Nach fast 50 Jahren stellt das ZDF die Krimi-Reihe „Ein Fall für zwei“ ein. Die Hauptdarsteller Antoine Monot und Wanja Mues sprechen über das überraschende Serien-Aus, die Kraft guter Geschichten und warum sie mit Pater Brown weitermachen.Als das ZDF am 11. September 1981 erstmals den Freitagabendkrimi „Ein Fall für zwei“ ausstrahlte, war das die Geburtsstunde eines Ermittlerduos, das gegensätzlicher nicht sein konnte. Claus Theo Gärtner tauchte als raubeiniger Privatdetektiv Josef Matula in die Frankfurter Halbwelt ein und sorgte gemeinsam mit dem von Günter Strack dargestellten, gewichtigen und gutmütigen Anwalt Dr. Renz für Recht und Gerechtigkeit. 2014 wurde die Reihe neu aufgelegt. Seitdem verkörpert Wanja Mues den Privatdetektiv Leo Oswald, Antoine Monot spielt den Rechtsanwalt Benjamin „Benni“ Hornberg. Sie sind ebenfalls trotz ihrer unterschiedlichen Herangehensweisen ziemlich beste Freunde – und auch außerhalb der Dreharbeiten eng miteinander verbunden. Das für 2027 angekündigte Ende von „Ein Fall für zwei“ werde daran nichts ändern, so die Darsteller. Ein Gespräch über Endlichkeit, Abschiedsschmerz und ein gemeinsames neues Projekt.WELT: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Serien-Aus erfuhren?Antoine Monot: Es hat mich natürlich mitgenommen und es tut immer noch weh. Das Team, mit dem wir zusammengearbeitet haben, mag ich sehr. Die Arbeit mit Wanja allen voran hat mir sehr viel Freude gemacht. Mehr als 13 Jahre lang hatte ich die Möglichkeit, eine Figur weiterzuentwickeln und zu schärfen.Wanja Mues: Wir sind auf der Höhe des Erfolgs, haben, wie ich finde, dieses und letztes Jahr die besten Folgen überhaupt gedreht. Es ist zumindest schön, dass wir auf dem Zenit aufhören.Lesen Sie auchWELT: Kam das Aus überraschend?Lesen Sie auchMonot: Es kam total überraschend. Auf der anderen Seite war mir klar, dass irgendwann dieser Anruf kommen würde, in dem mir mitgeteilt wird, dass die Serie eingestellt wird. Nicht wegen unserer Serie oder wegen des ZDFs oder der Produktionsfirma, sondern weil in der heutigen Zeit alles eine Endlichkeit hat. Vielleicht bin ich jetzt auch einfach in dem Alter, in dem mir das immer bewusster wird (lacht).WELT: Was ist das Einzigartige an „Ein Fall für Zwei“?Mues: Wenn ich mit Zuschauern ins Gespräch komme, höre ich immer wieder, dass hier der Krimi benutzt wird, um menschliche Geschichten zu erzählen, die gut ausgehen. Die Zuschauer wollen nach einer schweren Arbeitswoche und den schlechten Nachrichten in der „Tagesschau“ Leute sehen, die für das Gute eintreten, dabei nicht nur nach Regeln vorgehen, sondern auch mit dem Herzen. Natürlich müssen die Verbrechen bestraft werden. Aber manchmal muss sich die Figur Leo Oswald eben auch in Grauzonen bewegen, um zu Unrecht Verdächtigen Recht zu verschaffen. Die tröstliche Botschaft, die dahintersteckt: In Notsituationen kann es Mechanismen geben, die einem helfen können, da wieder herauszukommen.WELT: Seit diesem Jahr bieten Sie einer besonderen Ermittlerfigur eine Live-Bühne: Gilbert Keith Chestertons „Pater Brown“. Wie kam es dazu?Mues: Antoine und ich haben uns über die Jahre eng befreundet. Irgendwann haben wir uns gefragt, ob wir nicht auch neben den Dreharbeiten ein Krimi-Projekt angehen wollen. Auf der Suche nach einer guten Geschichte sind wir auf Pater Brown gekommen. Antoine hat dann herausgefunden, dass all die bekannten Pater-Brown-Verfilmungen so gut wie gar nichts mit den 