Es war der Sommer 2016, als Borussia Dortmund zuletzt ungefähr so viel Geld für einen neuen Spieler ausgegeben hat. Damals kam ein wortkarger junger Mann, Ousmane Dembélé, den der damalige BVB-Scout Sven Mislintat bei Stade Rennes in der französischen Bretagne aufgetan hatte. „Ous“ stellte sich schnell als ein, nun ja, eigenwilliger Typ heraus, aber Thomas Tuchel, damals Dortmunds Trainer, ließ den verrückten Dribbler einfach machen. 40 Scorer-Punkte und zwölf Monate später war Dembélé schon wieder fertig mit seinem Trittstein BVB, er streikte sich durch schlichtes Durchbrennen weg zum FC Barcelona. Aber auf dem Platz war er schon gut – seufzen die meisten. Und am Ende soll er auch noch an die 150 Millionen Euro Ablöse für den BVB eingebracht haben.Konstantinos Karetsas, der für angeblich 32 Millionen Euro jetzt aus dem alten belgischen Kohlerevier vom KRC Genk nach Dortmund wechselt, dürfte in vielen Punkten das ziemliche Gegenteil von Ousmane Dembélé sein. Auftreten, Benehmen, Reflektiertheit – kein Vergleich. Nur wenn man das Dribbling anschaut, kommen die beiden vielleicht doch vom selben Stern.MeinungGeplanter Teilverkauf der WM-Rechte:Europa muss den Infantino-Spuk jetzt beendenKaretsas ist erst 18, und ähnlich wie früher bei Haaland, Bellingham, Sancho oder eben Dembélé fragt man sich, wie dieses Wunderkind des belgischen Fußballs zu Borussia Dortmund geraten konnte, wo es doch in Madrid, Manchester und Mailand auch ganz gute Fußballvereine gibt mit noch viel mehr Geld. Und deren Scouting-Divisionen sich die Youtube-Videos mit den Dribblings, Pässen und komplizierten Schüssen von Karetsas ja ebenso angeschaut haben.Ein bisschen versteht man es vielleicht, wenn man zwei Dinge hört über den jungen Belgier, geboren tatsächlich in Genk: Im vergangenen Frühjahr, mit 17, entschied er sich „ziemlich spontan, weil ich finde, dass man bei der Frage, für welches Land man spielen will, nur auf sein Herz hören sollte“, fortan lieber für das Land seiner Ahnen zu spielen. Für Griechenland. Dabei hatte er vorher alle belgischen Jugend-Nationalteams verzaubert. Griechenland ist das Land, aus dem sein Großvater auswanderte, um in Belgien auf einer Zeche zu malochen. Seine Eltern sind beide Griechen, aber Griechenland kannte Karetsas nur als das Land, in das es „jeden Sommer in den Ferien ging“.Mit Karetsas kehrt der BVB zu einer Kultur zurück, die in den vergangenen Jahren etwas verblasst istZweitens hat Konstantinos Karetsas, als er dann erstmals in Athen für Griechenlands Nationalmannschaft spielte, gegen Schottland gleich ein Tor geschossen. Mit einem dieser Schüsse, die sich angeschnippelt über Freund und Feind ins lange Eck des Tores drehen, als würden sie zugleich in Zeitlupe fliegen, und doch so unerreichbar einschlagen wie ein Meteorit. Anschließend hat Karetsas, der sein kurzes Leben lang hauptsächlich Flämisch, also Niederländisch, spricht und zu Hause Griechisch, auf Englisch der nicht ganz unbekannten New York Times ein Interview gegeben. „Wenn du eins gegen eins gegen deinen Gegenspieler gehst und dann schießt, flankst, querlegst oder noch einen Doppelpass spielst – das ist das, was Fußball zu einem wunderbaren Spiel macht.