Bomben fallen, Tote werden geborgen, Häuser stürzen ein und mittendrin: die Journalistinnen und Journalisten des katarischen Nachrichtensenders Al Jazeera. Mit ihren blauen Mikrofonen, blauen „PRESS“-Westen und Helmen auf dem Kopf berichten sie seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 über die Ereignisse im Gazastreifen. Nun aber, so die Social-Media-Plattform Gaza 24 Live, sollen die Verträge von etwa 20 Journalistinnen und Journalisten, die während des gesamten Krieges für den arabischsprachigen Sender und dessen Website berichtet haben, gekündigt oder nicht verlängert werden. Nach eigenen Angaben erreicht der Nachrichtensender – in Arabisch und Englisch – in mehr als 150 Ländern mehr als 430 Millionen Menschen. Immer wieder wurde dem Sender und seinen Journalisten im Gazastreifen vorgeworfen, die Hamas zu unterstützen.Speziell die israelische Regierung ist kein Freund des Senders, sie hat 2024 die Büros des Senders im Westjordanland geschlossen und ein Sendeverbot verhängt. Im von der Hamas beherrschten Gazastreifen haben die palästinensischen Journalistinnen und Journalisten des Senders dennoch seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 immer weitergemacht: Sie lieferten Bilder von Zerstörung, Tod und Vertreibung sowie Stimmen der Menschen dort. Israel verweigert ausländischen Journalisten bis heute den Zugang zum Gazastreifen. Vereinzelt dürfen sie das Gebiet in Begleitung der israelischen Armee betreten, doch das ist umstritten: Gezeigt wird nur, was die israelische Regierung zeigen will – von unabhängiger Berichterstattung kann keine Rede sein.Die Foreign Press Association in Israel, die Interessenvertretung ausländischer Journalisten, hat deshalb wiederholt vergeblich beim Obersten Gerichtshof Beschwerde eingelegt. Also bleiben internationale Medien auf die Berichte ihrer Kolleginnen und Kollegen am Ort angewiesen. Was genau zu den Kündigungen der rund 20 Journalisten geführt haben soll, ist unklar. Die Theorien, die kursieren, reichen von Sparmaßnahmen bis hin zu israelischem Druck. Eine öffentliche Stellungnahme des katarischen Senders blieb bislang aus. Eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung blieb bislang unbeantwortet.„Unsere Häuser wurden bombardiert, und wir sind wieder aufgestanden.“„Ist das die Belohnung für jemanden, der auf der Straße geschlafen, Hungersnöte ertragen, Verfolgungen überstanden“ habe, fragt der palästinensische Kameramann Mahmoud Shalha in einem Video. Er bezeichnet das Vorgehen Israels als „Völkermord“, sagt, er habe Krieg, Belagerung und Entbehrungen durchlebt, „damit das Bild auf euren Bildschirmen bleiben konnte“. Journalist Mohammed Shaheen schreibt auf Facebook, er habe erwartet, dass seine Arbeit so enden würde wie die seiner im Krieg getöteten Kollegen. Er dankte der früheren Geschäftsführung des Senders dafür, dass sie dem Team in Gaza das Vertrauen geschenkt hatte, die Geschichte der Palästinenser mit ihrer eigenen Stimme zu erzählen. „Unsere Angehörigen wurden einer nach dem anderen getötet, und wir haben standgehalten. Unsere Häuser wurden bombardiert, und wir sind wieder aufgestanden.“Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen wurden zwischen Oktober 2023 und Ende 2025 etwa 220 Journalistinnen und Journalisten im Gazastreifen getötet. In mindestens 65 Fällen habe der Tod in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit gestanden, einige seien gezielt getötet worden. Israel weist solche Vorwürfe zurück und erklärt, einige der Getöteten hätten Verbindungen zu Terrororganisationen wie der Hamas gehabt. Vor allem der katarische Nachrichtensender gerät regelmäßig ins Visier der israelischen Regierung. Der israelische Kommunikationsminister Shlomo Karhi bezeichnete den Sender kurz nach dem Überfall der Hamas als „Propaganda-Sprachrohr“.Der Nahostexperte Simon Wolfgang Fuchs von der Hebräischen Universität in Jerusalem führt die Kritik auch auf die besondere Stellung des Senders zurück: Er habe als einziges internationales Medienunternehmen aus allen Teilen des Gazastreifens berichtet. Dies habe seiner Ansicht nach den Zorn Israels erregt. „Es ging der Regierung Netanjahu in ihrem Feldzug gegen Al Jazeera meist weniger um konkrete Berichte, vielmehr arbeite man mit dem delegitimierenden Argument, dass den Al-Jazeera-Journalisten generell nicht zu trauen sei, weil es sich bei ihnen um Hamas-Mitglieder oder zumindest Sympathisanten handle“, sagt Fuchs. Damit sei auch der Tod der mehr als 200 palästinensischen Journalisten und Medienleute seit dem 7. Oktober gerechtfertigt worden.In den vergangenen Monaten haben andere Krisen Schlagzeilen gemacht. Die Kämpfe im Gazastreifen aber gehen trotz Waffenruhe weiter: Die israelische Regierung hat inzwischen große Teile des Küstenstreifens eingenommen und kommuniziert auch, dass dies nicht das Ende sein soll. Solange internationalen Journalisten der unabhängige Zugang verwehrt ist, bleibt die Weltöffentlichkeit auf die Berichte der palästinensischen Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Jener also, deren Arbeit Al Jazeera nun offenbar nicht mehr honorieren will.
Al-Jazeera kündigt Gaza-Journalisten
Laut Medienberichten sollen Verträge von rund 20 Journalisten im Gazastreifen beendet werden. Israel verweigert einen unabhängigen Zugang.