52 Kurzgeschichten zu tun haben, außer, dass es um einen ermittelnden Pfarrer geht. Als wir das originale Buch durchgearbeitet haben, entdeckten wir einen literarischen Fundus, der sich hervorragend für eine Hörspiel-Performance eignet.WELT: Was fasziniert Sie an Pater Brown?Monot: Schon die Entstehung der Geschichten ist spannend. Chesterton war mit einem Pfarrer befreundet und überrascht, was für einen tiefen Einblick der Geistliche durch die Beichte in die Abgründe seiner Gemeindemitglieder hatte. Das inspirierte den englischen Schriftsteller, eine Detektiv-Figur zu entwickeln, die nicht analytisch an einen Fall herangeht, wie zum Beispiel Sherlock Holmes, sondern einen emotionalen Zugang zu einem Verdächtigen sucht, indem er überlegt: Was würde ich tun, wenn ich der Täter wäre?WELT: Die Geschichten um Pater Brown entstanden zwischen 1910 und 1935. Warum begeistern Sie noch heute?Mues: Brown ist eine Figur, die in Zeiten der Orientierungslosigkeit Werte setzt. Ähnlich wie in „Ein Fall für zwei“ geht es oft um Menschen, die Ungerechtigkeit erleben, die sich aber auch Fehltritte geleistet haben und dennoch die Hoffnung nicht verlieren müssen, wenn sie an einen so vorurteilsfreien Menschen geraten wie Pater Brown.WELT: Die ersten Vorstellungen waren ein großer Erfolg. Warum funktioniert ein Hörspiel in einer Medienwelt, die auf maximale Effekte ausgerichtet ist?Monot: Das ist in unserem Fall kein anachronistisches Programm mit zwei Menschen, die auf einem Hocker sitzen und etwas lesen. Unter der künstlerischen Leitung von Stefanie Sick, meiner Frau, die auch die Texte bearbeitet hat, ist ein Abend entstanden, bei dem viel auf der Bühne passiert. Der Beatboxer Marvelin, der uns begleitet, kreiert nur mit seiner Stimme einen Soundtrack wie bei einem Film. Die Spannung, die dabei entsteht, ist irre. Und das alles in Echtzeit. Gut möglich, dass das auch eine Folge des Lockdowns ist. Ich beobachte, dass Menschen wieder verstärkt zusammenkommen, um Unterhaltung live zu erleben. Insofern liegen wir im Trend. Nach der Vorstellung gibt es im Foyer die Möglichkeit, mit uns Fotos zu machen. Auch das ist eine echte Interaktion, die uns Spaß macht.Mues: Das Besondere bei dem Hörspiel ist ja, dass sich das Publikum auf eine innere Reise einlassen muss. Wir wecken die Figuren zum Leben. Aber die Bilder, die wir in den Köpfen erzeugen, sind bei jedem anders. Wenn sich die Leute dann später darüber austauschen, setzt sich das Live-Event auf sehr kommunikative Art fort.Lesen Sie auchWELT: Haben Sie als Kinder Hörspiele gehört?Mues: Ich habe „Der starke Wanja“ von Otfried Preußler rauf und runter gehört und „Als die Autos rückwärts fuhren“ von Henning Venske. Das hat bei mir so viel an Fantasie ausgelöst. Durch meinen Vater Dietmar Mues, der viele Hörspiele aufgenommen hat, konnte ich schon als Kind bei manchen selbst mitmachen. Ich habe mir aber auch von meinem Vater, der ein einzigartiger Vorleser war und eine tolle Stimme hatte, bis ins Teenageralter Bücher wie „Moby Dick“ oder „Die Schatzinsel“ vorlesen lassen.WELT: Die Stiftung Lesen beklagt, dass die Kultur des Vorlesens in den Familien deutlich zurückgeht.Mues: Das ist ein echter Verlust. Als meine Söhne noch in dem Alter waren, in dem ich ihnen abends im Bett vorgelesen habe, war das immer ein Ereignis, auf das wir uns gefreut haben. Wir sind dann zusammen für eine Stunde in eine andere Dimension abgetaucht.Lesen Sie auchWELT: Herr