“ Was Karetsas wohl mit 19 oder 20 Jahren so formuliert?Als er „ungefähr zwölf“ war, erzählte er weiter, habe sein Trainer ihm immer wieder gesagt, er solle mit dem ewigen Dribbeln aufhören und den Ball abspielen. Man kennt die Ansagen: Der Ball ist schneller als du. „Mein Vater“, erzählte Konstantinos, „hat mir nur gesagt: Dribbel weiter! Und ich habe nie aufgehört zu dribbeln. Mein Vater bewunderte die ganz großen Spieler, die kreativsten Spieler, und die waren alle Dribbler.“ Die Galerie der von Karetsas am meisten Verehrten ist nicht unbescheiden: „Maradona, Ronaldinho, Neymar, Ronaldo – der brasilianische Ronaldo.“ Denen will er nacheifern. Plus Michael Jordan, dem größten aller Basketball-Stars.Vergangene Saison beim 1. FC Köln mit 13 Toren durchgestartet: Said El Mala (li.) ist ebenfalls ein kreativer Dribbler, Ina Fassbender/AFPMan darf gespannt sein, was Nico Kovac, Karetsas’ künftiger Trainer in Dortmund, zu den Ambitionen des jungen Mannes sagen wird, der ganz ausdrücklich der Nachfolger von Julian Brandt sein soll. Kovac ist bisher nicht gerade als Mentor junger Spieler aufgefallen, die sich noch dazu kein Dribbling verbieten lassen. „Roboterhaftes Passspielen“ findet Karetsas furchtbar.Mit dem Karetsas-Coup kehrt Dortmund jedenfalls zu einer Kultur zurück, die in den vergangenen Jahren etwas verblasst ist: die ganz jungen Superhelden nach Dortmund zu locken, mit der sofortigen Chance auf Stammplätze in einer ausgewachsenen Champions-League-Mannschaft, und mit einem aufwühlenden Stadion-Fluidum, das keinen jungen Fußballer kaltlässt. Strukturell sollen zugleich Möglichkeiten geschaffen werden, solche Diamanten wie Karetsas dann auch mindestens ein, zwei Jahre länger zu halten, statt mit Ablösesummen Jahr für Jahr die Löcher in der Budgetdecke sofort flicken zu müssen.Zu diesem „Zurück in die Zukunft“-Konzept soll möglichst auch Said El Mala gehören, 19 Jahre alt, und in der vergangenen Saison beim 1. FC Köln mit 13 Toren durchgestartet. Auch El Mala ist ein kreativer Dribbler, wenn auch zugleich viel gradliniger und wuchtiger als Karetsas. Köln, das El Mala erst im Sommer des Vorjahres für 350 000 Euro bei Viktoria Köln einkaufte, will angeblich eine Ablöse von 50 Millionen Euro durchpauken. Dortmund soll, von Dortmunds Sportchef Ole Book unbestätigt, 34 Millionen plus spätere Bonus-Optionen geboten haben.El Mala und seine Eltern, Papa Mohammed stammt ursprünglich aus Libanon, Mutter Sabrina aus Krefeld, sollen angeblich klar für den Wechsel nach Dortmund votieren. Das soll, neben der Ausstrahlung der Borussia und dem kolportierten Einstiegsgehalt von mehr als fünf Millionen Euro im Jahr, auch damit zu tun haben, dass Krefeld nur eine Autostunde von Dortmund entfernt ist, und „der Junge“ deshalb auch weiterhin den im Hause El Mala offenbar groß geschriebenen Familienanschluss hätte.Beiden, Karetsas und El Mala, dürfte schon jetzt vorschweben, Dortmund als Eingangstor zu nutzen, in die Welt des internationalen Glamours. Beide Dribbel-Artisten würden dem BVB zugleich den Rückweg zu schönem Fußball verheißen, von dem Konstantinos Karetsas so schwärmt. Dass sich keiner von beiden als Dembélé herausstellt, gilt als gesichert. Bis auf die Dribblings.
BVB-Transfer Karetsas: Ein neues Wunderkind für Dortmund – und vielleicht sogar noch eins
Haaland, Bellingham, Sancho, Dembélé: Mit dem jungen Superdribbler Karetsas knüpft der BVB an seine Transferstrategie mit Hochbegabten an.











