformation» gearbeitet. Damit hätten sie «ein Stück weit Einfluss» auf die Richterwahlen gewonnen – man müsse «unheimlich aufpassen», legte sie ihre Sicht im Hinblick auf die Unabhängigkeit des Gerichts dar.Universität Hamburg: «Kein Plagiat»Die Debatte im vergangenen Sommer erschütterte die damals junge schwarz-rote Koalition massiv. Und während die deutsche Regierungskoalition nach wie vor von Krise zu Krise taumelt, läuft es gut für Brosius-Gersdorf.Erst diese Woche teilte die Universität Hamburg – ein Jahr nach den Vorwürfen – mit, dass Brosius-Gersdorfs Doktorarbeit keine Plagiate aufweise. Im Zuge der Debatte im vergangenen Sommer waren Vorwürfe laut geworden, ihre Arbeit weise Parallelen zu der Habilitationsschrift ihres Ehemannes auf. Damit ist die Verfassungsjuristin in diesem Bereich rehabilitiert. Ihre Ansichten und Einschätzungen zum politischen Geschehen sind jedoch bereits seit längerem vor allem in linksliberalen Medien gefragt.Schon im Januar hatte Brosius-Gersdorf in einem Interview mit der linken «TAZ» gesagt, sie sei «eine politischere Person» geworden. «Sie können sicher sein, dass ich mich auch weiter einbringe», kündigte sie an. Das tat sie.Zahlreiche MedienauftritteSo schreibt sie für die «Süddeutsche Zeitung» eine Kolumne und meldet sich monatlich zu Themen wie Staatsverschuldung, Ehegattensplitting oder Pflegeversicherung zu Wort. Zumeist verbindet Brosius-Gersdorf dort gesellschaftspolitische Liberalität mit einem starken Sozialstaat.Am Donnerstag sprach sie in einem Podcast des Magazins «Stern» darüber, dass sie ein Verbot der AfD skeptisch sehe. Beim Vorhaben der sachsen-anhaltinischen AfD, ein Begrüssungsgeld für Babys einzuführen, wenn mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, verspüre sie jedoch ein «verfassungsrechtliches Störgefühl». Das Begrüssungsgeld müsse für alle gelten.Als der ehemalige Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU, Jens Spahn, aufgrund der Leihmutterschafts-Affäre zurücktrat, sah Brosius-Gersdorf dessen Schritt in einem Interview mit der «Zeit» als konsequent an. Man könne nicht Wasser predigen und Wein trinken.Gleichzeitig freue sie sich darüber, dass Spahn Vater geworden sei. Jener Mann, der Brosius-Gersdorfs Nominierung zuerst mitgetragen hatte und dann auf Druck seiner Fraktion zurückruderte. Darauf wollte sie im Interview weniger eingehen – vielmehr sprach sie sich dafür aus, freiwillige Leihmutterschaft unter strengen Schutzvorkehrungen auch in Deutschland zuzulassen. Das Verbot spreche Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung ab. Das sage sie nicht aus feministischer, sondern aus freiheitlicher Perspektive, betonte sie.«Linkspartei soll Verfassungsrichter vorschlagen dürfen»Ihre Perspektiven wird Brosius-Gersdorf in ihrem neuen Buch noch weiter ausführen. Anfang September erscheint «Wahl und Wahrheit», in dem sie sich den «grossen gesellschaftlichen Streitfragen der Gegenwart» widmet. Nach Angaben des Verlags geht es unter anderem um die Themen Schwangerschaftsabbruch, Religionsfreiheit, Leihmutterschaft, Parteiverbote sowie den Schutz von Wissenschaft und Justiz vor politischen Kampagnen.Brosius-Gersdorf wird darin auch über die Beschimpfungen und herabwürdigenden Kommentare schreiben, die ihr vergangenen Sommer vor allem in den sozialen Netzwerken entgegenschlugen. Ebenso wird sich im Buch unter anderem Vorschläge für eine Reform der Richterwahl im Bundestag einbringen. Im Januar plädierte sie etwa dafür, der Linkspartei ein Vorschlagsrecht für Richter zuzugestehen. Bei der AfD hielt sie die Antwort wegen deren Einstufung durch den Verfassungsschutz für schwieriger.Die offizielle Vorstellung des Buches wird am 4. September von der TV-Moderatorin Anne Will moderiert, einen Tag später tritt Brosius-Gersdorf am Internationalen Literaturfestival in Berlin auf. Die Diskussion findet in Kooperation mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» statt. Bemerkenswert ist die Kooperation auch deshalb, weil Brosius-Gersdorf der «FAZ» noch vor einem Jahr vorgeworfen hatte, den Widerstand gegen ihre Kandidatur durch anonyme Zuspitzungen und verkürzte Darstellungen verstärkt zu haben.Sind die vielen Auftritte und das neue Buch der Auftakt für eine politische Karriere? Zumindest in den Nutzerforen linksliberaler Zeitungen werden vereinzelt Rufe nach Brosius-Gersdorf als Bundespräsidentin laut. Zur «TAZ» sagte sie im Januar, eine Richterinnenstelle am Bundesverfassungsgericht werde wohl nicht mehr in Betracht kommen. Für «interessante Positionen» stehe sie aber weiter zur Verfügung. «Vor allem, wenn das unserem Land nützt».Passend zum Artikel
Frauke Brosius-Gersdorf: Vom Widerstand zur neuen Stimme des Linksliberalismus
Vor einem Jahr stiess sie auf Widerstand konservativer Abgeordneter, heute meldet sich die Juristin häufig in Kolumnen und Interviews zu Wort. Im September erscheint ihr Buch in dem sie mit der Richterwahl abrechnen dürfte.