Mues, Ihre Eltern sind 2011 mit zwei weiteren Personen bei einem tragischen Unfall in Hamburg ums Leben gekommen, als ein Mann, der während der Fahrt einen epileptischen Anfall bekam, in eine Menschengruppe fuhr. Entsteht beim Lesen von Hörspielen eine besondere Erinnerung an Ihren Vater?Mues: Ja, es befördert vor allem in den Momenten eine Verbindung zu ihm, in denen ich merke, dass ich das Gegenüber nicht richtig erreiche. Das kann passieren, wenn ich mit dem Kopf woanders bin, das Lesen in dem Moment als Belastung empfinde. Es ist eine geradezu meditative Aufgabe, zu sich zu finden und den Text so zu verinnerlichen, dass man ihn überzeugend darbieten kann. In Momenten, in denen ich nach dieser Verinnerlichung suche, hilft mir der Gedanke an meinen Vater. Dann frage ich mich, wie er das jetzt machen würde, gehe in einen inneren Dialog mit ihm: Ich brauche mal deine Hilfe. Ich höre dann Worte wie: Bleib bei dir! Durchatmen! Nicht irgendwas forcieren! Lass dich ganz auf die Geschichte ein!Lesen Sie auchWELT: Herr Monot, Sie haben eine Waldorfschule besucht, zu deren Konzept es gehört, Kinder möglichst medienarm aufwachsen zu lassen. Wie war das?Monot: Meine Kindheit war natürlich weit entfernt von den digitalen Welten, in denen sich junge Menschen heute bewegen. Bis zum siebten Lebensjahr durfte ich in der Woche eine Sendung von einer halben Stunde sehen. Das war meistens das Sandmännchen. Wenn meine Mutter den Fernseher ausgemacht hat, bin ich dahinter gegangen, um zu gucken, wann Sandmännchen und Co. herauskommen.WELT: Im Waldorfinternat gab es vermutlich gar keinen Fernseher.Monot: Es gab nicht mal ein Radio. Da ich als Scheidungskind die Sommerferien bei meinem Vater verbrachte, der ein lockereres Verhältnis zum Fernsehkonsum hatte, guckte ich dort, dass es kein Erbarmen gab. Da habe ich mit elf Filme wie „Tod eines Handlungsreisenden“ gesehen oder Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Das waren Filme, die nicht wirklich altersgerecht waren, die ich aber wie andere Klassiker sensationell fand. So konnte ich die Medienarmut ausgleichen. Seit ich das mit sieben Jahren konnte, habe ich aber auch sehr viel gelesen, weil ich mehr lesen wollte, als mir meine Mutter vorlesen konnte, und ich zu ungeduldig war, auf die Fortsetzung der Geschichte zu warten.Lesen Sie auchWELT: Während die einen an der Waldorfpädagogik die ganzheitliche Förderung schätzen, kritisieren andere Esoterik und autoritäre Strukturen.Monot: Ich denke, es kommt immer sehr auf die Schule und die Lehrer an. Ich persönlich habe die Förderung von Stärken und Talenten als positiv erlebt. Die Bühnenerfahrung bei einer Schulaufführung trug entscheidend dazu bei, dass ich Schauspieler geworden bin.WELT: Zur Technikfeindlichkeit wurden Sie offensichtlich nicht erzogen. Immerhin wurden Sie der „Tech Nick“ in der Saturn-Werbung.Monot: Ich bin auch im wahren Leben der Tech Nick, komplett technikaffin und habe mir 1995 meine erste Webseite programmiert.Lesen Sie auchWELT: Gut für Ihre Fans, dass Sie kein Informatiker geworden sind, sondern Schauspieler.Monot: Den Liebhabern von „Ein Fall für zwei“ wird der Abschied von der Serie übrigens nicht allzu schwer gemacht. 2027 soll noch ein Spielfilm als Abschluss gedreht werden.Mues: Danach kommt was Neues. Ich habe in meinen 40 Jahren Berufsleben schon viele Serien gedreht. Irgendwann kommt immer ein Ende. Das öffnet auch Zeit und Raum für andere spannende Rollen.